0.4. Die Frage nach der Wirklichkeit

Die Frage nach der Wirklichkeit ist mindestens zweideutig.

Zunächst müßte es darum gehen, was Wirklichkeit überhaupt bedeuten soll oder worin sie bestehen könnte; das ist alles andere als selbstverständlich; insbesondere für Gläubige:

Wenn Gott oder Christus die Wahrheit ist, muß ihr traditionelles Verständnis als Übereinstimmung unserer Aussagen mit der objektiven Realität falsch sein. Gott ist weder als Satz noch als dessen Richtigkeit denkbar.

Nachdem das geklärt ist, läßt sich untersuchen, welche Entitäten – übersetzen Sie einfach: „Arten von Dingen“ – im Sinne dieser Antwort wirklich sind.

 

Die traditionell Denkenden beantworten die zweite Frage mit den Urbildern, zäumen damit jedoch nicht das Pferd vom Schwanz auf, sondern ignorieren die erste Frage weitestgehend. Sie sehen hierin kein ernstliches Problem und gehen davon aus, daß die Wirklichkeit „selbstverständlich“ in der Vorhandenheit besteht.

Es gibt eben Sonne, Mond und . . .; „das wisen wir doch alle“.

Stoßen wir nochmals nach, was Vorhandenheit genauer meinen könnte, kommen neben Beteuerungen und Verstärkungen der Form wie „wirklich vorhanden“ bzw. „unbedingt notwendig“ vielleicht noch Begriffe wie Sein, Existenz, Es-gibt oder ähnliche, die alle synonym sein sollenund es tatsächlich auch sind, weil sie ebenfalls absolut nichts erklären

 

Kant vermochte die Frage worin die Wirklichkeit besteht zwar ebenfalls nicht zu beantworten, konnte uns aber immerhin erklären, weshalb nicht:

Es gibt keine Antwort, weil die „Wirklichkeit kein Prädikat“ oder keine Eigenschaft ist.

 

(Das braun Hervorgehobene können Sie im gesamten Buch überschlagen, ohne den Roten Faden zu verlieren.)

Versuchen wir, Kants Begründung ein wenig zu verstehen.

Krokodile und Drachen haben einen Schwanz; das gehört natürlich zu ihren Eigenschaften.

Krokodile gibt es, Drachen nicht; auch dies versteht die Tradition – für uns wahrscheinlich völlig überraschend – als Eigenschaften der Krokodile bzw. Drachen.

Beide besitzen somit traditionell (unter anderem diese) zwei Eigenschaften; Krokodile – Schwanz und Vorhandenheit – sowie Drachen – Schwanz und Nicht-Vorhandenheit.

Spätestens hier wird überdeutlich, daß  Vorhandenheit keine Eigenschaft sein kann, denn sie hat mit den Tieren nichts zu tun.

 

Was verbindet die Tatsache, daß Löwen vorhanden sind, mit den Löwen?

Nichts, denn ansonsten könnten wir gar nicht feststellen, daß gerade Löwen existieren; es wäre absurd, sie an ihrer Vorhandenheit als Löwen erkennen zu wollen.

Kants Beispiel in diesem Zusammenhang besteht in der Frage, ob 100 Taler, die ich nicht besitze, etwas anderes sind als 100 Taler, die ich habe?

Wenn wir von den Talern reden – und nicht von mir –, besteht tatsächlich kein Unterschied.

 

Hiermit entfällt auch eine – zwar sehr naive, aber dennoch (oder gerade deswegen) – weit verbreitete Interpretation des „ontologischen Gottesbeweises“ (Anselm von Canterbury):

Ein vollkommener Gott, der existiert, hat mit seiner Wirklichkeit eine positive Eigenschaft mehr, als exakt dieser „vollkommene“ Gott, der nicht existiert; letzterer kann somit auch nicht vollkommen sein. Definieren wir Gott jedoch „als das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann“ (Anselm), muß die Existenz also zu ihm gehören, so daß es Gott mit Sicherheit gibt.

 

AD: „Das wirkt sehr spitzfindig und wie an den Haaren herbeigezogen; ich kann mir kaum vorstellen, daß ein solcher Gottesbeweis heute noch jemanden anspricht. Aber abgesehen davon bin ich mir doch recht sicher und erlaube mir, Ihnen zu widersprechen, daß die Wirklichkeit doch eine Eigenschaft darstellen muß.

Träume ich von Wasser oder stelle es mir vor, dann ist das Wasser unwirklich; sonst könnten Menschen in der Wüste nicht verdursten; Vorstellen geht ja wohl immer. Wirkliches Wasser ist dagegen solches, das man tatsächlich trinken kann.“

 

Nein; das stimmt nicht; es gibt kein wirkliches und unwirkliches Wasser, sondern nur Wasser – von diesem falschen „es gibt“ der Einfachheit halber bitte einmal abgesehen.

Beim Trinken handelt es sich nicht um wirkliches Wasser, sondern wirklich um Wasser.

Im Traum handelt es sich nicht um unwirkliches Wasser, sondern nicht wirklich um Wasser.

AD: „Jetzt werden Sie auch noch so spitzfindig wie Ihr Anselm; ‚es gibt wirklich Wasser, aber kein wirkliches Wasser‘; ich sehe dazwischen, ehrlich gesagt, keinen Unterschied!“

Das ändert sich wahrscheinlich sehr schnell, wenn wir das Wasser durch Arsen ersetzen:

Ich verstehe nicht, was wirkliches bzw. unwirkliches Arsen sein soll; Arsen ist Arsen. Aber ich sehe einen großen Unterschied dazwischen, ob Ihnen jemand wirklich Arsen in das Bier gekippt oder ob er es nicht wirklich getan hat.

 

Fassen wir – wieder für uns alle – zusammen:

Die Tradition sieht in den Urbildern die Wirklichkeit, ohne jedoch sagen zu können, worin letztere bestehen soll. Kant rechtfertigt diesen Fehl, den die meisten gar nicht bemerken – freilich ohne dadurch etwas zu vermissen.

 

AD: „Ich schneide mich jetzt zwar ins eigene Fleisch, aber . . .

. . . müßten wir nicht eingestehen, daß zur traditionellen Wirklichkeit nicht nur die objektive Realität mit ihren Urbildern, sondern auch Gott gehört?“

Sehr tapfer; das ist Ihnen bestimmt nicht leicht gefallen! Ich muß etwas ausholen und kann Ihnen nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ antworten.

 

Um die Urbilder sauber einführen zu können, sind wir zunächst von der objektiven Realität ausgegangen, die nur aus ihnen besteht. Aber kaum ein traditionell Denkendender wird bei ihr stehenbleiben und ernsthaft glauben, die objektive Realität sei die gesamte Wirklichkeit. Auch für ihn gibt es doch zahllose Entitäten, die wir mit Sicherheit nicht abbilden, das heißt, hinter denen gewiß keine Urbilder stehen.

Die Geschichten von Jorge Luis Borges oder Jenseitsvorstellungen der Azteken, Freuden oder Leiden, Künste oder Sprachen usw. lassen sich schwerlich als Abbilder interpretieren.

Das wichtigste Beispiel für dieses Mehr-als-objektive-Realität besteht meines Erachtens in den „subjektiven Tatsachen“, von denen Hermann Schmitz beansprucht, sie  entdeckt zu haben:

 

Daß Johannes Soukup heute traurig ist, mögen traditionell Denkende mit viel Phantasie und Aufwand möglicherweise als adäquates Abbild eines objektiven Urbilds verstehen. Wir können das gerne ungeklärt auf sich beruhen lassen, weil es für unsere weiteren Übelegungen belanglos bleibt.

Aber daß ich heute traurig bin, stellt eine subjektive Tatsache dar, bei der eine solche Rückführung auf die objektive Realität mit Sicherheit unmöglich ist , weil ich das Subjekt Johannes Soukup bin und nicht das Objekt bzw. der Mensch mit dem Namen „Johannes Soukup“.  

 

Die traditionell Denkenden müssen also über die objektive Realität hinausgehen und diese – unter anderen um die subjektiven Tatschen – zu ihrer jeweiligen subjektiven Welt ergänzen. Letztere steht für „alles“ und enthält somit

(1) als gemeinsame Partialwelt die objektive Realität und

(2) einen jeweiligen subjektiven Überschuß.

 

Für Menschen, die (an) Gott glauben, bestehen somit grob gesprochen zwei Möglichkeiten.

Zum einen können sie – sowohl als traditionell wie auch als postmodern DenkendeGott in ihren subjektiven Überschuß (2) aufnehmen; etwa unter den subjektiven Tatsachen. Der entscheidende Nachteil eines solchen Glaubens für die Institution Kirche besteht freilich darin, ihn nicht kontrollieren und damit auch nicht als Machtmittel einsetzen zu können.

Daß unsere Überlegungen auf diese Glaubensform hinauslaufen (müssen), bedürfte wohl kaum noch der Erwähnung. 

Zum anderen kann auch Gott und alles, was mit ihm zusammenhängt, traditionell-urbildlich verstanden werden. In diesem Fall (1) bläht sich die objektive Realität enorm auf, weil zum hinterwäldlerischen Kosmos ein ebensolches Jenseits hinzutritt.

 

„Rechtgläubige“ legen zumeist großen Wert auf die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz oder Diesseits und Jenseits. Das sind aber zumeist nur (leere) Worte, denn die zugehörigen Denkformen stimmen nahezu 100%-ig überein; der Schöpfer ist ebenso vorhanden wie seine Schöpfung.

Er ist freilich der Seiendste, Mächtigste, Größte usw.; auf Gott treffen bestenfalls unsere positiven Superlative zu, die aber doch nur ein quantitative Steigerung bedeuten.

Um dies anzudeuten, hat Heidegger den Begiff der Onto-Theo-Logie von Kant übernommen; er soll darauf hinweisen, daß sich das traditionelle Denken Gottes höchstens unwesentlich von demjenigen des Seins unterscheidet.    

 

Nun kann ich Ihnen kurz und bündig antworten:

Sowohl traditionell wie auch postmodern gibt es nur subjektive Welten; dieses „nur“ müssen wir im Sinne von „allein“ als ausschließend und dürfen es nicht wie „bloß“ als Minderung verstehen.

Meines Erachtens existiert keine objektive Realität, weder eine „physikalische“ noch eine theologische und damit auch kein Dies- oder Jenseits.

Letzteres benötigt nur, wer in traditioneller Form (an) Gott glaubt. Diesseits sowie Jenseits entstehen also gemeinsam und bilden auch gemeinsam die objektive Realität. In dem jeweiligen subjektiven Überschuß wird diese Unterscheidung sinnlos, weil es nur um meine – Sie müßten natürlich ebenso in der ersten Person Singular sprechen – Erlebungen geht.