2.5. Zusammenfassung

In einem Lehrbuch werden die wichtigsten Punkte zusammenfassend wiederholt, damit die Studierenden sich das neue Wissen gut einprägen können.

Bei uns geht es jedoch nicht um ein Lernen von Sachverhalten, sondern um ein Andern von Denkformen. Dann hat eine Zusammenfassung meines Erachtens eine völlig andere Aufgabe; nämlich die, ausgehend von dem neu erreichten Denkniveau den bereits zurückgelegten – aber erst jetzt sichtbar gewordenen – Weg verständlich zu machen.

Wo befinden wir uns? Weshalb sind wir überhaupt hierher gegangen? Was erwartet uns nun? 

 

Die meisten von uns sind sich wohl sehr sicher, daß wir in einer uns vorgegebenen Welt leben und sie auch eine hinreichend adäquate Vorstellung von ihr besitzen.

Diese traditionelle Welt entspricht dem Wißbaren bzw. – nach und nach immer besser – Gewußten; bei unseren Vorfahren vor Jahrtausenden handelte es sich im Kern bereits um die gleiche Welt, aber sie haben nur sehr wenig von ihr verstanden. Von ihrer Wissenschaftsgläubigkeit  hängt es ab, wie nahe sich heute die modernen Traditionalisten der vollkommenen Erkenntnis wähnen.

 

Die einfachste Denk-Möglichkeit besteht offensichtlich darin, sich die Welt wie bei einem Lego-Baukasten als aus Einzelteilen zusammengesetzt vorzustellen. Das wird für viele Menschen in ihrem Alltag eine Selbstverständlichkeit sein, über die sie gar nicht nachgedacht haben, und stellt auch innerhalb der Naturwissenschaften noch eine weit verbreitete Ansicht dar.

Freilich ist sie nicht selbstverständlch; es gibt wohl keine großen Philosophen, die von einer so primitiven Lego-Welt ausgingen bzw. -gehen. Ihre Theorien sind zumeist viel komplizierter. Nicht aus Wichtigtuerei, dem Drang nach Originalität oder anderen unnötig-dummen Gründen, sondern weil 1000 Argumente gegen eine simple Lego-Welt sprechen, bei der man sagt „Es gibt:“ und dann einfach aufzält.

Gerold Prauss bündelt diese Argumente, die natürlich auf die Subjekt-Objekt-Problematik hinauslaufen, bereits im Titel seiner vierbändigen monumentalen Kant-Interpretation „Die Welt und wir“.

Platon, Aristoteles, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant, Ludwig Wittgenstein und Alfred North Whitehead wären diesbezüglich wichtige Meilensteine einer Philosophiegeschichte, die immer weiter von Lego-Steinchen wegführte, weil sie die – Wirklichkeit der – Zeit entdeckte, so daß der zeitlose Baukasten immer absurder wurde.

 

Wir haben als Ausgangpunkt der vorliegenden Überlegungen unsere eigenen Erfahrungen gewählt; nicht weil sie wahr, sondern weil sie unhinterfragbar sind. Erfahrungen können – nachträglich oder – nur durch weitere Erfahrungen korrigiert werden. Das ist immer wieder oder ein Leben lang möglich, aber wohl alternativlos.

Wer einen anderen Beginn für unser Denken vorschlagen möchte – die Materie, Naturgesetze bzw. Sprache, den Willen Gottes oder was auch immer –, müßte uns erklären, wie er diese Wissungen gewonnen hat. Und da, wollte ich soeben sagen, kommt er wohl wiederum nicht an der Erfahrung vorbei.

 

Das sieht auch die Tradition so, hält aber diesen Ansatz nicht durch.

Natürlich, meint sie, müssen wir die Seienden erst einmal erfahren bzw. wahrnehmen. Aber nachdem das geschehen ist, können wir einen Schritt weitergehen und müssen nicht immer wieder bei Null beginnen. Jetzt wissen wir die Seienden und starten unser Reflektieren im weiteren gleich bei ihnen; sie werden nun zum neuen, denkfreundlicheren Ausgangspunkt. 

Bei einem solchen Vorgehen stellt sich mir ganz einfach die Frage, wie lange wir wahrnehmen müssen, bis unsere Wahrnehmungen den Seienden entsprechen, das heißt, sie hinreichend genau abbilden, so daß keine nachträglichen Korrekturen mehr zu erwarten sind.

Letztlich, könnten wir also sagen, leugne ich nur das Ende oder die Vollkommenheit unserer Erfahrungen – und verbleibe deshalb bei ihnen.

 

Zu den sich daraus ergebenden – zeitbedingten – Wissungen zählen unter anderem politische, gesellschaftliche, ethische, sportliche, religiöse sowie alltäglich-praktische, und ich sehe keinen Grund, irgendwelche von ihnen aus unseren Überlegungen auszuschließen.

Bei den Beispielen sind jedoch die physikalischen Wissungen von besonderem Interesse, weil sie dem gesunden Menschenverstand die größten Schwierigkeiten bereiten. Daß Wissungen wie Identität, Gerechtigkeit oder Zahlen keine von Seienden in der Welt darstellen, mag ja gut möglich sein; aber bei Sternen, Atomen und sämtlichen Körpern im weitesten Sinne – anorganischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen – erscheint dieser Gedanke (nahezu) als absurd:

Jedes Stück Materie oder Substanz, jedes Ding also, muß doch – scheinbar – ein Seiendes darstellen!