2.1.6. Die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und das subjektive Leben ebenso leer ist wie die objektive Welt. Ich hoffe, daß sich unser Leben als sinnvoll erweist, und möchte lediglich herausarbeiten, daß mir dies im traditionellen Ansatz ausgeschlossen zu sein scheint.

Damit beweisen wir natürlich nicht seine Unrichtigkeit, aber wenn das Denken zu Konsequenzen führt, die unglaubwürdig sind, stellt dies unser Weltbild infrage, denn das ist ja „Schuld“ daran, weil wir allein in ihm oder auf seiner Grundlage denken (können).

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn im traditionellen Denken zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben Alle Seienden sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „weiß ich doch schon“. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte Welt, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den letzten Menschen bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung oder absoluten Wahrheit. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun werden, und sie tun es dann natürlich auch – Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des gewußten „Zeit“-Strahls „leben“, wie der Lokführer den gesehenen Gleisen folgt.

 

Dieser weichenlosen Schienenführung der Tradition entspricht in unserem Ansatz eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei Hinweisschilder.

Nein; das war falsch!

Dieser Straßen-Baum entspräche natürlich ebenfalls einer Welt; es wäre lediglich – entgegen der traditionell-vollendeten – eine unbekannte Welt. Daß bei uns auch das Straßennetz nicht existiert, bedeutet, daß alle Wege möglich sind, weil sie erst durch unser Gehen entstehen.

Jeder von uns erzeugt sich selbst seinen Weg; dabei können wir einander gewiß sowohl helfen als auch schaden. Aber selbst die Hilfe besteht niemals darin, die Richtung vorzugeben, indem wir die Freiheit der Anderen beschneiden (wollen).

 

Der traditionelle Ansatz kann meines Erachtens die Freiheit nicht denken, weil seine Subjekte im wesentlichen (menschliche) Körper und damit Objekte sind; sie lassen sich durch keinerlei Innen zu Trägern von Freiheit aufpeppen.

Aber unabhängig davon ist das „Leben“ des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – nur noch unfrei oder – durch die Gleise – fremdbestimmt abläuft.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren vorzubereiten.  

 

Auch diese Absurdidät entfällt bei uns.

Zum einen leben wir nicht in ein bekanntes Später, sondern in die absolute Offenheit der Zukunft hinein.

Und zum anderen haben wir uns immer etwas zu sagen, weil wir über unser subjektives Leben sprechen und nicht von objektiven Seienden. Dadurch kann uns jeder Andere stets persönliche Erfahrungen vermitteln, die uns unzugänglich sind, weil wir – nicht sein, sondern – das eigene Leben leben.