2.1.7. Implizit oder explizit, diskretisiert oder integral

Carl Friedrich von Weizsäcker sagte einmal sinngemäß:

Wenn wir eine Schwierigkeit nicht bewältigen können, liegt das lediglich daran, daß wir unfähig sind, sie als Aufgabenstellung hinreichend genau zu formulieren. Eine exakte Beschreibung des Problems wäre zugleich die Arbeitsanleitung für seine Lösung.  

Ich bin mir nicht sicher, ob von Weizsäcker damit Recht hat, und benutze seinen Gedanken deswegen auch nicht; aber er illustriert sehr schön, worum es mir an dieser Stelle geht:

Unser Denken und Handeln sind an das eigene Weltbild gebunden; darin ist uns nicht alles möglich, aber außerhalb davon gar nichts. Ließe sich das Weltbild erweitern, würde dies natürlich auf unsere Vorstellungs- und Handlungsmöglichkeiten durchschlagen.

Wittgenstein paraprasierend könnten wir sagen:

Die Grenzen unseres Weltbilds sind die Grenzen unseres Denkens, Wissens, Verstehens und (beabsichtigen) Handelns.

 

AD: „Genau darin besteht ja auch der Sinn unserer Forschung; das wissenschaftliche Weltbild wird immer umfangreicher.“

Das tut es natürlich, habe ich aber damit nicht gemeint; mir geht es nicht um Steigerungen oder die Größe des Weltbilds, sondern um seine Sichtweise, um die Art des Hinschauens.

Bis in die 70-er Jahre des vorigen Jahrhunderts glaubten die meisten Chemiker, daß sich ihre Wissenschaft mittels der Quantentheorie prinzipiell auf Physik reduzieren ließe. Bei den anderen Naturwissenschaftlern herrschten häufig die entsprechenden Überzeugungen.

Diesbezüglich kam es bereits zu einer weitgehenden Wende; viele Denker anerkennen heute, daß die Wissungen etwa in der Reihe „Physik – Chemie – Biologie – Medizin – Psychologie – . . . – Geisteswissenschaften – . . . – Kunst – . . . – Religion“ immer integraler oder ganzheitlicher werden (könnten bzw. sollten). 

 

Was mit Integralität gemeint ist, läßt sich vielleicht am besten folgendermaßen verdeutlichen:

Es ist nicht erst kalt, und dann steigt die Temperatur, sondern ursprünglich existiert gar keine Temperatur, so daß es weder warm noch kalt sein kann.

Ohne Licht ist es weder hell noch dunkel.

Ohne Farben ist alles weder farbig noch schwarz-weiß.

Ohne ästhetisches Urteilsvermögen gibt es weder schön noch häßlich.

Ohne Lebensweisheit können wir weder krank noch gesund sein.

Ohne Anrede existieren weder Antworten noch Nicht-Antworten.

Integralität meint, daß auf dieser Leiter der Qualitäten – die von der Physik vielleicht zur Kunst oder zu den Hochreligionen führt – eine relativ hohe Sprosse erreicht ist.

 

Wir verstehen das wohl alle, weil es sich dabei um eigene Lebens-Erfahrungen handelt.

Aber die Physiker als solche, haben keine Ahnung davon, was mit derartigen Qualitäten gemeint sein könnte – weil diese jenseits Ihrer Wissenschaft liegen. Wenn die Physiker uns erklären, was Temperatur ist, sprechen sie von der mttleren kinetischen Energie mikroskopischer Bewegungen, und wir staunen, weshalb es gerade wärmer werden soll – und nicht weicher, lauter oder poröser beispielsweise –, wenn diese Energie steigt.

Sämtliche Gegenstände der Physik sind gegenüber den aufgeführten Beispielen sehr wenig integral; dafür sagen wir auch, sie seien (stark) diskretisiert. Die exakten Naturwissenschaften sind alle analytisch oder eben diskretisierend, denn sie versuchen, ihre Gegenstände zu verstehen, indem sie diese in diskrete Einzelteile zerkleinern, zerlegen und zerhacken.

 

AD: „Ursprünglich herrschte also das Chaos oder ein großes Tohuwabohu, und dafür könnten wir in Ihrem neuen Sprachspiel vom Grenzfall totaler Diskretisierung sprechen. Dann setzte eine Entwicklung zu immer größerer Integralität ein, in der wir uns noch heute befinden, während insbesondere die exakten Naturwissenschaften mehr oder wenniger hinterherhinken?“

Ein wenig muß ich Sie wohl korrigieren:

 

 

Ursprung Gegenwart  
Tohuwabohu, Chaos   Weltbild                       
implizit — Explizieren explizit    
    diskret(isiert) integral(isiert    

Abbildung 2.1.7.

 

Sowohl diskretisiert als auch integral sind Eigenschaften eines Weltbilds und treffen somit nur unsere Gegenwart, aber nicht das Tohuwabohu oder Chaos des Ursprung, das nichts Einzelnes oder keine Etwasse – keine traditionellen Essenzen, Wesen oder Dasse – kennt.

Das Weltbild kann sehr einfach sein wie die Physik, so daß praktisch nur deren primäre, primitive oder armselige Eigenschaften auftreten können, während alles Farbige, Frohe, Schöne oder Musische feht.

Ein integral(er)es Weltbild gestattet viel mehr und ist beispielsweise offen für – das Unerwartete von – Chemie, . . . Geschichte, Biographie, Liebe, Freundschaft, Philosophie, Religion, Kunst usw.

 

Der Ursprung kann absolut nicht diskretisiert sein, denn dazu müßte er erst expliziert werden.

Letzteres erfolgt also quer zu unserer Unterscheidung in integral bzw. diskret und führt vom impliziten Ursprung, den wir uns am besten als kontinuierlich oder fluid, das heißt, ohne jegliche Form und Struktur vorstellen, zum expliziten – integral(isiert)en oder diskret(isiert)en – Weltbild.