0.2.4. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen keine objektive Realität existiert; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich ihn ablehne.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn alles nur eine Konstruktion darstellen würde, hätten wir keinen Konstrukteur, denn dieser kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er – entsprechend der neurophilosophischen „Erkenntnis“ Ich ist gleich Gehirn – letzteres zum Konstrukteur erklärt.

Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es sehr viele Gehirne gibt. Als Konstrukteur benötige ich natürlich nur mein eigenes; sind die fremden Gehirne ebenfalls wirklich oder nur von mir konstruiert? 

Schwierig gestaltet sich offensichtlich auch die Grenzziehung. Wo endet der Konstrukteur, und beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören insbesondere das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

 

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz traditionell als Urbild denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für alles Restliche als Konstruiertes – zu gewinnen. Bei seiner Sichtweise reduziert sich die objektive Realität somit auf das–  eigene? – Gehirn.

Unser Ansatz ist radikaler; darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, sondern ist lediglich eine der praktisch unendlichen vielen (geglaubten) Wissungen unserer Welt.

Ein Konstrukteur ist nicht erforderlich, weil wir nicht konstruieren, sondern lediglich „ja“ oder „nein“ sagen zu den uns angebotenen Wissungen.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich und seine Vertreter selbst mit dem Radikalen Konstruktivismus haben, besteht darin, daß der Übergang von der angeblichen objektiven Realität zu bloßen Konstruktionen den gewaltigen Unterschied zwischen Erfahrungen und Vorstellungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Erfahrung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –, während die entsprechende Vorstellung bestenfalls ein wohliges Gruseln hervorruft.

Im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergebens nach einer befriedigenden Aufarbeitung dieses Problems gesucht:

Was unterscheidet eine konstruierte Krokodil-Vorstellung von einer ebenfalls nur konstruierten Krokodil-Erfahrung?