0.1. Urbilder und Abbilder – im logischen Zirkel

Kommen wir auf das Abbilden im Naiven Realismus zurück.

Ein Kind sieht zum ersten Mal in seinem Leben den Mond. Der merkt natürlich nichts von seinem Bestaunt-Werden, so daß wir es mit einem völlig einseitigen Verhältnis zu tun haben. Das scheint sich zwar am besten durch Abbilden beschreiben zu lassen – geht aber nicht.

 

AD: „Ich verstehe gar nicht, wie Sie darin ein Problem sehen können. Das Abbilden ist doch auch vollkommen unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt; denken wir nur an das Photographieren, Malen und Beschreiben, an Landkarten, technische Zeichnungen oder Veranschaulichungen.“

Ich korrigiere Sie ein klein wenig; das Abbilden ist – nicht auch, sondern – nur unabhängig vom Naiven Realismus die normalste Sache der Welt.

 

In diesem Fall gehören sowohl das „Ur-“ als auch das „Abbild“ unserer Psyche an; beim Photographieren können wir beispielsweise das aufgenommene Gesicht unmittelbar mit dem Bild davon vergleichen; beide sind uns gegeben, und wir sehen – lax ausgedrückt – doppelt. Das Original und sein Photo; dem Künstler steht ein Mensch gegenüber, und er malt dessen Porträt.

Deswegen meine Anführungsstriche; mit Ur- bzw. Abbild in unserem philosophischen Sinne haben diese Beispiele auch nicht das Geringste zu tun. Das Photo oder Porträt stellt kein Abbild dar, und das Original bzw. der Mensch ist kein Urbild.

 

Innerhalb der Philosophie – bei unserem Problem also – liegt in der Psyche dagegen stets nur eine Seite vor; nennen wir sie provisorisch „Bild“. Die Kleine nimmt nur einen Mond wahr – das Bild eben.

Niemand sieht dabei doppelt; vielmehr wird im Außerhalb der Psyche ein Urbild erfunden oder gedacht, um mit seiner Hilfe die Entstehung des Bildes in der Psyche erklären zu können. Diese Konstruktion verwandelt das neutrale Bild in ein Abbild des behaupteten Urbilds.

Ich gebe natürlich das Bild zu – es ist sichtbar und läßt sich somit kaum ernstlich leugnen –, bestreite aber ganz vehement, daß

– es sich hierbei um ein Abbild handelt,

– hinter dem ein Urbild steht, das das Bild erst zu einem Abbild macht.

 

AD: „Wir sehen nicht doppelt; das Urbild Mond ist natürlich ‚unsichtbar‘, weil es sich außerhalb der Psyche befindet; aber unsere Vernunft verlangt seine Existenz: Wir könnten dort keinen Mond sehen, wenn er sich nicht dort befände.“

Ihr letzter Satz ist vielleicht sogar tautologisch; jedenfalls 100%-ig zutreffend:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sie sich nicht dort befände.

Das haben Sie freilich nicht sagen wollen; vielmehr:

Wir könnten die Mond-Wahrnehmung dort nicht haben, wenn sich der Ur-Mond nicht dort befände.

Aber dann bleibt mir Ihre Aussage unverständlich. Sie erfinden einen unsichtbaren Ur-Mond im Außerhalb der Psyche, um Ihre Mond-Wahrnehmung in deren Innerhalb „erklären“ zu können. Ich bezweifle jedoch sehr stark, daß es sich hierbei um eine Erklärung handelt:

1. Gegeben ist eine Mond-Sehung.

2. Deren Zustandekommen möchten Sie verstehen.

3. Dazu erfinden Sie einen unsichtbaren Ur-Mond.

4. Der einzige Hiinweis auf ihn, besteht in unserer Mond-Sehung.

5. Sie interpretieren letztere als Abbildung des erfundenen Ur-Monds.

 

Kann ein logischer Zirkel perfekter sein?

Sie erklären unsere Mond-Sehung mittels des Ur-Monds, von dem Sie nur durch die Mond-Sehung wissen:

Von den Urbildern wissen wir allein durch ihre Abbilder.

Die Urbilder machen uns ihre Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch seinen Donner.

Donar macht uns seinen Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meiner tiefsten Überzeugung zufolge pure Erfindungen.

 

(Das braun Geschriebene können Sie hier und im weiteren stets überlesen, ohne den Roten Faden zu verlieren.)

Es handelt sich bei unseren zwei Beispielen um einen (relativ weit verbreiteten) logischen Fehlschluß, den wir rein formal folgendermaßen schreiben können:

 

Prämisse 1: p → q „Wenn es regnet, wird die Straße naß.“  
Pränisse 2: q „Die Straße ist naß.“  
falsche Konklusion: → p „Also hat es geregnet.“  

Die Schlußfolgerung ist offensichtlich falsch, weil zum Beispiel auch Schnee geschmolzen, ein Wasserrohr geplatzt oder der Sprengwagen hier gewesen sein kann.

 

Sowohl Donar als auch die Urbilder stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen vielleicht ihre Zeit und ihr Recht gehabt haben; das kann ich nicht einschätzen. Aber wenn wir ihre Schwachstellen wissen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten

 

AD: „Ich bin noch nicht ganz einverstanden.

Die Naiven Realisten behaupten ihr Weltbild als ein Bild von der objektiven Realität, und Sie bestreiten das; damit steht es ‚1 : 1‘.“

Nein; das steht es nicht.

Für die Nicht-Übereinstimmung zwischen einer angeblichen objektivem Realität und „ihrem“ Bild gibt es praktisch unzählige Möglichkeiten; ich sage also nahezu eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich gar nicht der Erwähnung bedürfte.

Die Naiven Realisten halten dagegen etwas ganz Spezielles oder Singuläres für richtig, so daß nur sie  in der Beweispflicht stehen.

Daß gerade Kühe heilig sein sollen, müßte auch begründet und braucht nicht widerlegt zu werden.

 

Die Stelle scheint mir wichtig genug zu sein, um sie noch ein wenig auszubauen.

Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven essen zu können; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und das, sagen die Mythen, verdanken wir der Göttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.

Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erklärung für wahr hält „so ist es wirklich“, dem kommt sehr wohl eine Begründungspflicht zu.

Mit dem bloßen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung, sondern distanzieren uns lediglich von ihm. Weder bedarf das einer Rechtfertigung, noch bedeutet es, sich um eine andere Erklärung bemühen zu müssen.

 

Was geht mich denn die Meinung von Herrn Müller an? Warum denn gerade sie? Frau Meyer sagt doch auch etwas? Das gilt für ausnahmslos alle bloßen Meinungen, vollkommen unabhängig davon, wer sie äußert. 

Autorität kommt gegebenenfalls dem Inhalt zu – und sollte dies freilich auch –, aber niemals seinem Sprecher oder Schreiber.

 

AD: „Dann stellen die Urbilder also nur Projektionen der – angeblichen Ab- – Bilder dar?“

Genau; Ludwig Feuerbach hatte mit seiner Religionskritik völlig Recht. Viele Gläubige haben eine Vorstellung von Gott und sind überzeugt, daß es diesen Gott objektiv-real, das heißt, auch außerhalb ihrer Psyche gibt und sie ihn dort – mit Hilfe einer Offenbarung oder wie auch immer – adäquat erkannt hätten.

Aber das ist natürlich Unsinn, meinte Feuerbach; diese Gläubigen haben ihre Gottes-Vorstellung – nicht von außen nach innen abgebildet, sondern – von innen nach außen projiziert

Feuerbach hat das zwar völlig richtig durchschaut, jedoch übersehen, daß seine Erkenntnis absolut nichts speziell mit Gott zu tun hat, sondern für sämtliche Urbilder gilt, das heißt, für die gesamte objektive Realität; Urknall, Materie, Energie, Evolution, Sonne, Mond . . .

 

Die angeblichen Urbilder müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unserer Psyche befinden sollen. Dort sind sie nicht zugänglich und können somit auch unmöglich abgebildet werden.

Wir korrigieren daher die traditionell-hausbackene Annahme:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Bilder, (an) die wir subjektiv ganz fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns auch außerhalb der Psyche  vorzustellen; „sie müssen sich wirklich dort befinden“.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus der Psyche herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.