0.1.1. Wissungen – jenseits von wahr und falsch

AD: „Wird nicht ohne objektive Realität – das heißt, ohne Wirklichkeit und Wahrheit – nahezu alles möglich?“

Dieser skeptische Einwand trifft mich nicht.

Sie setzen mit der Tradition unausgesprochen voraus, daß die Wahrheit unserer Wissungen durch den Vergleich mit der objektive Realität festgestellt wird. Nun nehmen wir letztere weg – und damit scheinbar nicht nur alle Kontrollmöglichkeiten, sondern die Wahrheit selbst.

Das führt zu dem angeblichen „Relativismus“ der Postmoderne , der von den „Rechtgläubigen“ aller Couleur lautstark angeprangert wird, in Wirklichkeit aber Ihr Unverständnis offenbart.

 

Ihre Voraussetzung stimmt nicht; noch nie hat jemand seine Wissungen an einer objektiven Realität ausgerichtet  – weil deren Existenz immer nur behauptet wurde. Wo finden wir sie denn angeblich, um damit vergleichen zu können? 

Es lassen sich lediglich Erlebungen – Erfahrungen, Vorstellungen oder Wissungen – einander gegenüberstellen.

Zu Beginn der Moderne wurde beispielsweise die Wissung Erdkugel mit der Wissung Erdscheibe verglichen. Unsere Vorfahren haben nicht erkannt, daß die „Erde“ eine Kugel ist – Was soll das eigentlich sein: die „Erde“? –, sondern diese Wissung der Scheiben-Wissung vorgezogen, weil sie für unsere Belange die geeignetere darstellt.

In der Moderne; es wird künftig kaum bei der Kugel-Wissung bleiben. Kennen Sie viele (nicht-mathematische) Wissungen aus der Antike und dem Mittelalter, die wir heute noch für sinnvoll oder nützlich halten?  

 

AD: „Aber wir sehen doch von der Raumstation aus, daß die Erde – pardon: die ‚Erde‘ – tatsächlich eine Kugel ist!“

Nein; das läßt sich prinzipiell nicht feststellen; von wo aus auch immer.

Zum Beispiel könnten Sie völlig problemlos – ohne irgendwelche logischen, mathematischen, physikalischen oder sonstigen Schwierigkeiten – davon ausgehen, daß die Erde eine Hohlkugel ist. Außen befindet sich dann der Untergrund mit unseren Bodenschätzen sowie der Lava, und den Hohlraum füllt die Atmosphäre mit dem Sternenhimmel darüber.

 

Es läßt sich relativ leicht zeigen, daß ausnahmslos alle Experimente bei beiden Erd-Modellen – der Voll- bzw. Hohlkugel – zu exakt den gleichen Ergebnissen führen und folglich prinzipiell nicht zwischen ihnen entschieden werden kann. Sämtliche Resultate des einen Modells stimmen exakt mit den entsprechenden Messungen im anderen überein

Der Übergang zwischen ihnen erfolgt mathematisch durch eine Spiegelung an der Kugel. Das ist eine konforme Abbildung, die das Kugelinnere so in ihr Äußeres transformiert und umgekehrt, daß Winkel identisch bleiben, Geraden in Geraden übergehen usw.

Eben weil sich dies so verhält, ist auch eine eindeutige Entscheidung für dieses und gegen jenes Modell ausgeschlossen. Aus denkökonomischen und weiteren rein pragmatischen Gründen sollten wir unbedingt bei der Dreckkugel-Variante verbleiben – solange sie unseren Fragestellungen gerecht wird.    

(Für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema empfehle ich Ihnen Roman Sexl, einen leider sehr früh vestorbenen Theoretischen Physiker aus Österreich.)

 

Vor 100 Jahren behaupteten unseriöse „Hohlwelttheoretiker“ daß die Erde wirklich das Weltall enthielte. Das ist natürlich Unsinn; sie betrachteten ihre Darstellungsweise – die als solche tatsächlich möglich ist – irrtümlich als Wissen von der objektiven Realität.

Aber wenn wir im Brustton der Überzeugung als „Vollkugeltheoretiker“ auftreten, begehen wir natürlich exakt den gleichen Fehler – nur auf der „Gegenseite“.

Das sind lediglich Beschreibungsweisen – analog zu denen unseres Sonensystems durch Ptolemäus bzw. Galilei –, die alle ihre Vor- und Nachteile, aber nichts mit Wahrheit zu tun haben. 

 

Bildete die Erde tatsächlich einen Teil des physikalischen Kosmos als der objektiven Realität, so würden Voll- oder Hohlkugel eine ausschließende Alternative bilden – keine vollständige wegen einer ebenfalls möglichen Scheibenform beispielsweise –, so daß die jeweiligen Parteiungen sich sinnvoll streiten könnten, weil höchstens eine von ihnen im Recht wäre. 

Ohne objektive Realität bleiben jedoch nur Weltbilder oder Beschreibungsweisen.

 

Ohne objektive Realität gibt es folglich auch keinen gegenwärtigen Irrtum.

Wir akzeptieren unsere Wissungen, solange sie tragen. Eventuelle Fehler werden erst rückblickend deutlich, nachdem uns andere Erlebungen – neue Wahrnehmungen, Vorstellungen oder Wissungen – eines Besseren belehrt haben.

Wenn beispielsweise ein Dürstender in der Wüste Wasser sieht, täuscht er sich nicht, denn es fehlt jeglicher Maßstab, um dies feststellen zu können; er sieht Wasser; Punkt! Wüßte er, daß es sich um eine Fata Morgana handelt, würde er kein Wasser sehen, sondern vielleicht im Sonnenlicht glitzernde Steine.

Aus seinem Weltbild folgt, daß man Wasser trinken und damit sein Leben retten kann; also versucht er das wie selbstverständlich.

Mißlingt es ihm, besteht darin eine neue Erfahrung, die ihn belehrt und anhand derer er im Nachhinein erkennt, daß es sich zuvor um eine Fata Morgana gehandelt haben muß.

 

Es ist sogar noch schlimmer:

Ob die rückblickend erkannten „Fehler“ tatsächlich Fehler waren, zeigt sich erst noch später; vielleicht kehren wir auch reumütig zu unseren „ersten“ Annahmen zurück – ob es nun Fehler waren oder nicht.

Die entscheidende Frage lautet also keineswegs: „Wie erkennen wir Fehler?“ 

Sondern vielmehr: „Was bedeutet ‚Fehler‘ überhaupt?“

 

AD: „Das erinnert mich an Ihre obigen Bemerkungen zu den Gleisen und Straßen, die es ohne objektive Realität gar nicht geben kann.

Wir nutzen also keine bereits existierenden Wege, sondern sie entstehen erst durch unser Gehen. Dann ist klar, daß sich erst ganz am Ende – im Ziel oder vielleicht auch Nicht-Ziel – zeigen kann, worin unsere Fehler bestanden.“