0.2. Die objektive Realität als Hinterwelt

AD: „Wenn die Urbilder nur erfundene Projektionen darstellen, müßte die objektive Realität doch einer bloßen Hinterwelt entsprechen?“ 

Ja; und das vollkommen unabhängig davon, worin diese Urbilder angeblich bestehen. Wer an ihrer Stelle die Materie sucht, ist keinen Deut aufgeklärter oder heller als derjenige, der dort den Teufel glaubt; jede objektive Realität ist eine Hinterwelt.

Hierzu gehören also insbesondere die Überzeugungen der wissenschaftsgläubigen Fundamentalisten ebenso wie diejenigen der religiösen.

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer), denn er wäre objektiv-real und damit hinterwäldlerisch.

 

AD: „Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entität fest überzeugt sein, denn ich würde auf diese Weise hinterwäldlerisch und mich damit von jedem vernünftigen Diskurs verabschieden?“

Nein; das wäre ja furchtbar, würde ich dergleichen – Absurditäten – behaupteten!

 

Wir könnten uns beispielsweise todsicher sein, daß es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt, Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren oder die Erdscheibe von einem Elefanten auf der Schildkröte getragen wird. Es existiert vielleicht gar nichts Widerspruchsfreies, das wir nicht für selbstverständlich halten dürften.

Die Begründung für unseren möglicherweise ganz tiefen Glauben müßte dabei jedoch sinngemäß stets etwa folgendermaßen lauten:

„Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich für mich zwingend, daß es sich so verhalten muß; ich kann gar nicht anders denken, will ich nicht unvernünftig sein, mir selbst widersprechen, mich absichtlich dumm stellen oder selbst belügen.

Ich bin keineswegs hinterwäldlerisch, weiß, daß sich nichts aus dem Außerhalb der Psyche abbilden läßt, spreche nur von meinen Überzeugungen und beanspruche somit auch keine Wahrheit. Ich will wahrhaftig sein – und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr geht nicht und vermag niemand; ganz im Sinne von Martin Luthers ‚hier stehe ich und kann nicht anders‘.

Das Hinterwäldlertum hat also nichts mit der Sicherheit der eigenen Überzeugungen zu tun, sondern resultiert allein daraus, daß sie gegebenenfalls als Abbildungen der objektiven Realität und damit als wahr behauptet werden.

 

Es geht nicht um die traditionelle objektive Wahrheit, sondern um unsere subjektive Wahrhaftigkeit.

Dann sind wir absolut nicht hinterwäldlerisch, wie „hinterwäldlerisch“ auch immer unsere Überzeugungen sein mögen. Wir beschreiben doch lediglich, was in unserer Psyche vor sich geht und wessen wir uns damit ganz sicher sein können. Ein Außerhalb davon mit eventuellen Urbildern kommt gar nicht vor und damit auch keine Hinterwelt.

Ein solches Denken ist alles andere als traditionell; das wird es erst, wenn die gleichen Überzeugungen als Abbildungen behauptet werden. Dann sagen wir nicht mehr „so sehe ich es“, sondern daraus wird ein „so ist es“. Diese Anmaßung der traditionellen Wahrheit entspricht dem Hinterwäldlerischen.

 

Die nachstehende Abbildung sollte sich von selbst verstehen und das Gemeinte deutlich zum Ausdruck bringen.

Besonders hinweisen möchte ich Sie lediglich darauf, daß die Tradition bei den Irrtümern ebenfalls davon ausgehen muß, daß wir projizieren; aber natürlich nur bei ihnen:

 

Moritz ist Naiver Realist; ein ihm – vielleicht als Wahrnehmung – gegebenes Bild X versteht er als Abbild. Einige ebenfalls traditionell Denkende widersprechen ihm jedoch und erklären, daß kein entsprechendes Urbild dahintersteht, X somit auch kein Abbild sein kann und Moritz sich also täuscht.

Er wundert sich, wieso wildfremde Menschen sich das Recht herausnehmen, über seine – nur ihm allein zugängliche – Psyche zu befinden. 

Glaubt Moritz trotz dieser „Richtigstellung“ weiterhin, sein X sei ein Abbild, so kann er das zugehörige „Urbild“ dem „Wahrheitsministerium“ zufolge nur aus seiner Psyche herausprojiziert haben.

 

 

Außerhalb der Psyche   Psyche    
    Bilder
   
existiert nicht existiert        
  ungewußt
gewußt
       
Projektionen
    Irrtümer
falsch
 
  Urbilder
  (noch) ungegebene Abbilder
——- Tradition
    Urbilder (bereits) gegebene Abbilder wahr  
———- ———- ———-   Überzeugungen ——- wir

Abbildung 0.2.