2.1.5. Physikalische „Abbild“-Theorie

AD: „Daß es kein Abbilden geben soll, will ich nicht glauben. Wir kennen doch alle aus unserer Schulzeit noch die physikalische Theorie des Sehens, derzufolge beispielsweise der Baum am Straßenrand als Urbild dienen kann. Die Lichtstrahlen, die er reflektiert, werden von unseren Pupillen, die als Sammellinsen fungieren, fokussiert, so daß auf der Netzhaut der Augen ein kopfstehendes, verkleinertes Abbild des urbildlichen Baumes entsteht. Das Funktionieren unserer Brillen, Lupen und Fernrohre beweist doch hinreichend, daß wir es hier tatsächlich mit einem – zumindest nicht völlig falsch beschriebenen – Abbilden zu tun haben.

Die Netzhaut mit ihren Stäbchen und Zäpfchen wirkt auf den Sehnerv, und dieser feuert mit einer Frequenz, die bei Erhöhung der Erregung ansteigt. Die dabei gesandten Signale sind jedoch völlig neutral im Sinne von sinnesunspezifisch; beispielsweise benutzt der Sehnerv exakt den gleichen Code wie der Hörnerv.

Wir verstehen noch nicht, wieso ein und dieselben Impulse einmal zu Bildern und ein andermal zu Tönen – Gerüchen, Gefühlen oder Geschmacksvarianten – werden. Hier besteht zwar eine von den meisten Autoren anerkannte ‚Erklärungslücke‘, die aber meines Erachtens den physikalischen Teil unseres Abbildens überhaupt nicht berührt.“

 

Ich komprimiere Ihren Einwand auf eine Kurzform, mit der wir besser arbeiten können:

„Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie der Ur-Baum vom Straßenrand auf der Netzhaut abgebildet wird. Den Ur-Baum sehen wir alle, und sein Abbild nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.“

 

Diese Formulierung ist aber falsch, und wir müssen mindestens vier Korrekturen daran vornehmen. Das ist erneut das Mißverständnis, das uns schon zweimal – bei Ihrem Turm und meinem Photo – begegnet ist:

Die physikalische Theorie des Sehens beschreibt sehr gut, wie die Sehung Baum vom Straßenrand auf die Netzhaut „abgebildet“ wird. Die Sehung Baum haben wir alle, und ihre „Abbildung“ nimmt der Optiker wahr, der uns in die Augen schaut.

 

Unsere Korrekturen sollen verdeutlichen, daß die physikalische Theorie des Sehens das philosophische Abbild-Problem nicht nur nicht löst, sondern auch nicht im entferntesten tangiert. Von Urbildern, deren philosophischem Abbilden und den daraus resultierenden Abbildern kommt im Text überhaupt nichts vor; er kennt lediglich – zwei Arten von – Sehungen, den Baum am Straßenrand und seine „Abbildung“ auf der Netzhaut.

Genau dadurch jedoch wird der Text nicht nur verständlich, sondern kann sogar zum Bau optischer Geräte genutzt werden.

Hier wird nicht erklärt, wie Sehungen zustandekommen, indem angebliche Urbilder – die Sonne von oben – zu Sonnen-Sehungen abgebildet werden. Vielmehr zeigt diese Theorie, wie sich – bereits bestehende – Sehungen durch den „Raum“ vom Straßenrand in die Augenhöhle „abbilden“ lassen.

Das kann die Physik sehr gut erklären – weil es aber auch gar nichts mit Philosophie zu tun hat.

 

AD: „Ja; aber es stimmt doch sehr vieles von dem, was die physikalische Theorie des Sehens zu letzterem sagt. Schließen wir beispielsweise die Augen oder unterbricht ein Hindernis unseren Sehstrahl, so sehen wir nichts (mehr); müßten wir daraus nicht folgern, daß diese Theorie das Sehen einigermaßen richtig darstellt?“

Nein; in keiner Weise!

Wenn eine „Theorie des Sehens“ adäquat beschreibt, unter welchen Bedingungen letzteres nicht gelingt, ist sie noch lange keine Theorie des Sehens, sondern lediglich eine (von einigen) seiner notwendigen Voraussetzungen. Sie beziehen sich auf das Nervensystem, die Augen, den Sehstrahl, die Beleuchtung und noch vieles mehr.

Sind nicht alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt – und allein von ihnen spricht diese Theorie – sehen wir nichts.

Sie sehen, nicht weil Ihre Augen offen sind, sondern Sie sehen nicht, weil sie geschlossen sind; das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

 

AD: „Aber es gibt doch sogar Abbildungsfehler, die uns die Physik wunderbar erklären kann.

Wir sehen beispielsweise das Urbild gerader Stab, wenn es schräg ins Wasser taucht als gebrochen; unsere Sehung ist dann ein falsches Abbild, über das die Optik uns aufklärt.“

Nein; der gerade Stab ist kein Urbild, sondern entspricht dem Turm oder Photographierten. Sie sehen ihn doch, bevor er in das Wasser eintaucht; also muß er sich da bereits in Ihrem Bewußtsein befinden. Der „Widerspruch“ – gebrochener contra gerader Stab – besteht also zwischen „Abbild“ und „Urbild“ – im Wasser bzw. nicht im Wasser – und stellt somit ein rein physikalisches Problem dar, das mit unseren Überlegungen aber auch gar nichts zu tun hat.

Urbilder befinden sich nicht außerhalb des Wassers, sondern außerhalb des Bewußtseins – und deswegen erreichen wir sie nicht.