2.5.2. Streichen „des Nichts“

AD: „Ich habe ein ganz verrückte Idee . . .

Sie haben relativ ausführlich gezeigt, daß der von der Tradition behauptete Vergleich zwischen unseren Wahrnehmungen und den Seienden nie erfolgt – weil er unmöglich ist – und die Existenz der letzteren nur zur Selbstrechtfertigung postuliert wird. Also können wir die Seienden auch einfach canceln, und keiner merkt es – weil gar nichts geschehen ist.

Das betrifft insbesondere unser Weltbild; es bleibt völlig unverändert, weil wir ja nur etwas streichen, was niemals vorkommt und – Ihrer Überzeugung nach – auch weder benötigt wird noch existiert. Wir behalten also unser altes traditionelles Weltbild und verzichten lediglich auf seine Referenten.

Was ändert sich dann bei uns eigentlich noch gegenüber dem traditionellen Denken?“

 

Dann gibt es also auch weiterhin die traditionellen Subjekte und Objekte; freilich weder als Seiende noch als deren Abbilder, aber als Bilder oder Wahrnehmungen – und damit auch Vorstellungen. Um Verwechslungen möglichst auszuschließen, ersetzen wir sie durch Individuen bzw. Dinge.

Sie gehören als Wissungen zu unserem Weltbild, und ihre Umbenennung verweist lediglich darauf, daß wir zwar noch das traditionelle Weltbild, aber nicht mehr die zugehörige Welt haben.

Obwohl mit letzterer nur „ein Nichts“ gestrichen wurde, ergeben sich wesentliche Korrekturen:

 

1. Unser Weltbild mit seinen Wissungen ist jenseits von wahr und unwahr; die traditionelle Wahrheit entfällt; wir könnten also aufhören, uns ihretwegen zu streiten.

 

2. Ein Weltbild ohne Welt benötigt einen Weltbildhaber, der nicht dem Weltbild angehören kann, sondern wirklich sein und damit – im Sinne unseres Dualismus – einen Teil der Gegenseite bilden muß.

Deswegen kann ich nur in der ersten Person Singular verständlich weitersprechen; Sie müßten natürlich das Entsprechende für sich selbst formulieren.

 

3. Als wirkliches Subjekt habe ich ein Bewußtsein, zu dem neben meinem (verbalen) Leben mein Weltbild gehört, das weitgehendst mit dem traditionellen übereinstimmt.

 

4. Insbesondere umfaßt es die Individuen und Dinge.

a) Ich selbst kann kein Individuum sein, da ich als Subjekt zwar einen Körper besitze, sich darin aber natürlich keine mir unbekannte Psyche befinden kann.

b) Alle anderen „Subjekte“ sind keine Subjekte, sondern gehören als Individuen meinem Weltbild an und befinden sich darin – ganz traditionell – als Einheiten aus Körper und Psyche.

Spätestens hier sollte deutlich werden, weshalb wir stets zwischen Bewußtsein und Psyche unterschieden haben: Den Träger von jenem stelle allein ich als Subjekt dar, während die Psychen den fremden Körpern zugehören

 

5. Damit ergibt sich ein prinzipieller Unterschied zwischen den Perspektiven der ersten und dritten Person:

Jene ist immer nur die meinige und stimmt mit meinem rein subjektiven Bewußtsein überein.

Die Perspektive der dritten Person besteht dagegen in derjenigen des Nous; bei ihr muß ich mich absichtlich „dumm stellen“ und mich selbst – wie alle „Subjekte“ – als ein Individuum betrachten. So sieht es der Nous, denn bei seiner Schau müssen ja alle „Subjekte“ gleichwertig oder austauschbar sein.

 

6. Daß ich für mich selbst ausgezeichnet bin und auch nicht die geringste Vorstellung von anderen Subjekten und deren Leben haben kann, sondern diese für mich ununterschieden in der Transzendenz aufgehen,

– ist zum einen nicht erstaunlich, weil alles mir Zugängliche natürlich zu meinem substantivischen Leben gehört, und

– ergibt sich zwingend aus dem Fehlen sämtlicher Referenten, die aus den Wissungen herausführen. würden.

 

AD: „Und wenn Sie Ihre Frau sehen?“

Dann sehe ich kein wirkliches Subjekt, denn das kann nur in Gott leben und muß somit unsichtbar sein.

Was ich sehe, ist ein Individuum, das zu meinem Weltbild und damit zu meinem Leben gehört.

Weder ist dieses Individuum ein Subjekt noch verbirgt sich eines dahinter; was dahinter steckt, kann – wie immer – höchstens die Transzendenz sein.