0.2.2. Wahrheit und Überzeugung

Bei Verzicht auf die Hinterwelt können wir die offensichtliche Tatsache anerkennen, daß sich Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempfänger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendländer, psychisch „Kranke“ sowie Nobelpreisträger erfolgreich in ihrer jeweiligen subjektiven Welt orientieren, von deren Richtigkeit sie überzeugt sind.

Was sollten sie auch anderes tun?

Aber wie könnten sie das tun, wenn es eine objektive Realität gäbe?

 

Nietzsche wußte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, daß „die wahre Welt zur Fabel geworden ist“. Das führt zu dem postmodernen Pluralismus der Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und sämtliche „Bastionen einer objektiven Wahrheit“ hinwegfegen dürfte.

Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begrüßen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern bzw. den verlorenen Gewißheiten nachtrauern, ist völlig belanglos, weil es ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerstörung, Genmanipulation, Gehirnwäsche, Diktatur usw. kein Zurück in die eindimensionale – Naivität der – Vergangenheit geben wird.

Wir benötigen mit Sicherheit eine Aufklärung über die „Aufklärung“ – zu der hier ein kitzekleiner Baustein beigesteuert werden soll –, können uns aber partout kein Hinter-die-„Aufklärung“-zurück wünschen, wenn wir die subjektive Vernunft und Freiheit als die Grundlagen der Menschenwürde verstehen (wollen). 

 

Die subjektive Welt, an der wir uns orientieren, kann weder wahr noch unwahr sein, und bei zahlreichen Menschen werden wir uns wundern, woran sie sich orientieren; aber so geht es ja wahrscheinlich umgekehrt auch ihnen mit uns.

Die eigene Welt ist das Resultat unserer Vergangenheit; hätten wir beispielsweise Schamanologie studiert, wäre unsere Welt gewiß recht anders.

 

Wir müssen also Überzeugung und Wahrheit deutlich auseinanderhalten.

Letztere besitzt niemand, weil man sie gar nicht besitzen kann. Behaupten wir in einem Disput, die eigene Überzeugung sei wahr, dann ist das kein – weiteres – Argument für unsere Position, sondern lediglich die unseren Gesprächspartner beleidigende Behauptung, daß seine Überzeugung falsch sein muß, insoweit sie der unsrigen widerspricht.

Krass ausgedrückt bedeutet „Ich habe die Wahrheit“ im Sreitgespräch das Gleiche wie „Sie irren – und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen zu Ende“.

Wer so redet, sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben.

Denn wer die Wahrheit sucht – und das würde ich für mich persönlich gerne unterschreiben –, kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben; entweder . . ., oder . . . Ich bin überzeugt, daß sich das, was wir haben (können), gemessen an der Wahrheit einmal als entsetzlich lächerlich erweisen wird und wir uns dann für diese kleinkarierte „Wahrheit“ schämen werden.

Das sagte beispielsweise Karl Rahner von seiner eigenen Theologie; er stellte sich vor, wie Gott darüber lacht: „Das soll ich sein?“

 

Wir können bestenfalls – und sollten natürlich auch – wahrhaftig sein; das heißt, im Sinne unserer Überzeugungen leben und damit ohne alle diesbezüglichen Wahrheitsansprüche das sagen, was wir wirklich glauben oder denken und auch dementsprechend handeln.

André Gide warnt uns vor allen Menschen, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit gefunden zu haben, und empfiehlt uns diejenigen, die nach ihr suchen.

 

In einer frommen Sprache formuliert heißt das meines Erachtens:

Christen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben, erwarten vom Reich Gottes lediglich die – lobhudelnde – Bestätigung, daß Sie Recht hatten; das wäre meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.

Ich bin dagegen überzeugt, daß wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden können, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotzdem umwerfen wird, zumindest hoffe ich das ganz stark.

Es würde mich fuchtbar enttäuschen, wäre Gott nicht viel mehr und total anderes eingefallen als mir.

 

Daß wußte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir direkt aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausführlich:

„Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten würde und ich wählen müßte, ich würde das letztere wählen, und des Apostels Aufforderung lautet: Prüfet alles! Ohne Prüfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Prüfung wird sie allmählich unser Eigentum.

Darum fühlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Prüfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdrängen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, daß er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.

Denn die Wahrheit kann durch Prüfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der Prüfung, die Lüge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Prüfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.

Kein Mensch auf Erden hat daher Ansprüche auf sogenannte Untrüglichkeit. Wer als unbedingte Autorität gelten will, wird daher verworfen.“

 

Lessing dachte zu seiner Zeit natürlich insbesondere an religiöse „Autoritäten“. Mir ist jedoch sehr wichtig, daß durch die „Aufklärung“ der christliche Absolutismus in einen exakt-wissenschaftlichen umgeschlagen ist und deshalb noch heute von Aufklärung nur sehr bedingt die Rede sein kann.

Sie besteht meines Erachtens darin, daß jegliche Form von objektiver Realität – christliche, wissenschaftliche, esoterische usw. – als Hinterwelt durchschaut wird.