2.1.3. Zirkel der Wahrnehmungen

AD: „Traditionell sind die Vorstellungen solche vom Weltbild und die Wahrnehmungen entsprechend von der Welt. Letzteres geht bei uns nicht, so daß die Wahrnehmungen in der Luft hängen. Wie denken Sie sich deren Verhältnis zu den Vorstellungen und zum Weltbild?“ 

 

Diese Frage ist sehr dringlich; um sie beantworten zu können, benötigen wir die „Bausteine“ oder „Bestandteile“ des Weltbilds, sein „Woraus“ gewissermaßen, und müssen zugleich die Bedeutung meiner Anführungsstriche verstehen.

Die „Komponenten“ unseres Weltbilds bestehen in Begriffen und Bildern, denn wir können in beiden denken. Es gibt nicht nur ein Begriffs-, sondern auch ein „Bildvermögen“ (Fichte); jenes entspricht der Ratio und dieses der „Einbildungskraft“ (Kant); beide zusammen bilden vielleicht den Verstand, während die Vernunft ihn umgreift und noch ganz andere Vermögen kennt.

Vieles Vernünftige ist alogisch; damit meine ich, daß es von der Logik gar nicht tangiert wird und somit jenseits von logisch oder unlogisch liegt. Mein mir äußerst wichtiger „Glaube an die – Kraft der – Ratio“ verlangt also nur, daß ich logische Fehler wie Widersprüche, unbegründete oder Fehlschlüsse nicht hinnehmen möchte. Dagegen liegt es mir jedoch völlig fern, alles in das Prokrustesbett der Logik hineinpressen zu wollen.

 

Der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) zeigt, daß Bilder und Begriffe partiell intersubjektiv sein müssen; sie bilden die entsprechende Komponente unserer Wissungen.

Wir fassen die Bilder und Begriffe zu den symbolischen Elementen zusammen; aus ihnen besteht bei uns das Weltbild analog dazu, wie sich die traditionelle Kosmos-Welt aus den – freilich ganz anderen, nämlich seienden – chemischen Elementen aufbaut.

Die reine Subjektivität unseres Weltbilds widerspricht nicht der partiellen Intersubjektivität seiner „Bestandteile“, weil jeder von uns eine eigene Auswahl unter ihnen trifft. Mit dem einen können wir interessiert über Sport und mit dem anderen angenehm über Politik sprechen.

 

Unser Weltbild besitzt keine Komponenten – deswegen die Anführungsstriche –, weil es eine untrennbaren Ein- oder Gesamtheit seiner (symbolischen) Elemente darstellt. Daß es als Intersubjektives nur unbewußt sein kann, wußten wir bereits.

Dann muß dies natürlich auch für seine Elemente gelten; Bilder und Begriffe sind unbewußt.

Das Weltbild vermag auch nicht bewußt zu werden; zum einen wäre es als Bewußtes (i. w. S.) nicht mehr intersubjektiv, und zum anderen ist es viel zu umfangreich um gleichzeitig gegeben sein zu können.

Das Weltbild wird in den Vorstellungen – von ihm – bröckchenweise gewußt, und wir können stundenlang reden, um immer wieder andere „Teile“ davon zu schildern.

 

Mit dem Verzicht auf die Welt lösen wir uns vom „Mythos des Gegebenen“ (Winfried Sellars), demzufolge Seiende vorliegen (müssen).

Damit wird nicht jegliche Wahrnehmung unmöglich, sondern lediglich ihre traditionelle Interpretation als Abbild. Unsere alternative Erklärung der Wahrnehmungen verschieben wir auf den dritten Teil; aber soweit sie Ihre Frage betrifft, können wir jetzt schon antworten:

Traditionell ist die durch ihre Wahrnehmungen gegebene Welt primär, und das adäquate Weltbild wird ganz anschaulich als sekundäres Abbild von ihr behauptet, so daß eine „Einbahnstraße“ von der Welt zum Weltbild führt.

 

Erstere haben wir nicht mehr, aber unsere Wahrnehmungen sind unbestreitbar – wenn auch noch unverstanden. Allein aus ihnen läßt sich also das Weltbild herleiten, so daß einerseits das Weltbild – wie bei der Tradition – nach den Wahrnehmungen kommt.

Andererseits können wir jedoch nicht nur nicht ausschließen, sondern es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß sich das Weltbild auf die Wahrnehmungen auswirken wird. Haben wir 1000 physikalische Experimente durchgeführt, ist unser Weltbild höchstwahrscheinlich ein anderes geworden, und das wird Folgen für unsere weiteren Wahrnehmungen haben. Während einer Liebes- oder nach einer Nahtoderfahrung sehen wir „die Welt mit anderen Augen“.

 

Damit wird das einseitige „Fahrverbot“ der Tradition aufgehoben:

Das Weltbild beeinflußt die Wahrnehmungen, aus denen es selbst erst hervorgegangen ist, so daß wir sinnvoll von einem Zirkel der Wahrnehmungen sprechen können.

AD: „Genau diesen Zirkel haben Sie oben der Tradition zum Vorwurf gemacht . . .“

Nein; nicht den Zirkel, denn der ist unvermeidlich; auch die Tradition kommt also nicht an ihm vorbei. 

Ich werfe ihr vielmehr vor, daß sie ihn bestreitet, um vom Abbilden sprechen und damit – ihre traditionelle Form von – Wahrheit behaupten zu können.