2.3. Der Gott der Philosophen

Traditionalisten erheben den Anspruch, mehr oder weniger viel vom Diesseits und eventuell auch vom Jenseits, das heißt, von unserer gesamten Hinterwelt zu wissen. Wie machen sie glaubhaft, daß ihnen das gelingt? 

Sie können das natürlich nicht aus eigener Kraft, geben die Betreffenden auch in dem Maße zu, wie sie ernstlich darüber nachgedacht haben; niemandem ist das Außerhalb seines Bewußtseins zugänglich. Das traditionelle Wissen wird ihnen durch eine fremde Hilfe verfügbar gemacht, so daß unsere Hinterwelt für die Traditionalisten auch keine Hinterwelt ist, sondern ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie lesen können.

 

In der Antike übernahm der Gott der Philosophen – der griechische Nous – diese Hilfestellung, der im Mittelalter dann von der Theologie übernommen und zumeist nicht sauber vom christlichen Gott unterschieden wurde.

Der Nous befindet sich außerhalb nicht nur von Dies- und Jenseits, sondern auch von „Raum“ und „Zeit“, so daß er augenblicklich alles zugleich schauen kann und somit allwissend ist. Von Ewigkeit zu Ewigkeit und von einem Ende des Alls zum anderen liegt die gesamte Wirklichkeit vor dem Nous ausgebreitet.

Zu ihm haben wir Menschen auf irgendeine Weise Kontakt; christlich wird unsere Gottesebenbildlichkeit häufig in diesem Sinne verstanden. Aber ganz gleich wie; durch unsere Verbindung mit dem Nous wird verständlich, daß wir Menschen von Dingen wissen können, die uns aus eigener Kraft absolut unzugänglich wären.

 

Ignorieren Sie das bitte nicht einfach als „frommes Gerede“ und „heute gegenstandslos“ oder ähnlich; daß es so einfach nicht mehr geht, weiß ich auch.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte besteht darin, daß zwar der Nous erfunden wurde, aber nicht das Problem. Das stand damals wirklich an und tut dies heute noch; wir können es nur mit dem Nous nicht mehr (glaubwürdig) lösen. Solange das traditionelle Denken nicht aufgegeben wird – das wäre mein Vorschlag –, benötigt es den Nous oder einen äquivalenten Ersatz.

 

In der Moderne verblaßte einerseits der Gottesglaube; andererseits war auch ihren großen Denkern diese Problematik des menschlichen Wissens stets bewußt. Was tun?

Die „Lösung“ bestand darin, den göttlichen Nous in die allgemein-menschliche objektive Vernunft umzutaufen. Nun brauchen wir keinen Gott mehr, sondern der Mensch an sich tritt an seine Stelle; nicht Sie oder ich; kein individueller Mensch, vielmehr der  Mensch als Mensch überhaupt, das „transzendentale Subjekt“ Kants.

AD: „Den verstehe ich nicht . . .“

Das transzendentale Subjekt ist der Täger der Vernunft und die beiden ersetzen gemeinsam den Nous, der als Gott aus taktischen Gründen geopfert wird, obwohl das transzendententale Subjekt mit seiner Vernunfter exakt dessen Funktion übernimmt.

 

Der „Blick von nirgendwo“ (Thomas Nagel) und nirgendwann ist natürlich weiterhin unbedingt notwendig; ohne ihn wäre die gesamte moderne Wissenschaft unmöglich. Aber er verlagert sich mit der Moderne vom Nous auf uns Menschen, und jeder, der im Sinne der Tradition etwas Wahres zu sagen glaubt, nimmt diesen Blick für sich in Anspruch; ob er das nun weiß und will oder nicht, spielt keine Rolle.

Mit Hilfe des Nous bzw. der Vernunft schauen wir im Blick von nirgendwo und -wann, das heißt, von „ganz außen“ in Gedanken auf uns selbst, wie wir die Welt wahrnehmen. Das läßt sich kaum beser erklären als durch die traditionelle Sicht vom Subjekt:

Dort laufen menschliche Körper herum und handeln ganz überlegt; das ist nur möglich, wenn sich darin jeweils ein Bewußtsein befindet, in dem das betreffende Subjekt – die Einheit von Körper und Bewußtsein – sich und alles andere abbildet.

 

AD: „Das sind jedoch nur Vorstellungen von uns selbst über uns selbst, die viele Menschen zwar für sehr vernünftig und überzeugend halten, aber das ist noch kein Argument für ihre Wahrheit.“

Natürlich nicht; jetzt schwenken Sie auf meine Position ein: Da für uns auch der Nous und das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft lediglich Vorstellungen sind, bildet dieses ganze Gedankengebäude tatsächlich nur eine gewaltige Konstruktion von uns – und die glaube ich nicht mehr.

Wer am traditionellen Denken festhalten möchte, muß den Nous oder einen gleichwertigen Ersatz als wirklich akzeptieren.