2.3.6. Funktions- oder Gestaltkreis

AD: „Wenn es die traditionelle Welt nicht gibt und die subjektive vom Weltbild abhängt, können Babys und Tiere also keine Welt besitzen.“

Was Sie meinen, ist wohl völlig richtig, aber nicht hinreichend genau fomuliert.

Wir hatten oben festgestellt, daß nicht nur Fledermäuse, Bienen oder Zecken, sondern sogar meine Frau Wissungen und damit für mich Subjekt entweder sinnlich oder geistig sind, aber nichts Sinnliches bzw. Geistiges besitzen können. Keiner Wissung kommt ein Weltbild oder ein Welt zu.

Beide gibt es nur innerhalb von Bewußtseinen; letztere sind an Bewußthaber gebunden, und dafür kommen nur Subjekte infrage.

 

Diese sind aber – außer mir selbst – alle transzendent und reichen bestenfalls als Körper-Wissungen in mein Bewußtsein herein.

Nun haben wir endlich Ihre Babys oder Tiere erreicht und können sauber formulieren:

Es gibt möglicherweise transzendente Subjekte, die die Babys bzw. Tiere in ihrem Bewußtsein jeweils als den eigenen Körper erfahren. Diese Subjekte sind uns absolut unzugänglich – eben transzendent –, weil kein Weg von den – auch uns – gegebenen Körpern zu ihnen führt.

Wir kennen sie also nicht, können aber davon ausgehen, daß diesen Subjekten ohne Sprache kein Weltbild und – damit auch – keine Welt zukommt.

 

Traditionell sagt man, der Hund weiß offentlich, was eine Katze ist, nur nicht, daß sie mit „Katze“ bezeichnet wird; andernfalls würde er sie nicht so gerne jagen. Aber darin kommt ein Fehlverständnis der Sprache zum Ausdruck:

Sie besteht aus Begriffen und nicht aus Bezeichnungen; das heißt, dem Hund fehlen nicht nur die Worte, sondern eine ganze Welt, in der oder durch die allein es Hunde und Katzen geben könnte; keine Welt – keine Tiere.

 

 

 

 

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam aus dem Umkreis der Biologie von verschiedenen Seiten eine Idee auf, die uns helfen kann, das welt(bild)lose Leben ein wenig zu verstehen. Ich meine die Umwelten des Merkens und Wirkens, wie wir sie etwa bei Jacob Johann von Uexküll, Arnold Gehlen, Hans Volkelt oder Viktor von Weizsäcker finden.

Eine „Zecke“ beispielsweise merkt nur Wärme und Feuchtigkeit; das ist ihre Merk-Umwelt. Läuft eine „Katze“ an der „Zecke“ vorbei, sieht sie diese natürlich nicht, denn in ihrer Merk-Umwelt kommen weder Katzen noch Sehungen vor. Die „Zecke“ merkt bestenfalls, daß es etwas wärmer und feuchter wird, so daß sie sich eventuell fallen läßt. Diese – häufig wohl erfolglose – Reaktion bildet die gesamte Wirk-Umwelt, und die Verbindung der beiden Umwelten – zumeist „Funtions-“ oder bei von Weizsäcker „Gestaltkreis“ genannt – ergibt das Leben der „Zecke“:

 

Das Merken führt zum Wirken; dann wartet die „Zecke“, bis sie wieder etwas merkt, und das genügt offensichtlich zum Überleben – sonst gäbe es keine Zecken.

Eine Spinne merkt die Vibrationen ihres Netzes und wirkt darauf, indem sie die gegebenenfalls verursachende Fliege frißt. Sieht sie die gleiche Fliege jedoch in einer anderen Situation, greift die Spinne nicht an, sondern reißt vor der Fliege aus.

Mit den Anführungszeichen wollte ich Sie daran erinnern, daß es für „Spinnen“ keine Spinnen, Netze oder Fliegen gibt, für „Zecken“ weder Zecken noch Katzen und daß in Hassos Funktionskreis kein Hund durch den Garten läuft.

 

Lesen wir dergleichen ein erstes Mal, so überrascht es uns wahrscheinlich kaum; daß Zecken und Fliegen nur ein sehr eingeschränktes Anschauungs- sowie Reaktionsvermögen besitzen, war zu erwarten. Aber ich fürchte, mit dieser simplen Disqualifizierung verfehlen wir die eigentliche Pointe:

Tierische Funktionskreise enthalten nur Gestalten, das heißt, sie sind Gestalt-Kreise in unserem Sinne. Dort ist nichts auf den Begriff gebracht, so daß weder Wahrnehmungen noch Vorstellungen bestehen und damit auch kein Welt- – sprich: Funktionskreisbild – möglich ist.

 

Das Merken führt zum Wirken, und dieses löst – nach einer Zeit des Wartens – wieder ein erneutes Merken aus. Zwischen den beiden Umwelten muß also jeweils ein reflektorischer Zusammenhang bestehen, aber es ist kein reflektierter oder geistiger. Einzelnen Sinnesinseln der Merk-Umwelt stehen ebensolche Reaktionen der Wirk-Umwelt gegenüber, die von jenen provoziert werden.

Und schließlich sind die beiden Umwelten auch keineswegs vorhanden; sie bestehen nicht, sondern entwickeln sich partiell aus dem aktualen Angeschaut-Werden; der Funktionskreis ist kein Seiendes. 

 

Wir sagen richtigerweise, daß Hasso durch den Garten läuft, haben dabei aber – entgegen der Tradition – im Hinterkopf, daß wir nicht von Hasso und dem Garten als Seienden, sondern „nur“ von unseren Wissungen sprechen. Laptop-Wahrnehmung statt Laptop, Hasso-Wissung statt Hasso; ein Hasso oder Garten an sich kommen bei uns gar nicht vor.

Dann kann Hasso – ohne Welt – auch nicht durch den Garten laufen.

Oswald Schwemmer schreibt in seiner „Kulturellen Existenz des Menschen“:

„Natürlich erinnert sich unser Hund an uns, auch wenn wir lange weggeblieben sind. Und in diesem Sinne identifiziert er uns auch. Aber diese Identität ist keine Gegenstandsidentität. Wie Beobachtungen und Versuche zeigen, bleibt dieses Wiedererkennen eingebunden in die Wahrnehmungs- und Handlungssituationen, in die der Hund gerät.

Der Garten, den er täglich durchstreift, wird sich für ihn nie in einem Überblick seiner Wege zeigen. Diese Wege zeigen sich erst im Ablauf seines Duchstreifens. Sie tauchen sozusagen auf und erlauben ihm nie, sie zu überblicken oder gar in einem Schema festzuhalten. Sie bleiben Momente seines Erlebens, aus dem und über das er sich nicht hinausheben kann.“

Seine Umwelten bilden sich bei Hassos Durchstreifen des „Gartens“ erst heraus und haben folglich mit dem Garten in unserer Welt nicht viel zu tun. Hasso lebt – aber weder im Garten noch in einer Umwelt –, sondern er erzeugt letztere aktual, indem er lebt.

 

Anders als Hasso, Zecken und Spinnen reagieren wir zumeist nicht spontan oder blind auf unsere sinnlich-bewußten Merkungen oder Gestalten. Wir bringen sie vielmehr auf den Begriff, ordnen sie in unser Weltbild ein und überlegen, wie wir – in seinem Rahmen – am besten wirken oder agieren sollten.

Anschaulich bedeutet dies, daß wir unsere Welt sowie das Bild davon zwischen die Merk- und Wirk-Umwelt schalten und damit deren reflektorische Verbindung teilweise ersetzen.

Damit erzeugen wir das, was Schwemmer in seinem Zitat „Identität“ nennt:

„Die Identität eines Gegenstands verläßt dagegen diese Grenzen einander folgender Situationen. Der Gegenstand . . . behält seine Identität auch im Wechsel der Situationen. Ja, mehr noch und wesentlicher:

Eben durch die Identität spannen die Gegenstände sozusagen ein Netz auf, das Netz der Welt. . . . Außerhalb der wechselnden Situationen haben wir uns eine in sich gefügte und geordnete Gegenstands-Welt geschaffen, in der wir uns selbst“ – ich ergänze: als Körper – „angesiedelt haben . . .“