2.2.3. Wahrheit und Richtigkeit

AD: „Aber wenn unsere Wissungen niemals ein Wovon oder einen Referenten besitzen und somit notwendigerweise weder wahr noch unwahr sind, kann es auch im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nicht um die Wahrheit gehen.

Worum streiten wir dann eigentlich häufig so erbittert?“ 

 

Entschuldigung; auf diesen Punkt waren wir theoretisch bereits zu sprechen gekommen; aber das war wohl zu kurz, um es angemessen verarbeiten zu können.

Wir hatten oben über das ABBILDEN gesprochen und dabei dasjenige in der Philosophie vom sonstigen „Abbilden“ unterschieden. Letzteres ist völlig unproblematisch; hierzu gehören Ihr Beispiel vom Turm in der Einführung und das meinige mit Gesicht und Photo davon.

Beide sind nicht Ur– und Abbild in unserem philosophischen Sinne, sondern Turm und Blick darauf bzw.  Original und Photo. Diese Art von „Abbilden“ läßt sich sogar beliebig oft wiederholen. Beschreiben wir den Blick darauf bzw. das Photo, ergibt sich ein „Abbild“ vom „Abbild“ des „Urbilds“.

In dem Sinne können Vorstellungen natürlich auch „Referenten“ haben, das heißt, Vorstellungen von Wissungen – von Erfahrungen oder (anderen) Vorstellungen – sein. Das „Abbild“ vom „Abbild“ vom . . . des „Urbilds“ ist auch nur ein Bild. Und ebenso ist die Vorstellung von der Vorstellung von . . . der Wissung ganz einfach eine Vorstellung. Wir springen damit also nicht aus unseren Wissungen oder dem eigenen Bewußtsein heraus.

Ich will Ihnen weder das Original noch den Turm wegnehmen.

 

Das ist jedoch bei Ur- und Abbild völlig anders. In diesem Falle beansprucht die Tradition, das Bewußtsein verlassen und über sein Außerhalb sprechen zu können. Diese – dort gefundenen – Referenten sind hinterwäldlerisch, das heißt, sie müssen für uns entfallen.

Auch traditionell gibt es hier natürlich kein Wiederholen des Abbildens, weil mit Bewußtsein bzw. Hinterwelt die Orte von Ab- und Urbild eineindeutig fixiert sind.

Wir verschärfen diese Einschränkung gegenüber dem „Abbilden“ lediglich noch und streichen auch das einmalige Abbilden.

 

Wenn Sie sagen, daß mein Tisch vier Beine besitzt, dann ist das eine Beschreibung von ihm und somit ein „Abbild“ vom „Urbild“. Beide befinden sich im Bewußtsein, und nichts ist einfacher, als Ihre Aussage zu kontrollieren.

Aber die Tradition hat die Wahrheit als die Übereinstimmung von Ur- und Abbild ohne Anführungsstriche definiert.

Dann war das mit den vier Tischbeinen soeben natürlich nicht wahr; einigen wir uns auf „richtig“, kann ich Ihnen endlich folgendermaßen antworten:

 

Im Alltag, vor Gericht, bei Unfällen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geht es tatsächlich nicht um Wahrheit, sondern nur um Richtigkeit.

Ich möchte letztere mit diesem „nur“ keinesfalls diskreditieren; die Richtigkeit ist in unserem Leben unvorstellbar wichtig; aber nichtsdestotrotz besitzt die Wahrheit nochmals eine ganz andere Dimension, weil sie über unser Leben hinausführt.

 

Aber damit sind wir noch nicht fertig; neben der von mir bestrittenen traditionellen Wahrheit sowie der soeben eingeführten Richtigkeit gibt es noch die postmoderne Wahrheit, die mir persönlich am Herzen liegt.

Sie ist natürlich subjektiv – weil jeder nur über sein eigenes Bewußtsein verfügt –, und bei der postmodernen Wahrheit geht es um die besseren Überzeugungen. Das sind diejenigen, mit deren Hilfe wir uns im Leben angemessener – nicht orientieren können, sondern orientieren zu können glauben. Das betrifft nicht nur die Mittel für bestimmte Zwecke oder Ziele, sondern auch diese selbst, denn nichts ist uns zweifelsfrei vorgegeben.

Ob unsere Orientierungen gut sind, wissen wir – wenn überhaupt – bestenfalls rückblickend im Nachhinein. Aber selbst dann häufig nicht, weil die Frage „Was wäre, wenn . . .?“ zumeist schwerlich zu beantworten ist.