2.1.8. Integrieren und Diskretisieren

Traditionell denkende Philosophen oder Theologen schütteln häufig verständnislos den Kopf, wenn Physiker behaupten, Farben wären Wellenlängen, Töne Schwingungen und Wärme sei lediglich die Intensität der mikroskopischen Bewegung.

Soweit können wir uns den Geisteswissenschaftlern nur anschließen; Physiker, die das wirklich glauben, verwechseln Farben, Töne bzw. Wärme mit ihren jeweiligen Meßgrößen und sind damit natürlich ebenso im Unrecht, wie wenn wir die physikalische oder historische „Zeit“ als die wirkliche bzw. geschichtliche Zeit betrachten würden.

 

Die traditionell denkenden Geisteswissenschaftler meinen jedoch fast immer noch etwas anderes – und diesbezüglich müssen wir ihnen widersprechen:

Sie wollen zugleich zum Ausdruck bringen, daß es – entgegen dem tatsächlich naiven Denken der Physiker –  Farben, Töne sowie Wärme wirklich gibt und stilisieren diese damit zu Urbildern; aber darin besteht lediglich eine „integralere Naivität“.

Natürlich entzaubern, primitivieren oder verarmseligen die Physiker Farben, Töne und Wärme zu ihren Meßgrößen; aber sie diskreditieren keine Urbilder.

Der Unterschied zeigt sich deutlich wenn wir diese Meßgrößen wieder verzaubern, anreichern oder aufwerten wollen. Dann ist theoretisch nicht bei Farben, Tönen und Wärme – als den angeblich wirklichen Urbildern – Schluß, sondern sie bilden nur Durchgangsstadien in einem prinzipiell offenen oder unabschließbaren Integrations-Prozeß.

Die Tradition mißversteht unsere gegenwärtig integralsten Erfahrungen als – eine Abbildung der – Urbilder. Warum aber gerade diese Erfahrungen und nicht die physikalischen oder noch völlig ausstehende?

 

Wir können also immerfort – potentiell unendlich weit – integrieren; von Wellenlängen über die Farben hinaus zu . . . oder von Schallwellen über Töne, Musik und Symphonien in Richtung von . . . 

Natürlich ist mir unbekannt, was wir oberhalb der bereits von uns erreichten Integrationsstufe zu erwarten haben. Einen kleinen Schritt in diese Richtung stellen vielleicht die synästhetischen Erfahrungen dar.

Vielleicht ahnt die Tadition auch richtigerweise, daß sich das Gute, Wahre und Schöne ebenfalls dort befinden müßten und bei noch stärkerem Integrieren in dem Einen treffen würden. Aber das darf kein Spekulieren über hinterwäldlerische „Transzendentalien“ sein, sondern muß zur Erfahrung werden.

 

In der Gegenrichtung diskretisieren die Physiker Farben über die Wellenlängen in . . . und Symphonien über die Musik, Töne und Schallwellen hinab zu . . .; das entspricht natürlich einer Verarmung oder Bagatellisierung des Lebens. Wir müssen nicht sonderlich sensibel sein, um diese heute allerorten zu bemerken. 

Die nächsten Belanglosigkeitsebenen können wir natürlich wiederum nicht wissen und erfahren sie hoffentlich auch in Zukunft nicht. Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig:

 

Im traditionellen Substanz- oder Materie-Denken endet das Diskretisieren der Seienden bei den unteilbaren „Atomen“.

Dergleichen haben wir nicht; an ihre Stelle treten die unteilbaren (symbolischen) Elemente, und sie bestehen in Bits oder einfachen Alternativen; den Maßeinheiten der Informatik.

In der Physik Carl Friedrich von Weizsäckers bilden sie als Ur-Alternativen die entscheidenden Bauteilchen. Sein Ansatz ist phantastisch; von Weizsäcker geht nicht empirisch vor, sondern fragt, welche Voraussetzungen oder Möglichkeits-Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es überhaupt Physik bzw. exakte Wissungen geben kann.

Dieser Gedanke verallgemeinert Überlegungen Kants und gipfelt darin, daß sich aus den notwendigen Voraussetzungen der Physik ihre Grundgleichungen herleiten lassen:

Wenn es überhaupt Physik geben kann, dann muß sie so aussehen!

(Eine auch für Laien recht gut lesbare Darstellung finden Sie bei Thomas Görnitz in seinem Buch „Quanten sind anders“.)

 

Ich hatte oben geschrieben:

„Aber der asymptotische Grenzfall, zu dem das vollständige Diskretisieren theoretisch führen würde, ist wohl eindeutig.“ Dieses „theoretisch führen würde“ müssen wir noch verstehen:

Mit dem einseitigen Diskretisieren banalisieren, verarmen oder pauperisieren wir nicht nur unser Weltbild, sondern damit auch das eigene Leben, das ja von unserem Weltbild abhängt, weil wir uns allein an ihm orientieren können. Unser Leben ist aber an eine hinreichende Mindestfülle gebunden; wird es zu primitiv, hört es auf, – zumindest menschliches – Leben zu sein.

Das geschieht jedoch schon lange, bevor wir alle Wissungen zu bloßen Bits degeneriert und uns damit ein absurdes Weltbild geschaffen haben. 

Zusammengefaßt folgt also, daß sich unsere subjektiven Wissungen stets irgendwo mittendrin befinden. Es bleibt viel Luft sowohl – zu den Bits – nach unten als auch – zum Einen(?) – nach oben.