2.1.1. Im Zirkelschluß zu den Seienden

AD: „Aber kann es denn sein, daß die traditionell Denkenden das nicht bemerken:

Sie erklären die Abbilder durch Urbilder, deren Erfindung die Abbilder selbst angestoßen haben; ein schönerer Zirkel ist doch kaum denkbar!“

 

Das scheint mir überaus wichtig zu sein:

Von den Urbildern wissen wir allein durch die Abbilder.

Die Urbilder machen uns die Abbilder verständlich.

→   Es gibt Urbilder.

 

Diese „Logik“ kannten schon die alten Germanen:

Von Donar wissen wir allein durch den Donner.

Donar macht uns den Donner verständlich.

→   Es gibt Donar.

 

Rein logisch besteht zwischen diesen beiden Zirkelschlüssen auch nicht der geringste Unterschied:

Das Wissen, das sich aus den Abbildern ergibt, macht uns die Abbilder verständlich.

Das Wissen, das sich aus dem Donner ergibt, macht uns den Donner verständlich.

Nicht nur Donar, sondern auch die Urbilder sind meines Erachtens pure Erfindungen.

 

Beide – Urbilder und Donar – stellen Versuche dar, etwas verständlich zu machen; sie mögen ihre Zeit und vielleicht auch ihr Recht gehabt haben. Aber wenn wir ihre Schwachstellen erkennen und die traditionellen Schlüsse nicht mehr intellektuell redlich nachvollziehen können, müssen wir nach etwas Konsistenterem Ausschau halten. 

Und zu diesen Schwachstellen gehört die Annahme, daß Denknotwendigkeit etwas mit Wahrheit, Evidenz, Selbstverständlichkeit oder zumindest Richtigkeit in der Welt zu tun habe.

Wie könnte sie das denn überhaupt? Was verbindet die Logik mit einer materiellen Welt?

Nichts, denn das Denken erfolgt innerhalb der Wissungen und spielt somit nur innerhalb des Weltbilds. Demnach zeigt uns die Denknotwendigkeit ganz einfach dessen Begrenztheit oder unsere Engstirnigkeit, aber keine „Wahrheit der Welt“, denn letztere kommt beim Denken gar nicht vor. 

 

AD: „Dann stellen die angeblichen Seienden also lediglich Projektionen derjenigen Wissungen dar, (an) die die traditionell Denkenden fest glauben oder von deren Existenz außerhalb ihres Bewußtseins sie überzeugt sind?“

Genau; was Ludwig Feuerbach in seiner Religionskritik bei Gott richtigerweise erkannt hat, gilt natürlich nicht nur bei ihm, sondern für alle Seienden außerhalb unseres Bewußtseins; einerlei ob wir offiziell von dem Urknall, der Materie, Energie, Evolution oder Welt sprechen.

 

Die traditionellen Seienden müssen Projektionen darstellen, weil sie sich außerhalb unseres Bewußtseins befinden. Dort sind sie uns nicht zugänglich – welche andere Bedeutung sollte dieses „außerhalb“ sonst besitzen? –, so daß die Seienden insbesondere auch unmöglich abgebildet werden können.

Trotzdem – welch Wunder! – behauptet die Tradition, über derartige Abbilder zu verfügen.

 

Da scheint mir unsere Interpretation wesentlich stringenter, weil (widerspruchsfrei) denkbar zu sein:

Die „Abbilder“ sind keine Abbilder, sondern Wissungen, (an) die wir subjektiv fest glauben; wir können kaum anders, als sie uns außerhalb des Bewußtseins vorzustellen.

Und die „Urbilder“ sind keine Urbilder, sondern die Projektionen dieser Überzeugungen.

Denn alles kann aus dem Bewußtsein herausprojiziert, aber nichts von Außerhalb hereingeholt werden.

 

AD: „Die unseres Erachtens unbedingt notwendigen Wissungen projizieren wir demzufolge als angebliche Seiende in die Welt?“

Ja; nur ein Detail würde ich korrigieren wollen:

Nicht „in die“, sondern „als“ Welt; sie besteht ja nicht, und dann kommen die Projektionen hinzu, sondern die Welt ist nichts anderes als deren Gesamtheit.

 

Wohin wir projizieren, sollte oben bereits deutlich geworden sein:

In das Außerhalb des Bewußtseins, das wir oben mit Gott, dem Ursprung oder der Transzendenz identifiziert hatten und vielleicht am besten als Quell der Wirklichkeit verstehen.

Wir projizieren die Wissungen, derer wir uns sicher sind, möglicherweise in dieses Nichts des Denkens, und die Tradition glaubt irrtümlich, sie dort als Seiende abgebildet zu haben.