Exkurs für die Motivation: Naiver Realismus

„Naiver Realismus“ heißt in der nachkantischen Philosophie das Denkmodell, das nahezu alle „normalen“ Menschen im Abendland besitzen.

Sein Grundgedanke besteht darin, daß der physikalische Kosmos eine objektive Realität bildet, die uns allen eindeutig vorgegeben ist. Dazu zählen nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern sämtliche Körper im weitesten Sinne – menschliche, tierische, pflanzliche sowie anorganische einschließlich der künstlichen; die „Welt der Physik“ letztlich.

Diese objektive Realität ist im wesentlichen hinzunehmen; wir versuchen sie zu erkennen und haben dadurch vielleicht auch die Möglichkeit, Änderungen an ihr vorzunehmen. Aber ganz abgesehen davon ist ein hinreichend adäquates Wissen von der objektiven Realität für uns (über-)lebensnotwendig.   

 

Warum schreibe ich oben „Denkmodell“ und nicht „Weltbild“?

Weil es mir dabei um den grund-legenden Glauben an irgendeine objektive Realität geht. Bei uns besteht sie – zufällig – im physikalischen Kosmos, und dieser gehört zum Weltbild. Wir könnten aber auch überzeugt sein, die objektive Realität wäre ein Elefant auf der Schildkröte, der die Erde trägt, oder letztere sei eine Scheibe. Innerhalb des Denkmodells der objektiven Realität sind also die unterschiedlichsten Weltbilder möglich.

Um mein Anliegen möglichst sauber zu vertreten, werde ich also zumeist von der objektiven Realität und nicht speziell vom physikalischen Kosmos sprechen.

 

Der Naive Realismus – mit einem physikalistischen Weltbild – bestimmt den Mainstream der Moderne.

Innerhalb der Philosophie wurde er bereits von Kant und dessen unmittelbaren klassischen Nachfolgern – Fichte, Schelling, Hegel – kritisch infragegestellt, sowie später insbesondere von Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead immer stärker ad absurdum geführt. Seit 100 Jahren gilt das traditionelle Denken bei den Philosophen weitestgehend als obsolet, und ich kenne gegenwärtig keinen Großen unter ihnen, der (an) irgendeine objektive Realität glaubt.

Außerhalb der Philosophie – nicht zuletzt in den Naturwissenschaften, der Theologie sowie im Glaubensleben und Alltagsdenken – ist das freilich ganz anders; dort wird die (physikalische) objektive Realität kaum hinterfragt und als angebliche Selbstverständlichkeit betrachtet.

 

Damit läßt sich unser Grundbegriff der Tradition oder des traditionellen Denkens relativ leicht und sauber einführen. Wir meinem damit den naiv-realistischen Glauben an eine – ganz beliebige – objektive Realität mit all seinen Konsequenzen.

Zur Tradition gehören demzufolge sowohl Antike und Mittelalter als auch nahezu die gesamte Moderne – außerhalb der Philosophie.

Als Gegenbegriff oder Pendant zur Tradition wählen wir deshalb die Postmoderne, so daß sich die Neuzeit als Übergang von der Moderne zur Postmoderne verstehen läßt. An ihn möchte ich Sie mit diesem Buch heranführen.

 

Die objektive Realität merkt nicht, wenn wir sie wahrnehmen, so daß (bei Vernachlässigung aller quantentheoretischen Zusammenhänge) nur eine einseitige Wirkung existiert, die sich am besten, weil ganz anschaulich, als Abbildung verstehen läßt:

Wir erkennen die objektive Realität, indem wir sie in unserer Psyche abbilden.

Damit ergibt sich auch gleich ein passender Name für die Bestandteile oder Komponenten der objektiven Realität:  

Sie können zu Abbildern werden oder sind es potentiell und fungieren somit als Urbilder.

Was ich oben beispielhaft aufgezählt habe – Sonne, Mond . . . – sind folglich alles Urbilder. Dieses Wort kommt im Alltag nicht vor, ist aber völlig unproblematisch und hat noch nicht viel mit Philosophie zu tun; es klingt nur übertrieben anspruchsvoll.

Dort befindet sich das Urbild Sonne; sie ist abbildbar, und durch das Hinschauen erhalten wir ein Abbild davon in unserer Psyche. Wir können auch uns selbst und andere Menschen sehen; die Urbilder zerfallen somit in Subjekte und Objekte.

 

Wer so – naiv-realistisch – denkt, braucht natürlich keine Philosophie und kann nur staunen, weshalb sich ein paar Menschen mit deren „absurden Hirngespinsten“ beschäftigen, obwohl doch „in Wirklichkeit alles so einfach und selbstverständlich ist:

Was wollen diese Philosophen eigentlich? Sie konstruieren nur sinnlose Schein-Probleme an Stellen, wo es keine tatsächlichen gibt. Letztere gehören den ‚harten Fakten‘ des Alltags sowie der Wissenschaft und Technik an. Wozu noch Geisteswissenschaften?“

Kürzlich sagte ein Naiver Realist zu mir: „Die Philosophen bauen Brücken, wo kein Wasser ist.“ Ich war relativ gut drauf und konnte kontern „. . . nein; wo die anderen keins sehen.“

 

Der alles entscheidende Gedanke – auf den unsere Überlegungen unter anderem hinauslaufen werden –, besteht darin, daß das eigene Weltbild möglicherweise gar kein Bild von der objektiven Realität darstellt, sondern lediglich ein – aus der Vergangenheit stammendes – Vorurteil, das den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, indem es uns vorgaukelt, eine objektive Realität wiederzugeben.

Solange Ihnen diese Möglichkeit als absurd erscheint, ahnen Sie wahrscheinlich gar nicht, wovon ich überhaupt spreche, denn Sie müssen ja denken:

„Unsere Vorfahren haben beispielsweise Götter, eine Himmelsglocke und Hexen gesehen, die natürlich alle nicht existieren. Die mittelalterlichen Menschen waren eben noch ungebildet; zumeist ohne eigene Schuld; das soll nicht als Vorwurf verstanden werden. Aber heute verhält es sich doch ganz anders; was wir sehen, ist die Wirklichkeit!

 

Gäbe es uns nicht, wäre der physikalische Kosmos exakt der gleiche; jede leicht abschwächende Formulierung – „natürlich ohne unsere Körper“ – würde zwar stimmen, aber angesichts der praktischen Unendlichkeit dieses Kosmos an Größenwahn grenzen. Mit anderen Worten bedeutet das freilich, daß wir darin pure Nichtse sind; jede Ameise ist für ihren Haufen millionenfach wichtiger als wir für den Kosmos.

Jacques Monod schrieb in diesem Sinne: „Wir sind Zigeuner am Rande eines Universums, das taub ist für unsere Musik und unempfindlich für unsere Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

 

Wenn Menschen sich als unglücklich erleben und unter Depressionen, an Minderwertigkeitskomplexen oder Sinnlosigkeitsgefühlen leiden, hängt das gewiß auch mit ihren persönlichen Lebensumständen zusammen. Aber wenn die Zahl der davon Betroffenen im Abendland heute immer größer wird, muß der Gedanke, unser Weltbild könnte ebenfalls etwas damit zu tun haben, zumindest nicht als völlig abwegig erscheinen.

Michel Henry geht noch einen Schritt weiter und spricht von uns als „verlorenen Menschen“, die sich durch „ihr einseitig objektivistisches Denken in eine Masse von geistig Behinderten verwandeln“ werden, denn jeder reine Objektivismus „ist eine Philosophie des Todes“.

„Masse von geistig Behinderten“ klingt nicht sehr ermutigend; aber wenn wir uns umschauen – bis in die Universitäten hinein –, wo heute noch ernstlich gedacht und – die Karriereleiter sowie Mühe ignorierend – das Erbe der Aufklärung hochgehalten wird, muß man Henry nicht unbedingt widersprechen.

 

Auch Monod ist nicht zynisch oder verletzend, sondern einfach nur ehrlich und konsequent.

Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie sich die Sinnfrage im Naiven Physik-Realismus befriedigend beantworten lassen soll. Wir Menschen werden unserem Weltbild zufolge einmal ausgestorben sein – und weder ist dann im Kosmos etwas Entscheidendes geschehen, noch wird uns jemand vermissen.

Robert Spaemann und Reinhard Löw hatten gewiß Recht damit, daß wir „Die Frage Wozu?“ subjektiv sehr ernstnehmen sollten. Aber müßte dies nicht auch für den Kosmos gelten? Wozu der Aufwand mit den unermeßlichen Dimensionen – wenn es dem christlichen Glauben zufolge doch  allein um uns als der Krone der Schöpfung geht?

Schon Blaise Pascal konstatierte: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“.

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche, ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie etwas – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚Befremdliches‘ zum Ausdruck bringen.

Könnte es nicht sein, daß dieser ganze Aufwand mit seinen Wahnsinns-Ausdehnungen notwendig ist, damit es uns überhaupt geben kann?“

Sie haben uns noch gefehlt . . .; aber trotzdem herzlich willkommen!

 

Natürlich darf man das nicht ausschließen; diese Denk-Möglichkeit allein genügt jedoch ebensowenig wie der Glaube daran. Wer hiermit argumentieren möchte, müßte zumindest nachzuweisen versuchen, daß es sich wenigstens mit einer minimalen Wahrscheinlichkeit tatsächlich so verhalten könnte.

Man nennt den Gedanken, daß alles so beschaffen sein müsse, wie es ist, damit – physikalisch formuliert – im Kosmos Beobachter auftreten können, für die es diesen Kosmos erst gibt, das „anthropische Prinzip“. Auf einem enorm hohen Reflektionsniveau wurde es beispielsweise von John Archibald Wheeler, dem letzten großen Schüler Albert Einsteins, vertreten; aber selbst sein Versuch – nachzuweisen, daß der Kosmos für unsere Existenz erforderlich ist, – scheiterte.

Anton Friedrich Koch unternimmt gegenwärtig einen neuen Anlauf in dieser Richtung; sein Ergebnis ist wohl noch offen, aber leider auch nicht ganz leicht nachvollziehbar.