2. Der traditionelle Ansatz

Unter traditionell verstehen wir jedes Denken, das von einer uns vorgegebenen Welt ausgeht, wie auch immer sie philosophisch erklärt werden mag. Ihre Bestandteile sind die Seienden, und wir stehen notwendigerweise vor der Aufgabe, sie hinreichend genau zu erkennen, denn andernfalls könnten wir gar nicht (über)leben.

Die Erkenntnis der Seienden gilt diesem Ansatz – der Adäquationstheorie – zufolge als Wahrheit; unsere wahren Wissungen sind Darstellungen der Seienden als dem Wißbaren. Deswegen werden letztere auch häufig als Urbilder und unsere Wissungen als (deren) Abbilder verstanden.

 

Der traditionelle Ansatz bestimmt den Mainstream der letzten zweieinhalb Jahrtausende des abendländischen Denkens.

Innerhalb der Philosophie wurde er von Kant und dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling und Hegel – kritisch infragegestellt sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead. Seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken bei den Philosophen weitestgehend als unhaltbar, und ich kenne gegenwärtig keinen Großen unter ihnen, der (an) eine objektiv-reale Welt glaubt.

Aber dennoch dominiert dieser Ansatz außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften sowie der Theologie und im Alltagsdenken – häufig noch heute als eine angeblich unhinterfragbare Selbstverständlichkeit und feiert dort fröhliche Urständ.

 

Bei der katholischen Kirche besteht der Hauptgrund für dieses Zurückbleiben meines Erachtens darin, daß sie sich spätestens seit dem „Alleszermalmer“ Kant im wesentlichen vom philosophischen Denken verabschiedet hat und zumeist nur noch versucht, sich apologetisch gegen die – „Diktatur des Relativismus“ (Josef Ratzinger) in der – Moderne zu verteidigen. Daß die Kirche leider heute noch weitgehend glaubt, sich so verhalten zu müssen, resultiert freilich aus einem Mißverständnis:

Sie betrachtet die ihr anvertraute Offenbarung Christi – die in seiner Fleischwerdung besteht – irrtümlich als einen in sprachlicher Form übermittelten Glaubensschatz (Depositum fidei), der möglichst buchstabengetreu – ohne „auch nur ein Jota“ daran zu ändern – unversehrt durch die Wechsel der Geschichte hindurch zu bewahren ist.   

 

Wer traditionell denkt – das heißt offiziell: naiv-realistisch –, braucht keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich Menschen mit solch „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist: Was wollen diese ‚Philosophen‘ eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt.“

Der entscheidende Gedanke, daß das eigene Weltbild möglicherweise nicht den Zugang zur Welt eröffnet, sondern umgekehrt den Horizont darstellt, der das Denken begrenzt und gefangenhält, vermag bei dieser Grundeinstellung gar nicht aufzukommen.

 

Weil das traditionelle Denken so massiv von der griechischen Antike über das christliche Mittelalter bis tief in die Moderne hineinreicht, verstehen wir unseren abweichenden Ansatz als einen der Postmoderne. Das ist heute ein schillernder Begriff, in den auch vieles hineingelegt wird, was ich für unsinnig halte, mir nicht zusagt oder gar widerspricht; zum Beispiel, daß es postmodern keine Wahrheit geben soll.

Ich bitte Sie deshalb, bei diesem Begriff nur das zu assoziieren, was wir uns gemeinsam erarbeiten. Es kann bei einem sinnvollen Diskurs niemals um die Worte gehen; sie bilden nur das Medium, bei dem wir nicht stehenbleiben dürfen, sondern das wir zum damit Gemeinten durchschreiten müssen.

Sie interpretieren mich nur gut, wenn Sie versuchen, mich besser zu verstehen als ich selbst dies tue; dann fallen Ihnen mitunter auch geeignetere Worte ein, um das von mir Intendierte befriedigend darzustellen.

 

Gäbe es uns nicht, wäre die Welt der Seienden exakt die gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit des Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede einzelne Ameise ist millionenfach wichtiger für ihren Haufen als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, dann hängt das mit Sicherheit auch an ihren persönlichen Lebensumständen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, das traditionelle Denken könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht völlig abwegig sein.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

Das ist eine „Postmoderne“, von der wir wohl nicht viel zu erwarten haben.

 

Auch Jacques Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich; ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im traditionellen Denken befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden diesem Ansatz zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Spaemann und Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für die Welt gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Distanzen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge (nur) um uns als der Krone der Schöpfung geht?

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Blaise Pascal).

 

AD: „Aber es mag doch auch sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, sollte nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; auch er ist nicht sonderlich leicht zu lesen.