2.1.2. Das Sein der Seienden

AD: „Wir wissen also sehr genau, was angeblich außerhalb unseres Bewußtseins existiert, weil wir es selbst hinausprojiziert haben.“

Ihr Resümee zeigt, daß Sie mich im vorigen Abschnitt gut verstanden haben. So sollten Sie vorübergehend denken; aber es stimmt nicht ganz, denn das war nur ein Zwischenschritt, und wir müssen noch weitergehen.

 

Den Tisch, an dem ich gegenwärtig sitze, gibt es; er existiert oder ist wirklich. Das bedeutet beispielsweise, daß ich darauf schreiben oder essen, mich daran stoßen, ihn sehen, betasten, umwerfen und zersägen kann. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen – durch alle möglichen Tisch-Erfahrungen hindurch.

Damit lassen sich zwei Fragen sauber beantworten:

(1) Zum einen wissen wir, wovon die Rede ist; es geht um unsere – aktualen oder potentiellen – Tisch-Erfahrungen.

(2) Und zum anderen wird damit zugleich deutlich, worin deren Wirklichkeit besteht – ganz einfach im Erfahren-Werden. Erfahrungen sind nicht vorhanden und gibt es auch nicht, sondern werden entweder erfahren oder existieren nicht.

 

Die Tradition gibt diese Wirklichkeit des Erfahrens zwar zu, bezieht sie jedoch lediglich auf die Abbilder der Seienden. Bei letzteren selber sind beide Fragen, die den unsrigen soeben entsprechen, noch offen:

(1) Was sind überhaupt die Seienden?

(2) Worin besteht ihre Wirklichkeit?

 

Frage (1) haben wir im vorigen Abschnitt provisorisch mit der Projektion unserer fest geglaubten Wissungen beantwortet. Nun sehen Sie wahrscheinlich bereits, weshalb das (noch etwas) falsch war:

Unsere Wissungen basieren auf Tisch- oder anderen Erfahrungen, aber die können natürlich nicht in das Außerhalb projiziert werden, denn dort gibt es keine.

Die Tradition behauptet dort keine Tisch-Erfahrungen, sondern den Tisch an sich bzw. sonstige Seiende und steht damit vor den beiden Fragen von soeben.

Ich formuliere sie in der originalen Begrifflichkeit; die müssen Sie jedoch weder verstehen noch sich einprägen, denn ohne Seiende ist für uns natürlich auch deren Beschreibung hinfällig.

 

(1) Alle Seienden besitzen der Tradition zufolge eine Essenz, ein Wesen oder Was.

In unserem Beispiel ist das die Tischheit, dasjenige also, was ein Seiendes zum Tisch macht.

(2) Alle Seienden sind – wie ihre Bezeichnung schon sagt –; sie verfügen also über eine Existenz, ein Sein oder Daß

Der urbildliche Tisch ist.

Ich habe, um ehrlich zu sein, noch nie eine befriedigende Erklärung gefunden, was dieses „ist“ bedeuten bzw. worin das Sein der Seienden bestehen soll. Zumeist laufen die Beschreibungen auf bloße Wiederholungen, Beteuerungen oder Verstärkungen hinaus:

Der urbildliche Tisch ist „ganz sehr wirklich“ oder ähnlich.

 

AD: „Ich würde sagen, daß er vorhanden ist.“

Damit hätten wir das fünfte Wort, das in in diesem Zusammenhang immer angeführt wird . . .

Aber Worte sind keine Antwort, sondern diese bestände höchstens in der Bedeutung der Worte. Eine solche können sie aber nur erhalten, indem wir einen Zusammenhang mit dem Inhalt unseres Bewußtseins herstellen, was in dessen Außerhalb aber prinzipiell ausgeschlossen ist. 

 

Sowohl wir als auch die Tradition können keine der beiden Fragen beantworten.

Dann war es natürlich auch völlig unbegründet, im Außerhalb unseres Bewußtseins von einem Tisch zu sprechen. Warum denn gerade Tisch – und nicht Stuhl oder Teppich? Was unterscheidet einen Tisch, der uns in keiner Weise gegeben ist, von einem ebensolchen Stuhl? Was macht jenen zum Tisch und diesen zum Stuhl – ohne alle Wissungen?

Die Tisch-Erfahrung macht die Tisch-Erfahrung zu einer Tisch-Erfahrung, aber doch kein unsichtbares angebliches Seiendes, nur weil es mit „Tisch“ benannt wird.

 

Damit bestätigt sich unsere obige Idee, alle Vorstellungen oder Namen bezüglich des Außerhalbs zu vermeiden und völlig nichtssagend, leer oder neutral von der Transzendenz bzw. dem Nichts zu sprechen