2.2.1. Wissenschaft und Hinterwelt

Warum ver(sch)wende ich so viel Zeit und Mühe darauf, Ihnen etwas wegnehmen zu wollen, was Sie ohnehin niemals erfahren haben bzw. werden? Etwas, was uns prinzipiell nicht begegnen kann, muß doch konsequenzenlos sein – oder nicht?

Anders formuliert:

Obwohl in allen Wissenschaften nur Wissungen auftreten (können) und noch niemandem Hinterwäldlerisches begegnet ist, glauben sehr viele Vertreter insbesondere der empirischen Wissenschaften (an) Urbilder und projizieren somit nicht zuletzt ihre eigenen Forschungsergebnisse in eine Hinterwelt. Da diese aber in der Forschung ohnehin keine Rolle spielt, müßte es doch völlig gleichgültig sein, ob sie das tun?

Ob die Wissenschaftler selbst eine solche Hinterwelt annehmen oder nicht, mag tatsächlich einerlei sein. Aber von kaum zu überschätzender Bedeutung ist es, ob ihr Umfeld, die Geldgeber und wissenschaftlichen Leiter oder die Gesellschaft (an) die Urbilder glauben.

 

Können wir plausibel machen, daß das Ziel unserer Forschung die neutrale Abbildung der objektiven Realität sei, „so läßt sich letztlich jede Forschung rechtfertigen, weil sie dann voraussetzungslos und somit auch wertfrei ist, weil Wissen uns nur helfen kann oder immer besser ist als Nicht-Wissen. Allein Lügner, Verführer und Scharlatane müssen Angst vor der Wahrheit haben; die Zunahme des Wissens ist purer Fortschritt.“

Und außerdem befinden wir uns als diejenigen, die lediglich Urbilder wiedergeben, in einer beneidenswerten Position: Wie entsetzlich auch immer unsere Ergebnisse sein mögen – „wir sind nicht verantwortlich und finden sie auch einfach nur schrecklich. Beschwert Euch aber bitte an einer anderen Stelle, bei Gott, der Evolution oder wo auch immer, jedenfalls nicht bei uns; wir haben das nicht gemacht, sondern bilden es nur ab. Wir zeigen Euch nur, wie schlimm alles ist; seid uns dankbar“ – und nun können sich wieder die mit Anführungsstrichen versehenen Ausführungen des vorhergehenden Absatzes anschließen.  

 

Die Wirklichkeit von Urbildern zu behaupten oder eine entsprechende Hinterwelt zu erfinden, ist letztlich die Lüge, es gäbe eine Kotrollinstanz für unsere Forschung:

„Würden wir die Urbilder nicht adäquat abbilden oder wären wir nicht auf dem Wege zur Wahrheit, träten Widerstände und Widersprüche auf, hätten wir keine technischen Erfolge und es entstünde ein großes Tohuwabohu. All das geschieht nicht; wir befinden uns also auf einem guten Weg, und laßt uns bitte so weitermachen. Wenn wir etwas Unrechtes tun, wird sich die Natur – der Urbilder – gewiß zu Wort melden.“

 

Deswegen sehe ich in dem traditionellen Denken mit seinem Glauben an die Hinterwelt einen gewichtigen Grund für unsere aktualen Menschheitsprobleme. Die als Kontrollinstanz behauptete objektive Realität, die dem Forschen eine Richtung vorgeben und es begrenzen oder unseren Eingriffen einen Riegel vorschieben könnte, existiert nicht. Was auch immer geschieht, wir ecken nicht an – weil nichts existiert, das sich uns in den Weg zu stellen vermag – und nutzen dieses Gar-nicht-Anecken-Können weidlich aus; entweder naiv oder verantwortungslos.

Wir mißbrauchen, mit anderen Worten, den weit verbreiteten Glauben an eine objektive Realität, um unseren bisherigen Weg rückblickend als richtig darstellen zu können – es hat nicht geknallt – und in diesem Sinne weitermachen zu dürfen – die Urbilder werden sich melden, sollten wir tatsächlich einmal danebenliegen.

Das werden sie niemals, weil sie gar nicht existieren.

 

So geht unser Fortschritt immer weiter; aber er besitzt kein Ziel (mehr), sondern besteht lediglich in der Überzeugung, daß das Neue stets das Bessere ist, wodurch die Beschleunigung unseres Lebens immer stärker zunehmen wird (Hartmut Rosa).

Das bedeutet jedoch, daß wir die Urbilder – aus den soeben angedeuteten Gründen – immer noch auftischen müssen, aber selbst nicht mehr glauben können.

 

AD: „Ohne Hinterwelt oder zumindest das traditionelle Diesseits gibt es aber auch keine Objektivität der Wissenschaften?“

Vorsicht; dieser Begriff ist zweideutig!

Erkenntnistheoretisch haben Sie natürlich Recht; die traditionelle objektive Wahrheit läßt sich nicht halten ohne – den Glauben an – eine Hinterwelt.

 

Die berechtigte Forderung nach der wissenschaftlichen Objektivität ist jedoch eine ganz andere, nämlich rein ethische

Alle Ergebnisse sollten ehrlich zustandekommen, unabhängig von den Wünschen der Forscher und somit nicht manipuliert sein; subjektive Interessen dürften keine Rolle spielen; messen wir, was wir nicht wollten, dann messen wir eben, was wir nicht wollten; schade! Eine solche Objektivität wird stets das Ziel der Forschung bleiben (müssen), hängt aber mit unseren Überlegungen bestenfalls am Rande zusammen.