0.1.2. Das moderne Weltbild als Mythos

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer objektiv-wirklichen Realität zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen. Das sind Vorstellungen in der Psyche, die nur irrtümlich als Abbilder geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern partout nicht die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitestgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls seine Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ eingeordnet werden.

Diese heute weit verbreitete Einstellung halte ich jedoch selbst für einen Mythos; es ist derjenige vom Fortschritt als der großen modernen „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die natürlich – wie könnte es auch anders sein – direkt zu uns als der Krone der Schöpfung Evolution führt und deshalb nur allzugerne geglaubt wird.

 

Die kosmische Evolutionstheorie ist der „Weltentstehungsmythos des Atomzeitalters“ (Georg Picht).

Letzteres begann mit dem little bang von Hiroshima und Nagasaki, ist aber auch sonst ein Zeitalter der Explosionen; Bevölkerungszahlen, Wissungen, Informationen, Verfügbarkeiten, Fördermengen, Ansprüche, Geschwindigkeiten, Erwartungen, Produktionsraten usw. schnellen plötzlich in die Höhe. Damit einher gehen Zerstörungen beispielsweise von Lebensgrundlagen, Traditionen, Religionen, Werten, Sprachen, Minderheiten, Tieren oder Pflanzen.

Kann es uns überraschen, daß die Menschen einer solchen Zeit glauben, sich einem großen Knall verdanken zu müssen?

Die Urknalltheorie ist natürlich eine physikalische, aber sie wird nicht von einer angeblichen objektiven Realität her verständlich – Physiker sind keine Hinterwäldler –, sondern aus unserer Psyche heraus.

 

Ich bin – gegen den Zeitgeist – fest überzeugt, daß wir keine Ausnahmekultur sind und über subjektive Welten sowie Weltbilder verfügen wie alle anderen Kulturen auch. Sämtliche Varianten haben ihre Vor- und Nachteile; weder sind sie nahezu gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befinden sich wahre Welten bzw. Weltbilder darunter

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ die Hinführung zu einem solch avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten davon könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

 

Wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was zu glauben wir für richtig halten.

Das ist fast eine Tautologie; alle gehen so vor, die traditionell Denkenden akzeptieren es nur nicht und berichten – gutgläubig – von ihrer Hinterwelt.

Das traditionelle Weltbild verstellt den Blick auf die Wirklichkeit des Lebens, indem es uns eine objektive Realität vorgaukelt. Nichtsdestotrotz glauben wir dieses Weltbild nur allzugerne – und belügen uns damit selbst.

Fünf nachvollziehbare Gründe für diesen Selbstbetrug schauen wir uns kurz an.

 

1. Zunächst möchten wir sehr gerne wissen, „wie es wirklich ist“; postmodern – das heißt nicht-traditionell – läßt sich diese Sehnsucht jedoch nicht erfüllen.

 

2. Des weiteren wünschen wir uns Sicherheit, und diese scheint nicht zuletzt dadurch gewährleistet, daß wir auf möglichst viele Fragen sowohl eindeutige als auch einfache Antworten geben können.

Es gibt sogar eine „Faszination des Primitiven“, die wir beispielsweise bei politischen oder sportlichen Großveranstaltungen mitunter ungeschminkt erleben. Und der Naive Realismus ist gewiß auch keine intellektuelle Meisterleistung . . .

 

3. Wir suchen nach wärmender Gemeinschaft und möchten gerne in ihrem Strom mitschwimmen.

Die Mehrheit denkt aber nicht, und zahlreiche Umfragen zeigen, daß sie das auch gar nicht möchte; zu denken vermag nur der Einzelne – wenn er denn will..

 

4. Viele Wissungen erscheinen uns als alternativlos, so daß wir scheinbar felsenfest von ihnen überzeugt sein müssen. Aber gegen die Annahme, Denknotwendigkeit müsse etwas mit Wahrheit zu tun haben, sprechen zumindest zwei sehr starke Argumente.

Zum einen resultiert die angedeutete „Evidenz“ möglicherweise aus unserer Einseitigkeit, Denkfaulheit, Ignoranz oder mangelnden Phantasie. Wer kreativer ist, intensiver überlegt oder mehr Zeit investiert, findet vielleicht noch ganz andere Antworten.

Zum anderen hatten wir soeben ausgeführt, daß alles Argumentieren, Beweisen oder Widerlegen an unser Weltbild gebunden ist; Denken heißt, sich innerhalb von ihm geistig zu bewegen, denn kein einziger Gedanke, der nicht bereits explizit zum Weltbild gehört oder sich aus ihm ergibt, ist uns zugänglich.

Sämtliche Schlüsse oder Begründungen tragen also den Vermerk: „im Rahmen meines Weltbilds“, denn sie setzen dieses als unhinterfragbares Nonplusultra voraus. Unser Weltbild legt, anders formuliert, beispielsweise fest, was 100%-ig sicher bzw. absolut unmöglich ist. A muß und B kann nicht sein – in meinem Weltbild; dieses und keine angebliche objektive Realität, liefert die Begründung dafür.

 

5. Unsere Technik bildet die Anwendung der exakten Wissenschaften, und daß wir technisch unglaublich erfolgreich sind, scheint zu beweisen, daß die exakten Wissenschaften die objektive Realität adäquat wiedergeben.

Dem würde ich entgegenhalten, daß andere Kulturen mit ihren – dann natürlich – „falschen“ Weltbildern teilweise sehr lange bestanden; das ägyptische Pharaonentum beispielsweise 3000 Jahre. Unser „richtiges“ modernes Weltbild stellt uns dagegen bereits nach vier Jahrhunderten vor immer größer werdende Probleme.

AD: „Das mag theoretisch stimmen, praktisch ist aber von keiner anderen Kultur jemand zum Mond geflogen.“

Vielleicht wollte es auch keiner!

 

Nicht nur, was man tun, sondern auch was man wollen kann, hängt doch vom Weltbild ab. Andere Kulturen strebten vielleicht nach einem Kontakt mit ihren Göttern oder Ahnen; den haben sie möglicherweise erreicht, und wir wollen ihn gar nicht.

Wenn die Ägypter beispielsweise unsere Sonne als ihren Gott Re verehrt haben, mußte ihnen der Gedanke, hinfliegen zu wollen, einfach als absurd erschienen sein. Kennen Sie einen Gläubigen, der ernstlich in die Transzendenz fliegen möchte? Wo müßte er dann eigentlich starten und in welche Richtung?

Unsere diesbezügliche „Logik“ ist doch völlig verquer:

Alle wollten das, was wir können, haben es aber nicht geschafft – wodurch der Fortschritt zu und durch uns bewiesen wäre; q. e. d.

 

Damit verlängern wir im weiteren die Liste der allgemein bekannten Kränkungen des Menschen duch die moderne Wissenschaft über Galilei, Darwin und Freud hinaus. Die „Aufgeklärten“ unter uns, die stolz auf ihren Verstand sind, müssen enttäuscht sein:

1. Die angebliche objektive Welt ist nur eine projizierte Hinterwelt.

2. Alle Vorstellungen sind auf das eigene Weltbild begrenzt, so daß sie – bei aller Stringenz – entsetzlich beschränkt und – vielleicht nicht falsch, aber – sinnlos sein könnten.

3. Die Helle des Verstandes erreicht nicht die Wirklichkeit, sondern nur das unwirkliche Weltbild.

4. Es gibt keine Objektivität, sondern die Welt und unser Bild von ihr sind rein subjektiv.

 

Wenn Sie jetzt „beleidigt“ sein sollten, verstecke ich mich hinter dem flüssig geschriebenen Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann, der immerhin 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt wurde.

Als weiteren unverdächtigen Gewährsmann verweise ich Sie auf Pirmin Stekeler-Weithofer. Sein großartiges Buch „Kritik der reinen Theorie“ kommt meiner Intention sehr nahe, ist aber leider (nur) für Philosophen geschrieben und nicht leicht zu lesen; unser Leben entspricht darin dem Empraktischen.

Des weiteren würde ich Ihnen „Eine Theorie praktischer Vernunft“ von Julian Nida-Rümelin empfehlen; sie stimmt weitgehend mit unseren Gedanken überein und ist recht gut lesbar. Nida-Rümelin legt großen Wert darauf, Realist zu sein; dem kann ich mich 100%-ig anschließen, wenn sich dieser Realismus nicht an einer angeblich objektiven Welt, sondern in der Zukunft zeigt.