2.1.9. Irreversibilität des Diskretisierens

Die exakten Erfahrungswissenschaften sind ausnahmslos analytisch; sie diskretisieren – sezieren, zerhacken und zerlegen – größere in kleinere Einzelteile.

Solange wir an eine Baukasten-Welt glauben, ist dies natürlich die unüberbietbare Erkenntnismethode schlechthin; je stärker wir auseinandernehmen, um so einfacher und durchschaubarer werden die Bausteine. Seit den alten Griechen suchen die Menschen nach den Atomen, Genen oder Memen, auf deren Grundlage sich dann alles einfach erklären läßt. 

Und danach setzen wir es eben wieder zusammen; das Integrieren bildet lediglich die Umkehrung des Diskretisierens. Das stellt überhaupt kein Problem dar; wir machen einfach alles „rückwärts“ – wie damals als Kinder mit dem Baukasten.

Geht mitunter etwas schief – was wohl kaum jemand bestreiten wird –, liegt es also nicht am theoretischen Grundkonzept, sondern lediglich an dessen praktischer Umsetzung; wir müssen demzufolge noch viel konsequenter, sauberer und gezielter analysieren bzw. diskretisieren.

 

Lassen wir jedoch die Baukasten-Welt hinter uns, besteht diese Umkehrbarkeit möglicherweise nicht mehr. Dann ist unser Zerlegen vielleicht kein sorgsam-reversibles, sondern ein zerstörerisch-irreversibles Auseinandernehmen.

Selbst wenn wir integrieren wollten, ist dann völlig unklar, was dafür zu tun wäre. Ohne Baukasten-Welt können wir beliebig diskretiseren, aber nicht integrieren; allein ersteres ist noch verfügbar.

Unser wissenschaftlicher Fortschritt kann dann also nur in die Richtung einer größeren Diskretisierung weisen. Sicherlich können dies heute viele Menschen sofort intuitiv nachvollziehen, weil sie eine Verarmung ihrer Erlebungen feststellen, und manche sogar kaum noch eine Chance sehen, diesem starken Trend etwas entgegenzusetzen. Die Anzahl unserer Probleme nimmt ständig zu, und wirkliche Lösungen – statt bloßer Oberflächen-Kosmetik – sind kaum in Sicht.

Daß wir ständig mehr wissen und zum Beispiel einen immer größer werdenden Kosmos beobachten können, widerspricht dem nicht. Dieser Fortschritt hat nichts mit Integrieren zu tun, sondern besteht aus Wiederholen sowie Diskretisieren und setzt lediglich das Immer-wieder-Gleiche millionenfach fort.

 

Meines Erachtens wäre es wichtig, diese intuitive Einsicht auch theoretisch reflektieren zu können.

Das ist jedoch in unserem traditionell-modernen Weltbild unmöglich, weil es von einem Baukasten ausgeht und das Integrieren dann ja tatsächlich ganz einfach die Umkehrung des Diskretisierens bildet. Wer von einem solchen Weltbild überzeugt ist, muß unsere gegenwärtigen Überlegungen notwendigerweise für falsch halten.

Um einzusehen, – nicht daß ich Recht habe, sondern – daß es sich tatsächlich wie angedeutet verhalten könnte, benötigen wir also ein integraleres Weltbild ohne feste Bausteine. Als Beispiel wähle ich wieder das Physik-Modell von Weizsäckers.

 

Ihm zufolge besteht beispielsweise Holz nicht aus Molekülen; das Denkwerkzeug des Stoffes bzw. Bestehens-aus läßt sich in seinem Weltbild nicht anwenden; vielmehr stellt Holz von Weizsäcker gemäß eine Ganzheit dar.

Mit ihr können wir alles Mögliche tun; beim Zersägen beispielsweise bleibt es Holz, und beim Verbrennen wird es zu Asche. Im physikalisch-chemischen Labor lassen sich auch Moleküle daraus gewinnen; aber das ist analog zum Verbrennen:

So wie Holz in Asche umgewandelt werden kann, wird es nun zu Molekülen.

Am Ende ist in beiden Fällen das Holz weg – wir haben entweder Asche oder Moleküle –, aber das Holz besteht ebensowenig aus Molekülen wie aus Asche, und ein Rückweg existiert auch weder hier noch da; das Analysieren oder Diskretisieren erfolgt in diesem Modell irreversibel.

 

Ganzheiten bestehen nicht aus irgendetwas – deswegen Ganzheiten –, und wir können Verschiedenes mit ihnen anfangen; um so mehr, je integraler sie sind.

Holz-Moleküle sind – wie Asche – diskretisiertes Holz; sie eröffnen uns weniger Handlungsmöglichkeiten, sind aber natürlich ebenfalls immer noch Ganzheiten; es gibt – ganz untraditionell – nichts anderes.

 

Nun könnten wir fortfahren und sinngemäß wiederholen:

Moleküle bestehen nicht aus Atomen . . .

Atome bestehen nicht aus Kern und Elektronenhülle . . . usw.

Deswegen wissen die analysierenden Erfahrungswissenschaftler zwar immer mehr, aber nur von immer primitiver werdenden Ganzheiten. Sie können dicke Bücher über Quarks schreiben; das sind jedoch Vorstellungen, die im Leben eines Nicht-Physikers auch nicht die geringste Rolle spielen.

Dagegen verstehen die Diskretisierer beruflich nichts von Schönheit, Harmonie oder Stille, weil ihnen das zu integral ist und erst noch analysiert werden müßte.

 

Wissen wir nicht, wie das Integrieren funktioniert, können wir es nicht herbeiführen, sondern entweder wird es uns geschenkt – oder es bleibt aus. Bezüglich unseres Verhaltens bestehen somit  zwei Möglichkeiten.

Wir können dafür sorgen, daß uns schwerlich etwas Integraleres widerfahren oder geschenkt werden kann; etwa indem wir keine Zeit, sondern stets nur Streß haben, unachtsam sind, wenig Empathie aufbringen oder immer schon alles wissen und gar nicht zuzuhören brauchen bzw. auf Prinzipien bestehen und es an Offenheit fehlen lassen.  

Die zweite Variante besteht darin daß wir versuchen uns zu öffnen oder aufnahmebereit zu sein. Wege, die das ermöglichen können, gibt es wohl so viele wie Menschen; jeder muß selbst den seinen finden.

 

Einige dieser Wege sind öffentlich oder zumindest allgemein bekannt, weil sie bereits sehr vielen Menschen geholfen haben, ihr Leben integraler zu gestalten. Dazu  zählen nicht zuletzt die Angebote des Spiels oder der Muße sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Kunst, Religion und Therapie; aber auch die Geisteswissenschaften sollten ihre Aufgabe meines Erachtens nicht zuletzt in diesem Sinne verstehen und auch therapeutisch wirken.

Wie konsequent auch immer wir den Weg des Uns-Öffnen-Wollens gehen und vielleicht offizielle Angebote nutzen:

Daß uns etwas geschenkt wird, haben wir nicht selbst in der Hand, weil es gegebenenfalls unser Weltbild sprengen und in eine integralere Richtung leiten würde – was wir schwerlich selbst tun können.

 

Erleben wir ein integraleres Weltbild, spricht die Philosophie vielleicht von Erleuchtung, die Kunst vom Durchbruch, der Glaube von Gnade und die Therapie von Befreiung.

Wäre das Integrieren verfügbar – zum Beispiel weil das traditionell-moderne Baustein-Weltbild richtig ist –, bräuchten wir diese Begriffe nicht, denn dann würden wr es einfach machen.