0.1.1. Es gibt kein Abbilden

Wo stehen wir?

Für uns gibt es keine objektive Realität mit ihren Urbildern; der traditionelle Glaube daran läßt sich recht leicht als ein solcher an die eigenen Projektionen durchschauen. Wir benötigen letztere nicht, weil uns absolut nichts über das Außerhalb unserer Psyche bekannt ist oder auch nur sein könnte.

Die Tradition geht hingegen davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Urbilder vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber – um die eigene Position zu festigen – einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen sind selbst die Urbilder oder bereits deren Abbilder

 

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern. Das paßt genau; eine „Bildersorte“ fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

Daß wir (die provisorischen) Bilder sehen, scheint unbestreitbar zu sein; warum belassen wir es nicht dabei?

Die Tradition erfindet Urbilder, steht damit vor dem Problem, wie wir diese sehen können und löst es durch Abbilden:

Indem

– erfundene Urbilder

– angeblich abgebildet werden,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – den Bildern.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun erkennen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es ganz einfach dabei bewenden lassen.

Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß wir ihn sehen.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß wir sie fühlen.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß wir sie zählen oder berechnen.

Es gibt keine Materie, ohne daß wir sie messen.

Es gibt keinen Geist, ohne daß wir ihn erleben.

 

AD: „Daß es das Abbilden gar nicht geben soll, will ich nicht glauben.

Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns bereits beim Photographieren oder Porträtieren oben begegnet ist; dieses „Abbilden“ ist nicht unser philosophisches Abbilden.

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur sinnvoll und verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den Raum vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu ihm sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Seh-Voraussetzungs-Theorie – sehen wir nichts; das ist die Bedeutung von „notwendigen“.

Wir sehen nicht, weil unsere Augen gegebenenfalls geschlossen sind; aber wir können im allgemeinen sehen – jedoch nicht weil sie offen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht, als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht wieder dem obigen Gesicht, das photographiert wird. Wir sehen ihn doch auch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in unserer Psyche befinden.

Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat; das ist ein bloßer „Abbildungs“-Fehler.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb der Psyche – und deswegen erreichen wir sie nicht.