2.5.1. Unsere „Axiome“

Natürlich ist der Begriff Axiom außerhalb der exakten Wissenschaften völlig unangebracht; aber auch dort sollten wir uns bemühen, möglichst sauber zu denken. In diesem Sinne möchte ich unsere vier „Axiome“ verstanden wissen.

 

1. Wir können nur innerhalb unseres Weltbilds sinnvoll denken oder sprechen, denn sämtliche Wissungen bilden einen integralen Bestandteil desselben.

 

2. Es gibt eine Wirklichkeit, die mit unserem Weltbild absolut nichts zu tun hat und somit „vor“ ihm kommt oder ursprünglicher ist.

 

3. Wir können nicht begründen, daß unsere Wissungen Referenten außerhalb von sich selbst besitzen oder daß sich das Weltbild  auf die ihm vorgegebene Wirklichkeit bezieht – und müssen folglich auf alle diesbezüglichen Behauptungen verzichten.

 

4. Damit entsteht ein Dualismus; der Wirklichkeit auf der einen Seite steht unser subjektives Weltbild mit seinen „Komponenten“ auf der anderen gegenüber.

 

AD: „Ich verstehe Sie, kann aber nicht recht sehen, wie Ihr Dualismus mit dem traditionellen von Subjekt und Objekt zusammenhängt.“

Da die Tradition angeblich das Kunststück fertigbringt, die – Wirklichkeit der – Seienden außerhalb des Bewußtseins adäquat abzubilden, besteht zwischen Wirklichkeit und Weltbild der Form nach vollkommene Übereinstimmung. Natürlich nur „der Form nach“; die Welt existiert und die Wissungen stellen nur deren geistige Abbilder dar.

Insbesondere die Subjekt-Objekt-Spaltung gehört also der Wirklichkeit an und wird vom Weltbild nur adäquat wiedergegeben.

 

In der nachstehenden Abbildung ist das Bewußtsein jeweils gelb und sein Außerhalb grün unterlegt.

 

Wirklichkeit Weltbild Vergessenes  
       
Welt oder Seiende     traditionell
„Subjekte“ Objekte Wissungen von den Seienden Leben  
———- ———- Wissungen ohne Referenten    
„zeitlich“ „zeitlich“    
         
Transzendenz
    postmodern
– ich als Subjekt und mein (verbales)  Leben Wissungen ohne Referenten ———-  
zeitlich
„zeitlich“
   
– Ursprung      

Abbildung 2.5.1.

 

Der blinde Glaube an Seiende stellt meines Erachtens den einen der beiden traditionellen Hauptfehler dar; der andere besteht darin, das Leben zu vergessen, zu ignorieren oder zu leugnen. Dadurch gibt es auch keine wirklichen Subjekte, so daß wir konsequenterweise von einer „Subjekt“-Objekt- bzw. Objekt-Objekt-Spaltung sprechen müßten.

 

Für uns fällt die Wirklichkeit letztlich mit der Transzendenz zusammen – weil diese den einzigen Quell von jener darstellt –, was aber nicht bedeutet, daß die Transzendenz transzendent bleiben muß. Wenn wir in Gott leben, muß ein (geringer) Teil von ihr zu unserem Leben und damit immanent geworden sein, so daß sich die ursprüngliche Transzendenz aus dem transzendent gebliebenem Ursprung und meinem substantivischen Leben zusammensetzt.

Theologisch entspricht dem die Kenosis, das heißt, die Selbstentäußerung oder -hingabe Gottes, die wir üblicherweise als seine Menschwerdung veranschaulichen, die aber meines Erachtens unserer Vergöttlichung entspricht.

AD: „Dann werden wir also zu Gott?“

Nein; allein er ist der Quell sämtlicher Wirklichkeit und aktual unendlich.

Aber daß Gott uns durch seine Menschwerdung vergöttlichen will, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn – ganz einseitig – geht alle von ihm aus. Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen.

 

Damit ergibt sich – unserem Dualismus entsprechend – eine tatsächliche Subjekt-Objekt-Spaltung, wobei wir dieses „Objekt“ der Deutlichkeit halber durch „Wissung“ ersetzen:

Die immanente oder transzendente Transzendenz stehen dem Weltbild mit all seinen Wissungen diametral gegeneüber.

 

Das ist einerseits in der Tat ein Dualismus, weil wir mit unserem Weltbild nichts von der Wirklichkeit wissen.

Andererseits besteht natürlich nichtsdestotrotz eine Wechselwirkung, die die beiden Seiten zu einem Zirkel kurzschließt:

Ohne die Transzendenz als den einzigen Quell der Wirklichkeit gäbe es zum einen gar kein subjektives Weltbild.

Zum anderen dient letzteres unserer Orientierung; wir haben oder es gibt dafür gar nichts anderes, so daß auch das Weltbild die Wirklichkeit beeinflußt – ganz ohne sie abzubilden.