0.1.2. Sinn durch neue Wëge

Natürlich könnte es sein, daß keinerlei Sinn existiert und unser subjektives Leben ebenso leer ist wie die objektive Realität; das weiß niemand.

Solange man traditionell denkt, muß es sich meines Erachtens sogar so verhalten. Das stellt natürlich keine Widerlegung des Naiven Realismus dar; aber wenn ein Denken zu Konsequenzen führen, die wir innerlich ablehnen – und ich tue das aus Überzeugung –, sollten wir seine Grundlagen infrage stellen.

 

Um die Unmöglichkeit von Sinn, wie sie mir erscheint, zu erkennen, nehmen wir an, die Menschheit würde irgendwann in der Zukunft ihr Endziel erreicht haben. Alle Urbilder sind nun endlich adäquat abgebildet, so daß die absolute Wahrheit unverborgen vor uns liegt. Sie wird den Kindern bereits in der Schule gelehrt bzw. implantiert – und von da an hätten sich die Menschen nichts mehr zu sagen.

Alle winken gelangweilt ab, „. . . weiß ich doch . . . „. „Gibts was Neues?“ „Nein, natürlich nicht; wie sollte es auch?“ 

Das letzte Ziel des Sprechens wäre also seine Selbstauflösung.

 

Die gesamte objektive Realität, insbesondere also auch ihre weitere Entwicklung, wäre den „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche) – dank des Determinismus – bekannt, und sie befänden sich im Zustand der Vollendung. Jeder wüßte schon zuvor, was alle später tun oder sagen werden, und sie handeln dann natürlich auch entsprechend – mögliche Rechenfehler einmal ausgeschlossen.

Anschaulich gesprochen würden die Menschen dann so entlang des Zeitstrahls leben, wie der Zug den Gleisen bei fehlenden Weichen folgt.

Ihr Leben wäre sinnlos, weil es – wie bei einem Roboter – durch seine „Gleise“ fremdbestimmt festliegt.

Und diese Sinnlosigkeit überträgt sich auf die Vorfahren der letzten Menschen, wenn der „Sinn“ ihres Lebens darin besteht, die Sinnlosigkeit für ihre Nachfahren einzuläuten.  

 

Den festen Schienenstrang der Tradition ersetzen wir durch eine Straße, die sich laufend verzweigt. Auch wir müssen weitergehen  – Nicht-Leben ist ausgechlossen –, wissen aber niemals, wohin die gewählte Straße – in der Zukunft – führen wird; es gibt keinerlei sichere Hinweisschilder.

Nein; das war falsch; ich muß mich korrigieren.

Ein solcher Straßen-Baum entspräche ja ebenfalls einer objektiven Realität; bei diesem Bild würden wir lediglich den Determinismus aufgeben. Wir bewegen uns weder auf weichenlosen Gleisen noch in einem offenen Straßensystem.

Dadurch endet das Sagen nicht wie traditionell, weil wir über unser subjektives Leben mit seinen Wegen sprechen und nicht von objektiven Vorgaben. Jeder, den wir als unseresgleichen anerkennen, kann seine persönlichen Erfahrungen mitteilen, die uns prinzipiell unzugänglich sind, weil wir höchstens unser eigenes Leben kennen und keinen Zugang zu dem seinigen besitzen.

 

AD: „Welche dritte Möglichkeit für Wege soll denn überhaupt noch bestehen?“

Natürlich keine in der objektiven Realität an, weil es die für uns gar nicht gibt.

Alle Wege sind möglich, denn sie entstehen erst durch unser Gehen.

Wir gehen keine Wege, sondern wir gehen; alles dreht sich um uns und nichts um Urbilder; das Ziel oder Telos besteht nicht in der Erkenntnis einer angeblichen objektiven Realität, sondern in der Fülle des Lebens.

 

Wenn ich es recht verstehe, spricht das östliche Denken mit seinem Dào ebenfalls von solchen sich selbst ihre Wege bahnenden oder generierenden Wegen.

Martin Heidegger prägte dafür den Begriff der Bewëgung; auf den Wegen bewegen wir uns, aber die Wëge bewëgen sich selbst.

Wege werden wiederholt, Wëge erstmaligen sich oder „entstehen erst dadurch, daß man sie geht“ (Franz Kafka).   

 

An etwas Ähnliches dachte wohl auch Einstein, als er schrieb:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener.“

Letzterer bewegt sich höchst umsichtig, könnten wir ergänzen, in der uns vorgegebenen Wirklichkeit, die der intuitive Geist dem rationalen Verstand jedoch erst eröffnet, das heißt, für ihn bewëgt haben muß, damit dieser sich nun in dieser Wirklichkeit bewegen kann.

Aber der rationale Verstand ahnt häufig nichts von dem intuitiven Geist, der ihm notwendigerweise immer schon vorangegangen ist, oder hält sich sogar selbst für diesen – und macht damit selbstherrlich dessen Gabe zur eigenen objektiven Realität.

 

Auch unser vorangestelltes Zitat von Pablo Picasso findet hier seinen legitimen Platz:

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“