0.1.3. „Unphilosophisch einfache“ Hilfestellung

Meine Kritik am traditionellen Denken in diesem Exkurs, scheint mir persönlich glasklar und evident zu sein. Trotzdem mache ich immer wieder die Erfahrung, daß manche Zuhörer mich mit großen fragenden Augen anschauen und offensichtlich gar nicht verstehen (können), wovon ich überhaupt spreche. Ihnen versuche ich nochmals zu helfen und drücke mich dabei bewußt „unphilosophisch einfach“ aus.

 

Dort ist die Sonne als eine Wahrnehmung; sie ist Ihnen ebenso möglich wie mir.

„Wir müssen nur hinschauen, um sie zu sehen“, ist richtig, verführt aber zu dem falschen Gedanken, daß sich dort an sich, das heißt, völlig unabhängig von unserem Hinschauen noch eine – andere – wahrnehmbare, weil objektiv-reale Sonne befindet.

 

Wer so und damit traditionell denkt, benötigt also zwei SONNEN; zum einen die Wahrnehmung oder Abbildung Sonne, die es ohne unser Wahrnehmen natürlich gar nicht gäbe, und zum anderen die davon unabhängige urbildliche oder an sich seiende Sonne, die auch ohne uns Menschen schiene, dies der Evolutionstheorie zufolge schon vor Jahrmilliarden tat und unsere Wahrnehmung Sonne erst ermöglicht; ohne Sonne keine Sonne.

Blicken wir auf die Sonne an sich (Urbild), so ergibt sich die Sonne für uns (Abbild).

Einerseits scheint das einleuchtend zu sein.

Andererseits sehen wir aber nie doppelt, so daß uns immer nur die Wahrnehmung Sonne gebeben ist. Niemand hat jemals die Sonne gesehen; wir schauen „zu ihr hin“, kommen aber „immer schon zu spät“ für sie, denn es zeigt sich uns „bereits“ die Sonnen-Wahrnehmung.

Somit haben wir insbesondere keinerlei Möglichkeit des Vergleichs, der unsere Sonne tatsächlich als ein (adäquates) Abbild der Sonne ausweisen könnte. 

 

„Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn sie nicht dort wäre“, stellt einen Standard-Einwand gegen meine Ansicht dar. Er wirkt aber nur so überzeugend, weil seine Formulierung das problematische Abbilden überspielt:

Wir könnten die Sonne als Wahrnehmung doch gar nicht haben, wenn die Ur-Sonne nicht dort wäre, und das Abbilden ist der Weg, der von ihr zur Wahrnehmungs-Sonne führt. Jene wurde zwar niemals gesehen, sondern lediglich – als einfachste Erklärung der Sonne – erfunden, aber alle traditionell Denkenden glauben, von ihr zu sprechen.

 

Was soll das sein, diese Sonne?

AD: „Na das dort oben!“

Nein; das ist die Sonne; wäre es die Sonne, könnten wir sie nicht sehen.

Traditionalisten behaupten die Sonne als Wahrnehmung (von) einer ominösen Sonne, obwohl diese nur ausgehend von der Wahrnehmung Sonne erfunden wurde, um letztere zu erklären, aber selbst niemals gesehen wurde. Diese Sonne ist reines Seemannsgarn, ein philosophisches Glaubensbekenntnis, das sich durch nichts rechtfertigen läßt.

 

Ich kenne Menschen, die Stein und Bein schwören, den Teufel erfahren zu haben. Traditionell benötigen sie dann einen Teufel, um erklären zu können, wie das möglich war. Mir ist die Feststellung wichtig, daß der Glaube an die Sonne keinen Deut vernünftiger ist als der an den Teufel.

Damit bestreite ich Teufels-Erfahrungen ebensowenig wie Sonnen-Wahrnehmungen, in beiden Fällen aber ihre traditionelle Interpretation.

Teufels- sind ebenso möglich wie Sonnen-Erfahrungen, aber die Sonne ist ebenso absurd wie der Teufel.

 

AD: „Ich würde aus persönlichen Gründen den Teufel gerne aus dem Spiel lassen . . .

Aber Sie werden doch nicht ernstlich bestreiten wollen, daß uns die – Sie würden formulieren: ‚Erfindung‘ der – Ur-Sonne gestattet, die Wahrnehmung Sonne mittels der physikalischen Theorie des Sehens wunderbar zu erklären. Bei Ihnen muß die Sonne dagegen ‚vom Himmel gefallen‘ sein.“

Nein; das ist sie nicht; natürlich müssen wir erst noch verstehen, wie die Wahrnehmung Sonne bei uns überhaupt möglich wird. Aber dafür haben die traditionell Denkenden zu erklären, wo ihre Sonne herkommt; erst dann können sie daraus die Wahrnehmungs-Sonne ableiten. Vor einem Herkunfts-Problem stehen wir also beide.

Das traditionelle Denken ist somit das dubiosere, weil es etwas prinzipiell Unerreichbares voraussetzt. Daß Sie es wahrscheinlich umgekehrt erleben, resultiert nicht aus einer angeblichen Selbstverständlichkeit dieses Ansatzes, sondern aus 2 500 Jahren Gewöhnung – die wir mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen.

 

AD: „Ich verstehe Sie leider immer noch nicht.

Wir gehen spazieren und sehen in der Ferne über den Bäumen einen Turm; das ist unser Ziel, und in zwei Stunden werden wir es erreicht haben. Während des Weges liegt höchstens die Sicht auf den Turm vor, das heißt, ein Abbild von ihm. Angekommen am Ziel haben wir den wirklichen Turm selbst, können in ihm als dem Urbild hinaufsteigen, unsere Namen einritzen und herunterfallen; bei seinem Abbild geht das alles nicht.“

 

Ihr Beispiel bietet – ganz wie die Photos oder Porträts oben – kein Modell für das traditionelle Denken in Ur- und Abbildern, und deswegen waren diese beiden Begriffe wiederum unangemessen, so daß Sie auch die Unterstreichungen hätten weglassen müssen.

Canceln Sie den Turm in Ihren Übelegungen einfach einmal, wie wir es mit den Urbildern tun; dann wäre etwa folgende Beschreibung möglich:

Beim Start und während des Wanderns sind allein Turm-Sehungen möglich. Unsere Ankunft besteht darin, daß nun Turm-Betastungen, -Besteigungen, -Ritzungen, -Verfehlungen und andere Turm-Erfahrungen, die zuvor nur erwartet oder antizipiert wurden, möglich werden.  

 

Der Allerwelts-Satz „Ich nehme einen Turm wahr“ wird im allgemeinen so verstanden, daß dort an sich ein Turm steht und wir ihn wahrnehmen. Dann wäre aber dieser Turm das Wahrgenommene, und indem wir ihn wahrnehmen oder abbilden, gelangen wir zu einer Wahrnehmung von ihm – dem wahrgenommenen, an sich oder unabhängig von uns existierenden Turm.

Die Formulierung „Ich nehme einen Turm wahr“ läßt sich somit fast nur traditionell – als Verdopplung zu zwei TÜRMEN – und damit meines Erachtes falsch verstehen.

AD: „Jetzt begreife ich erst, was Sie soeben mit Ihrer Bemerkung, daß wir die 2 500 Jahre Gewöhnung mit nahezu jedem grammatisch sauberen Satz bestätigen und fortsetzen, gemeint haben.“

 

Wir könnten weiterfragen, wo sich Ihr wahrgenommener Turm befinden soll.

AD: „Auf dem Berg natürlich; wo sonst?“

Nein; diese Antwort ist nicht natürlich, sondern im Sinne der Tradition falsch, weil wir unseren TURM-Disput nun als BERG-Disput fortsetzen müßten:

Es gibt natürlich auch zwei BERGE; den wahrgenommenen Berg und die Wahrnehmung Berg. Der Turm steht auf dem Berg, und beides sind Abbilder; der Turm kann sich dagegen nur auf dem Berg befinden, und beides sind Urbilder.

Sie sollten ahnen, wo das hinführt: Turm auf dem Berg, Berg in der Landschaft, Landschaft aus der Insel, . . . – nämlich zum Aufbau einer ganzen Hinterwelt.

 

Nehmen wir noch die Verstehungen als Beispiel, weil sie vielleicht einfacher sind; sie benötigen kein Verstandenes.

Während Sie jetzt lesen, will ich bei Ihnen ganz bestimmte Verstehungen bewirken, und irgendwelche werden sich auch tatsächlich einstellen. Welche das sind, kann ich nicht wissen; und welche Verstehungen ich bei Ihnen beabsichtigt hatte, ahnen Sie nicht; es gibt kein Verstandenes, sondern jeder hat immer nur seine eigenen Verstehungen.

Gefallen Ihnen die Ihrigen – weil sie gut in Ihr bisheriges Weltbild passen, originell sind oder weshalb auch immer –, so denken Sie vielleicht, mich (richtig) verstanden zu haben. Aber das ist doch weder von Ihnen noch von mir feststellbar; Sie sind zufrieden; mehr bleibt hierbei nicht zu sagen.

Wenn bei Ihnen dagegen alles durcheinandergeht und Sie unzufrieden sind, glauben Sie vielleicht, mich nicht verstanden zu haben. Das ist natürlich möglich – es könnte aber auch sein, daß Ihre Verstehungen, obwohl sie Ihnen befremdlich vorkommen, exakt dem entsprechen, was ich Ihnen sagen wollte; Sie sollten vielleicht irritiert werden.

Und wenn Sie rückfragen möchten, kommt bei mir natürlich nicht das von Ihnen Gefragte an, sondern wiederum nur meine Verstehungen; es gibt kein Verstandenes.