2.3.3. Primäre und sekundäre Wahrnehmungen

Mit dem nachlassenden Gottesglauben stand die Moderne also vor folgendem Problem.

Die sinnliche ist keine objektiv-wirkliche, sondern lediglich eine subjektiv-menschliche Erkenntnis.

Zur traditionellen Wahrheit führt uns nur das rein geistige Wissen, das jedoch an  – den Glauben an – einen (Ersatz-)Gott gebunden ist. Die großen Philosophen (Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Whitehead) versuchten, die Schwierigkeit mittels teilweise sehr komplexer Theorien zu lösen. Die meisten Naturwissenschaftler verstanden weder jene noch diese, suchten nach einfacheren oder vordergründigeren Antworten und wechselten deshalb von der Vernunft zum Verstand:

Dazu unterschieden sie an den sinnlichen Wahrnehmungen (bzw. Eigenschaften), zwischen primären sowie sekundären, strichen die geistigen vollständig und ersetzten im Sinne nachstehender Tabelle:

 

 

antik-mittelalterliche Tradition   Zwischenschritt   moderne Tradition
         
geistige Wahrnehmungen —————   primäre Wahrnehmungen
sinnliche Wahrnehmungen – primäre Wahrnehmungen   sekundäre Wahrnehmungen
    – sekundäre Wahrnehmungen    

Abbildung 2.3.3.

 

Die primären Wahrnehmungen stehen in keinerlei Zusammenhang mit den geistigen.

Das ist ein Riesenverlust und keine Lösung; das traditionelle Denken ist unabdingbar an irgendeine Form von Nous gebunden. Natürlich benötigen wir ihn nicht für das Weltbild und die Wissenschaft der Moderne, sehr wohl aber für unseren Anspruch, die beiden hätten etwas mit der Welt zu tun.

 

Jeder, der traditionell denkt, beansprucht für sich einen Zugang zum Nous; daß er das nicht weiß oder vehement bestreiten würde, ist dafür belanglos. Verzichtet er tatsächlich auf diese (un)heimliche Verbindung – muß er den ganzen Ansatz aufgeben.

Jedes „Ich weiß von der Welt“ oder „kenne die Wahrheit“ können wir durch ein „Ich bin (fast) der Nous“ ersetzen, und die moderne Wisenschaft ist angewandte griechische Götterlehre (Georg Picht). Eine wirkliche Aufklärung würde bedeuten, das einzusehen – statt sich überheblich für intelligenter als die gläubigen Denker der Antike und des Mittelalters zu halten.

Wenn die Physik Recht hätte mit ihrer Welt, wäre sie ohne (Ersatz-)Nous nicht möglich.

Dies bestreiten zu wollen, ist unaufgeklärt; das bedeutet nicht, daß wir zu Antike und Mittelalter zurückkehren müssen; eine Alternative besteht darin, den modernen Glauben aufzugeben und zur Postmoderne zu wechseln.

 

Unser Verzicht auf diese Form von Gottesebenbilldlichkeit sowie den anmaßenden Besitz von Wahrheit und damit einhergehend unser Wechsel vom Sein-Wollen-wie-Gott zum Anerkennen von Endlichkeit oder Kontingenz des eigenen Lebens und seiner Wissungen wird von den Traditionalisten häufig als Hybris, als Überheblichkeit gegenüber Gott, dargestellt; darüber kann ich mich nur wundern:

Es geht meines Erachtens in der Tat um Größenwahn sowie Allmachtsphantasien auf der einen Seite und Bescheidenheit oder Demut auf der anderen. Aber die Tradition scheint mir mitunter die beiden Seiten zu verwechseln.

 

Die primären Wahrnehmungen sollen sowohl wirklich außerhalb wie auch – bei adäquater Abbildung – unwirklich innerhalb unseres Bewußtseins existieren. Form, Größe, Anzahl und Festigkeit – diese rein physikalisch-mathematisch-geometrischen Kategorien – bilden Paradebeispiele hierfür. Das traditionelle Abbild-Modell wurde also auf die primären Wahrnehmungen eingeschränkt

Die sekundären Wahrnehmungen existieren dagegen nur innerhalb des Bewußtseins als unwirkliche. Sie werden folglich nicht abgebildet, sondern – beim Abbilden der primären Wahrnehmungen – von oder in dem Bewußtsein erst erzeugt, indem diese – aus uns unerfindlichen Gründen – beispielsweise von äußeren Schallwellen zu inneren Tönen, von Lichtstrahlen zu Farben oder von Molekülarten zu Geschmacks- und Geruchsvarianten übergeht.

 

Unser Verzicht auf die Welt, könnten wir also einen Zusammhang herstellen, geht noch einen Schritt weiter:

Galilei strich nur ihre sekundären Wahrnehmungen, und wir canceln alle; für uns gibt es außerhalb des Bewußtseins auch keine primären Wahrnehmungen (mehr).

Anders formuliert sind sämtliche Wahrnehmungen ausnahmslos sekundär, weil sie nur noch innen existieren. Damit wird „sekundär“ jedoch gleichbedeutend mit „alle“, so daß der Begriff seinen unterscheidenden Sinn verliert und gestrichen werden kann.

 

Das bedeutet:

Es gibt keinen Regenbogen, ohne daß er gesehen wird.

Es gibt keine Festigkeit, ohne daß sie gefühlt wird.

Es gibt keine Anzahl, ohne daß sie gezählt oder berechnet wird.

Es gibt keine Materie, ohne daß sie gemessen wird.

Es gibt keinen Geist, ohne daß er erlebt wird.

 

Das wußten wir bereits; es existieren weder Regenbogen noch Laptops, sondern nur die entsprechenden Sehungen.

„Der Regenbogen“ – den es ja gar nicht gibt – „leuchtet“; also ist dieses „Leuchten“ das Gesehen-Werden und das „Drücken eines Widerstands“ lediglich das Gefühlt-Werden.

Wenn kein Läuten existiert, ohne daß es gehört wird, bedeutet dies, daß das Läuten das Gehört-Werden ist.

Der Satz „Es hat geläutet, aber ich habe es nicht gehört“ ist unverständlich, denn er macht das Läuten zu einem Seienden, das besteht, auch ohne gehört zu werden.

Die Umkehrung „Ich habe es läuten hören, aber es hat gar nicht geläutet“ ist dagegen als rückblickende Korrektur eines Irrtums möglich: Ich dachte, es hätte geläutet, vor der Türe war aber niemand. Der Irrtum bestand dann jedoch nicht im Läuten, sondern im Läuten-gehört-Haben.

 

Traditionell unterscheiden wir also die Klingel, ihr Läuten und unser Hören; die ersten beiden befinden sich außerhalb des Bewußtseins und letzteres ist darin.

Wir leugnen keine dieser drei Komponenten, sondern

machen lediglich die Klingel sowie das Läuten zu Wissungen und

lokalisieren damit alle drei innerhalb unseres Bewußtseins.