2.5.3. Welt – Bewußtsein – Psyche

Dem traditionellen Denken zufolge gibt es Seiende in der Welt, die als Urbilder fungieren; ihre Abbilder befinden sich im Bewußtsein. Die Sehungen Mond(A) und Körper(A) namens „Moritz“ sind also Abbilder der beiden zugehörigen Seienden Moritz(U) bzw. Mond(U) innerhalb meines Bewußtseins.

Nun stelle ich in meinem Bewußtsein fest, daß der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) offensichtlich ebenso „sieht“ wie ich; er schaut hin, findet ihn schön und freut sich. Diese Tatsache läßt sich einerseits schwerlich bestreiten, andererseits aber nicht mittels des soeben benutzten Abbildens als Sehen erklären:

Ihm zufolge sieht Moritz(S) den Mond(S) in seinem Bewußtsein, aber nicht der Körper(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem.  

 

 

Seiende oder Urbilder Welt  
Moritz(U) und Mond(U)
     
|      
Abbilden      
     
Abbilder
mein Bewußtsein  
Körper(A) namens „Moritz“ und Mond(A)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Abbilder in die Abbilder(I) Psyche vom Individuum(A) namens „Moritz“
 
Mond(P)
     

Abbildung 2.5.3.-1

 

Das „Sehen“ von dem Körper(A) namens „Moritz“ kann also kein traditionelles Sehen sein. Ich muß zugeben, daß er den Mond(A) „sieht“, und erkläre mir das, indem ich den Körper(A) namens „Moritz“ mittels einer – dann: seiner – Psyche zum Individuum(A) namens „Moritz“ ergänze. In diese kann nun der Mond(A) projiziert werden.

Daß das Individuum(A) namens „Moritz“ den Mond(A) in meinem Bewußtsein „sieht“, bedeutet also, daß ich – im Rahmen meines Weltbilds – den Mond(A) in die Psyche des Individuums(A) namens „Moritz“ projiziere.

 

Was haben wir jetzt eigentlich getan? Wir haben überlegt,

– wie unser Ansatz aussehen würde,

wenn es die traditionelle Welt der Seienden gäbe.

Von diesem Mischmasch ausgehend sind also zwei Richtungen zu seiner Bereinigung angebracht; hin zum traditionellen bzw. zu unserem Denken:

1. Wie ist es möglich, daß ersteres kein Bewußtsein benötigt und mit den Psychen allein auskommt?

2. Was ändert sich an dem obigen Durcheinander, wenn wir die Seienden streichen?

 

Ad 1.

Wir hatten gesehen, daß das Abbilden – theoretisch zwar unbedingt erforderlich ist, aber – tatsächlich nie in Erscheinung tritt. Die Tradition überspielt es dementsprechend auch zumeist und setzt konsequent die Ab- mit den Urbildern gleich. Dadurch kann sie behaupten, unmittelbar von der Welt zu sprechen, so daß der obige Übergang in das Bewußtsein ebenso wie dieses selbst entfällt.

 

 

Abbilder   =   Urbilder
Welt
 
Moritz(A) und Mond(A)   =   Moritz(U) bzw. Mond(U)
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Ur- / Abbilder in die Ur- / Abbilder Psyche von Moritz(A) / Moritz(U)
 
Mond(A)   =   Mond(U)
     

Abbildung 2.5.3.-2

 

Nun sollte endlich auch deutlich werden, weshalb bei uns das Bewußtsein unbedingt benötigt wird:

Natürlich nicht, weil wir das Abbilden ernstnehmen; es gibt keines. Vielmehr, weil unsere Wissungen immer schon den traditionellen Abbildern entsprechen – und das nehmen wir ernst. Die davor liegende Ebene der Seienden in der Welt existiert für uns ja gar nicht; die Tradition geht zwar theoretisch von ihr aus, glaubt aber, sie – aufgrund der Übereinstimmung – mit den bloßen Abbildern bevölkern zu können.

 

Dieser Widerspruch, von Entitäten auszugehen, die dem eigenen Ansatz entspechend nur Abbilder darstellen können, aber diese der objektiv-realen Urbild-Welt zuzuordnen, bildet meines Erachtens den ersten der beiden traditionellen Hauptfehler.

Der zweite besteht in der mißverstandenen Symmetrie aller Subjekte:

Moritz besitzt eine Psyche; da alle Subjekte die gleiche Struktur besitzen müssen, habe ich ebenfalls eine Psyche; Bewußtseine kommen tatsächlich nicht vor.

 

Ad 2.

Diese Gleichwertigkeit sämtlicher Subjekte ist natürlich richtig und gilt selbstverständlich auch bei uns:

1. Alle Subjekte sind Bewußthaber.

2. Aber da ihnen nur das eigene Bewußtsein gegeben ist ist, müssen alle fremden Subjekte transzendent sein.

3. In Abhängigkeit vom subjektiven Weltbild können beliebige Körper – eo ipso außer dem eigenen – als Individuen verstanden und mit einer Psyche im Sinne einer black box versehen werden. 

4. Natürlich sind das nicht die Körper der fremden oder anderen Subjekte; mindestens drei srarke Gründe lassen sich hierfür vorbringen:

a) Woher wollten wir das wissen?

b) „Fremde“ oder „andere Subjekte“ sind innerhalb der Transzendenz völlig sinnleere Worte.

c) Sämtliche  Körper gehören meinem Weltbild an und können somit niemals die Körper „fremder“ oder „anderer Subjekte“ sein.

 

Wir streichen, exakt formuliert, also nicht mit der Tradition das Abbilden unter Beibehaltung der Urbilder, sondern letztere, so daß das Abbilden automatisch entfällt und die „Abbilder“ keine Abbilder mehr darstelllen.

 

 

Wissungen
mein Bewußtsein  
Körper namens „Moritz“ und Mond
     
|      
Projizieren      
     
Projektionen der Wissungen in die Wissungen(I) Psyche vom Individuum namens „Moritz“
 
Mond
     

Abbildung 2.5.3.-3

 

Bei Schriften zu dieser Thematik müssen wir genau auf die dortige Wortwahl achten.

Unser Begriff des Bewußtseins begegnet relativ selten; die meisten Autoren mogeln sich wie oben beschrieben über das Abbilden hinweg und beanspruchen, bei den Seienden (in) der Welt zu beginnen. Tatsächlich positionieren sie jedoch fälschlicherweise diejenigen Entitäten, die sie ihrem eigenen Ansatz zufolge nur als Abbilder verstehen dürften, in der Welt

„Welt-Abbild“ wäre also ehrlicher; das entspricht unserem Weltbild, das wir aber nicht als Bild von der Welt verstehen.

 

In der Literatur tritt somit nahezu ausschließlich das auf, was wir unter Psyche verstehen, aber mitunter auch „Bewußtsein“ genannt wird.

Da wir uns hier bereits innerhalb des Weltbilds bewegen – ganz anderes als bei unserem Bewußtsein –, hängt es auch von jenem ab, ob wir die Psyche überhaupt benötigen und welche Form sie gegebenenfalls besitzen muß.

In unserem Dualismus gehört das Bewußtsein zur Wirklichkeit und die Psyche zum Weltbild.