2.1. Urbild – Abbilden – Abbild

Der Mond existiert schon sehr lange; ein Baby sieht ihn irgendwann zum ersten Mal aus seinem Kinderwagen, aber davon merkt der Mond natürlich nichts; die Wechselwirkung der beiden ist total einseitig.

Läßt sich dieses Geschehen dann vernünftiger als mittels eines Abbildens beschreiben? Der Mond ist seit Jahrmillionen ein wißbares Seiendes, das potentiell als Urbild zur Verfügung steht; nun kommt auch unser Baby, erkennt ihn und erzeugt damit ein Abbild des Mondes in seinem Bewußtsein.

 

Wer glaubt, daß es auf die Frage, was ein wirklicher Freund sei, eine allgemeingültige wahre Antwort gibt, muß letztere als ein Abbild des Urbilds Freund verstehen. Halten wir einen Willen Gottes für relevant in unserem Leben, so müssen wir ihn abbilden; solange er nur in Gott ist, können wir ihm weder folgen noch widersprechen, weil wir ihn gar nicht kennen. Gelten uns – physikalische, juristische oder göttliche – Gesetze als wahr, so sind sie notwendigerweise bereits aus dem jeweiligen Gesetzeshimmel heraus abgebildet.

 

AD: „Ich verstehe gar nicht, wo Sie hier ein Problem sehen. Das Abbilden ist doch auch außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren oder Beschreiben, an Landkarten oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; „Das Abbilden ist nur außerhalb der Philosophie die normalste Sache der Welt . . .“.

Denn in diesem Fall gehören „Ur-“ und „Abbild“ unserem Bewußtsein an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Bild; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber und er malt dessen Porträt.

 

Innerhalb der Philosophie, bei unserem Problem also, liegt dagegen im Bewußtsein stets nur eine Seite vor; ein Bild, das lediglich als Abbild behauptet wird. Wir sehen dabei nicht doppelt, sondern denken uns das Urbild nur, um von seinem Außerhalb des Bewußtseins her die Entstehung dieses Bildes erklären zu können, womit wir es zu einem angeblichen Abbild machen.

Deswegen habe ich „Ur-“ und „Abbild“ oben mit Anführungsstrichen versehen; das sind ganz andere Begriffe, die wir nicht mit unseren philosophischen vermischen dürfen. Das Photo und Porträt stellen keine Abbilder dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

 

AD: „Natürlich sehen wir in unserem Fall nicht doppelt; der wirkliche oder seiende Mond ist ‚unsichtbar‘, weil er sich außerhalb des Bewußtseins befindet; aber unsere Vernunft verlangt ihn.“

Aber sie verlangt ihn doch nur, um die sichtbare Mond-Wahrnehmung verstehen zu können; natürlich ist eine Erklärung für letztere unbedingt notwendig, aber, wie wir sehen werden, kann sie auch ganz anders erfolgen.

Insbesondere dürfen wir nicht allein wegen der Mond-Wahrnehmung einen Ur-Mond erfinden, mit dessen Hilfe wir dann die Mond-Wahrnehmung erklären, ohne die es den Ur-Mond gar nicht gäbe.