2.1.4. Es gibt kein Abbilden

Die Tradition geht davon aus, unsere Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Seienden vernünftig erklären zu können. Wir bezweifeln das, lassen uns aber einmal darauf ein und sehen dann zwei verschiedene Möglichkeiten:

Die Wahrnehmungen könnten selbst die Urbilder sein oder bereits deren Abbilder

Im ersteren Fall sind uns die Urbilder selbst gegeben, so daß wir weder ein Abbilden noch Abbilder benötigen; beide sind völlig überflüssig.

Bestehen die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, liegt das Abbilden bereits hinter ihnen; wir haben es nicht nur nicht getan, sondern wissen auch nichts davon, so daß wiederum kein Abbilden auftritt.

Bei beiden Denkmöglichkeiten – Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder – gibt es also kein Abbilden. Das eine Mal fehlt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal mit den Urbildern. Wir müssen dem traditionellen Denken zufolge aber abgebildet haben; erinnern sie sich an das Baby oben, das zum ersten Mal den Mond sieht, der schon sehr lange existiert.

 

Üblicherweise wird argumentiert:

Weil der traditionelle Ansatz das Abbilden erforderlich macht, muß es – irgendwie – vonstatten gehen.

Wir kehren die Logik um:

Weil das Abbilden niemals vorkommt, muß der traditionelle Ansatz, der es unbedingt benötigt, falsch sein.

 

AD: „Ja; aber unser Baby-Mond-Problem haben wir trotzdem zu lösen . . .; und wie sollte das gehen ohne Abbilden?“

Wenn es kein Abbilden gibt, brauchen wir auch keinen Ur-Mond mehr; aber mit der Welt und ihren Seienden ist der ohnehin bereits weg. Was bleibt uns dann überhaupt noch?

Die Mond-Sehung, -Wahrnehmung oder -Erfahrung; etwas ausführlicher: das  Den-Mond-Sehen, -Wahrnehmen bzw. -Erfahren.

 

Das klingt häßlich – was jedoch relativ belanglos ist –, läßt sich aber gut verstehen:

Schauen Sie jetzt bitte einmal auf Ihren Laptop. Diese Situation können wir beschreiben durch:

Laptop-Sehung bzw. Den-Laptop-Sehen; es gibt philosophisch nur diese eine einzige Entität.

Ranulph Glanville formuliert mein Anliegen so: „Es gibt nichts Gewusstes ohne einen Wisser; es gibt nichts, was wir wissen könnten, ohne uns, die es wissen.“

 

Aber so denken oder reden wir nicht; die Sprache verlangt einen ordentlichen Satz:

„Ich sehe (den) Laptop“.

Die Grammatik verleitet uns also zu philosophischen Fehlern; auf einmal gibt es unabhängig voneinander sowohl ein Ich als auch einen Laptop und den Akt des Sehens zwischen beiden.

Aus Eins macht die Sprache Drei; das inhaltlich-philosophisch Richtige – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – wird durch die Sprache in drei Bestandteile verwandelt, denn wir benötigen grammatisch Subjekt, Prädikat und Objekt. 

 

Ludwig Wittgenstein spricht in diesem Zusammenhang von der „Sprachverhexung unseres Denkens“. Wir müssen den sprachlichen Regeln folgen und mißverstehen damit häufig rein grammatische Sachverhalte als inhaltliche. Das Philosophieren besteht nach Meinung Wittgensteins wesentlich darin, gegen diese Sprachverhexung anzugehen – in einem Kampf, der wohl niemals gewonnen werden kann.

Ein Paradebeispiel für die Gefahr, Philosophie und Grammatik zu verwechseln, bilden natürlich die Begriffe Subjekt und Objekt, weil sie in beiden Disziplinen fundamental sind.

Auf der einen Seite steht die Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur der indoeuropäischen Sprachen, derzufolge jeder vollständige Satz ein grammatisches Subjekt verlangt.

Das Subjekt stellt auf der anderen Seite auch einen Grundbegriff der modernen Philosophie dar; aber dabei handelt es sich natürlich um ein ganz anderes Subjekt; die beiden haben rein gar nichts miteinander zu tun. In „der Wind weht“ fungiert  der Wind als grammatisches Subjekt, aber keiner von uns wird in ihm ein philosophisches sehen wollen, wie es pausbäckig in Kinderbüchern auftritt.

 

Zurück zu unsere Beispiel:

Das einzig Gegebene und Unbestreitbare – die Laptop-Sehung bzw. das Den-Laptop-Sehen – entfällt und wird durch zwei Größen ersetzt – das Ich sowie den Laptop –, die in diesem Zusammenhang gar nicht vorkamen und somit als Erfindungen zu betrachten sind. Es war eine Sehung, und auf einmal gibt es ein Ich mit seinem Laptop.

Damit stehen die Vertreter dieser Theorie vor dem Riesenproblem, wieso das Ich eigentlich von dem Laptop wissen kann – und lösen es durch Abbilden:

Indem

– ein erfundenes Ich

– einen erfundenen Laptop

– angeblich abbildet,

sind wir wieder bei dem, was uns von Anbeginn gegeben war – der Laptop-Sehung bzw. dem Den-Laptop-Sehen.  

Das hätten wir einfacher haben können!

 

Oben sollte deutlich werden, daß kein Abbilden existiert.

Nun sehen wir, daß dies auch nicht erforderlich ist, wenn wir das uns Gegebene ernstnehmen und es dabei bewenden lassen. Die Abbildtheorie stellt einen philosophischen Nonsens dar, der an Unlogik kaum zu überbieten ist.

 

Zu Ihrer Frage zurück:

Für uns gibt es weder ein Baby noch einen Mond an sich, sondern nur eine Mond-Sehung. Sie erfolgt irgendwann im Leben – nicht: „des Babys“, denn Wissungen können unmöglich leben – erstmalig und wiederholt sich dann nahezu beliebig oft.

Bei einem solchen Ansatz sehe ich weder unlösbare Probleme noch müssen wir etwas erfinden.