2.3.4. Ich Subjekt als „Solipsist“

Ich glaube weder an den Gott der Philosophen noch an eine allgemein-menschliche oder objektive Vernunft. Dann entfällt auch der Blick von nirgendwo und -wann, so daß das Diesseits sowie das Jenseits tatsächlich zu einer Hinterwelt werden.

 

AD: „Ja; aber Ihr obiges Tier-Problem bleibt trotzdem bestehen. Es gibt zwar keine Seienden und damit auch den Hund H nicht, aber die menschlichen, hündischen oder kätzischen Sinnes-Stempel bestehen doch weiterhin.

Und das müssen wir sogar noch deutlich verallgemeinern:

Jedes Subjekt besitzt immer nur seine eigene Perspektive, die nicht nur gattungsspezifisch ist, sondern zahllosen weiteren Beeinflussungen unterliegt; Geschlecht, Kultur, Zeit, Alter, Sprache, Gesundheitszustand usw.“  

 

Das klingt sehr überzeugend, aber ich sage trotzdem „nein“ dazu:

Ohne den Blick von nirgendwo und -wann gibt es keine geistige Erkenntnis; insoweit sind wir uns einig. Aber wenn wir auf diese Schau verzichten müssen, existieren doch (menschliche) Subjekte ebensowenig wie Hunde; wir sehen doch auch uns selbst nicht von außen!

Allein der Nous(-Ersatz) erkennt Subjekte; wir erfahren lediglich Körper, und die Tradition glaubt, menschliche Körper seien – von einem eventuell noch fehlenden Innen abgesehen – Subjekte. Ich behaupte nicht, daß diese Voraussetzung völlig unbegründet sei, lege aber Wert auf eine saubere Darstellung:

 

1. Ich erlebe mich selbst als Subjekt, das einen Körper besitzt.

Mit letzterem verbindet mich eine „Einbahnstraße“, das heißt, ich weiß stets genau, welche meiner Wissungen der eigene Körper ist.

Eine Beziehung in der umgekehrten Richtung scheidet aus, weil wir ihren Zielpunkt nicht fassen können. Von meinem Körper zu „mir“ mag ja richtig sein, aber wem oder was entspricht dieses „mir“? Wer, wo bzw. wann bin ich als Subjekt? Sind diese Orts- resp. „Zeit“-Angaben bei einem Subjekt eigentlich sinnvoll? Was ist denn das überhaupt – ein Subjekt?

 

2. Können wir nicht einmal bei uns selbst den Rückweg vom eigenen Körper zu uns nachvollziehen, läßt es sich meines Erachtens kaum rechtfertigen, fremde (menschliche) Körper – mit einem Bewußtsein zu versehen und – als Subjekte zu betrachten.

Jedes Subjekt kann nur von sich selbst wissen, daß es ein Subjekt ist, aber niemals von anderen; ein Bewußtsein wird nur von innen erlebt, und das ganz allein.

 

Das ist möglicherweise die wichtigste Stelle des ganzen Buches; lesen Sie bitte nicht weiter ohne das Gefühl, mich verstanden zu haben.

Der Nous sieht von „ganz außen“ die verschiedenen Subjekte mit all ihren Eigen- und Besonderheiten.

Wir befinden uns nicht in dieser ausgezeichneten Lage, sondern besitzen nur einen Zugang zu unserem eigenen Bewußtsein. Alle anderen Bewußtseine sind prinzipiell unerreichbar oder transzendent, und wir wissen bisher weder, was – in unserem Ansatz – ein Subjekt ist, noch, wie es mit seinem Bewußtsein zusammenhängt.

Wieso sollten wir dann irgendeinen Körper oder was auch immer als Bewußthaber betrachten? 

 

AD: „Sie hatten uns oben am Beispiel des Weltbilds erklärt, daß ein Außerhalb des Bewußtseins möglich ist, das keiner Hinterwelt angehört. Die Lösung besteht darin, daß die entsprechende Entität erst oder nur durch das Reflektieren über sie entsteht und mit ihm wieder verschwindet. Sie stellt also weder einen Referenten dar noch wird sie abgebildet.   

Jetzt denken Sie über andere Subjekte sowie deren Bewußtseine nach – und behaupten plötzlich deren Transzendenz. Das Weltbild ist doch auch nicht transzendent, sondern höchst immanent von uns erzeugt!“

 

Ich freue mich, daß Ihnen dieser prinzipielle Unterschied aufgefallen ist!

Der Begriff des Weltbilds gehört ganz wesentlich zu meinem Weltbild. Das ist keine Selbstverständlichkeit; wer beispielsweise traditionell denkt, benötigt ihn für sein Weltbild nicht, denn er glaubt, gar keines zu haben und einfach von der – Wirklichkeit der – Welt zu sprechen.

Langer Rede kurzer Sinn: Weltbilder gehören nur zu meinem Weltbild, und ohne dieses würden sie gar nicht existieren. Soetwas kann unmöglich Teil der Transzendenz sein, denn die stellen nicht wir her.

 

Andere Subjekte mit ihren Bewußtseinen gehen eindeutig nicht aus uns hervor

Natürlich läßt sich deren Existenz überhaupt bestreiten; die entsprechende Sichtweise nennt man Solipsismus; sie ist natürlich weder – logisch oder empirisch – widerleg- noch beweisbar. (Das Wort leitet sich vom lateinischen „solus“ – „allein“ – ab; ein Solipsist versteht sich als das einzige Subjekt, das es gibt.)

Will ich kein Solipsist sein, muß ich also blind glauben, daß andere Bewußthaber existieren. Bleiben wir konsequent dabei, daß Wissungen keine (außerhalb der letzteren befindlichen) Referenten besitzen, entfällt notwendigerweise sämtliches Wissen von anderen Subjekten und deren Bewußtseinen – und exakt das meint Transzendenz.

 

Ging es also dort um die Äbhängigkeit einer bloßen Theorie  vom Weltbild, so sprechen wir hier vom Ursprung der Wirklichkeit, der völlig unabhängig von uns ist und – ohne den Nous – transzendent sein muß.

Wo sollten wir denn einen anderen Bewußthaber auch nur suchen, wenn uns lediglich das eigene Bewußtsein gegeben ist?

AD: „Ich dachte, Sie sind verheiratet . . .“

Ja; aber ich erfahre mein Frau als Körper; wieso soll sie bzw. er ein Subjekt sein?

AD: „Und Sie spüren nicht, daß mehr dahintersteckt?“

„Dahinter“ schon, aber nicht „darin“.

 

AD: „Wenn ich kein Solipsist sein will, muß ich die – freiwillig geglaubten – anderen Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein also völlig außerhalb meines eigenen Bewußtseins ansiedeln . . .“

Ja; vielleicht kann man das so formulieren, aber ich würde unbedingt ergänzen:

. . . jedoch nicht als andere Subjekte mit ihrem jeweiligen Bewußtsein, denn das wären ja bereits – irgendwelche, wenn auch noch so diffuse – Vorstellungen, sondern als reine, das heißt, absolut vorstellungsfreie Transzendenz; es gibt keine Referenten.

 

Ich glaube nicht an den Nous oder irgendwelche Ersatzkonstruktionen für ihn; dann gibt es natürlich auch keine geistige Erkenntnis.

Aber ohne sie, können wir zusammenfassen, entfällt die sinnliche Erkenntnis ebenfalls, denn daß angeblich noch andere Subjekte existieren und artspezifische Sinneswahrnehmungen besitzen, stellt doch selbst eine geistige Erkenntnis dar. Wie sollen wir denn innerhalb unseres Bewußtseins darauf kommen (können)?

AD: „Wir müssen die Unterscheidung zwischen ’sinnlich‘ und ‚geistig‘ also vollkommen aufgeben . . .“

. . . oder von ihrer traditionellen Bedeutung in eine neue umdenken.

 

„Sinnlich“ meint bei uns nicht (mehr) das, was sich einer Fledermaus, Biene oder Zecke zeigt, denn wir erfahren davon nichts und können also auch nicht wirklich darüber nachdenken, so daß alle zugehörigen Begriff pure Erfindungen sein müssen, die wir folglich ersatzlos streichen dürfen.

Nur für uns selbst gibt es Sinnlichkeit; unser Erleben ist sinnlich; die daraus resultierenden Erfahrungen sind sowohl sinnlich als auch geistig, und die Vorstellungen rein geistig.

Aber was es für uns Subjekte nachweislich gibt, können wir doch nicht sinnvoll in bloßen Wissungen wie zum Beispiel Fledermäusen, Bienen oder Zecken suchen.   

 

AD: „Und auch nicht in Ihrer Frau . . .

Daß für sie Sinnliches existiert, wäre also eine rein geistige Vorstellung von Ihnen als Subjekt?“

Ja; aber meines Erachtens eine falsche, weil meine Frau als Körper eine Wissung von mir als Subjekt darstellt, die sowohl sinnlich als auch geistig sein, aber nichts Sinnliches oder Geistiges besitzen kann.

 

Für diesen Fehler, mit den herkömmlichen Begriffen begonnen zu haben und sie dann wegen ihrer Fehler korrigieren zu müssen, schäme ich mich nicht; Irrwege dieser Art sind bei einer Denk-Bewegung unvermeidbar. Ludwig Wittgenstein beschreibt das so:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

 

Franz Rosenzweig formuliert unseren Verzicht auf den Nous und die sich daraus ergebende „Objektivität der Subjektivität“ in seinem „Stern der Erlösung“ wunderschön:

„Daß die Philosophie, wenn sie wahr sein soll, vom wirklichen Standpunkt des Philosophierenden aus erphilosophiert sein muß, . . . Es gibt keine andere Möglichkeit, objektiv zu sein, als daß man ehrlich von seiner Subjektivität ausgeht. . . . Die eigenen Augen sind gewiß nur die eigenen Augen; es wäre aber schildbürgerhaft zu glauben, daß man sie sich ausreißen muß, um richtig zu sehen.“