2.3.2. Geistige und sinnliche Erkenntnis

Die Tradition nimmt an, daß Seiende existieren, die sich in Objekte und Subjekte aufteilen, wobei letztere – oder zumindest einige von ihnen, nämlich die menschlichen Subjekte – dadurch charakterisiert sind, daß sie im Prinzip alle Seienden adäquat abbilden können. Bestände diese Möglichkeit einer exakten Erkenntnis nicht, ließe sich schwerlich von Seienden ausgehen, denn woher wollte man dann von deren Existenz und Wesen(tlichem) wissen?

Wir können diesen allgemeinen Zusammenhang insbesondere auch auf die Selbsterkenntnis menschlicher Subjekte anwenden; Sie, Moritz oder ich bilden auch uns selbst ab.

 

Dann erkennen wir uns als den eigenen Körper, zu dem unser Bewußtsein zählt; daß sich dieses in jenem befinden soll, ist gewiß mehr als problematisch, können wir aber generös auf sich beruhen lassen.

Wichtig ist jedoch, daß zum Körper spezielle – menschliche – Sinnesorgane gehören. Das bedeutet, daß wir sämtlichen sinnlichen Abbildungen der Seienden notwendigerweise einen menschlichen (Sinnes-)Stempel aufprägen; so sehen wir Menschen die Welt.

Bienen, Fledermäuse, Maulwürfe und Delphine bilden die objektiven – und damit auch für sie existierenden – Urbilder zwangsläufig ganz anders ab; eben mit ihrem differenten (Sinnes-)Stempel. Ganz abgesehen von Kultur, Sprache, Zeitgeist und vielen anderen möglichen – zumindest nicht völlig absurden – Einflüssen ergibt sich somit allein aufgrund der Sinnesorgane eine ganz spezielle Wahrnehmungsweise.

Wir können nur sehen, wie es der menschliche Sehapparat gestattet, und besitzen zum Beispiel keine Facettenaugen.

 

Das bedeutet noch keinen Widerspruch zwischen ungestempelt-adäquater und gestempelt-inadäquater Erkenntnis; die Situation läßt sich retten. indem wir die erstere als geistige von der letzteren als sinnlicher Abbildung unterscheiden.

Die geistige Erkentnis bedarf keiner Sinnesorgane und kann somit die für die Tradition erforderliche adäquate Darstellung der Seienden übernehmen, die keinen Stempel „menschlich“ tragen darf, sondern objektiv sein muß.

Die sinnliche Erkenntnis kann dagegen nur gattungsspezifisch sein und somit die Seienden nicht in Wirklichkeit erreichen.

Gehen wir also davon aus, daß Seiende prinzipiell nur rein geistig adäquat erkannt werden können, tritt keinerlei Widerspruch auf. Das sinnliche Wahrnehmen prägt zwar notwendigerweise allem einen menschlichen (Sinnes-)Stempel auf, aber der gehört nicht zur eo ipso geistigen Erkenntnis der Seienden, sondern ist letzlich belangloses Beiwerk; Akzidentielles und keine Einsicht in das Wesen(tliche). 

 

Es gibt also beispielsweise einen wirklichen Hund H; was das ist, wissen wir jedoch nicht, weil wir ihn nicht rein geistig erschlossen haben. Ich wüßte auch gar nicht, wie man das machen könnte; Sie?

Was zum Frühstück möglicherweise durch unseren Garten läuft, ist aber ohnehin kein solcher Hund H, sondern lediglich ein menschlicher Sinnesperspektiv-Hund H(M); das heißt die Wahrnehmung, wie ein Hund den Menschen erscheint.

Und wenn er vor unseren Augen eine „menschliche Sinnesperspektiv-Katze K(M)“ jagen würde, wüßten wir weder wer das tut – der Hund H ist uns unbekannt – noch was er sieht, denn dies könnte ja nur die hündische Sinnesperspektiv-Katze [K(M)](H) sein; das also, was für uns eine Katze ist [K(M)], aber halt in Hunde-Perspektive [K(M)](H).

 

Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, die geistige Erkenntnis sei ziemlich unverständlich und vielleicht – hoffentlich – sogar unnötig, mit der sinnlichen könne man aber ganz gut zurechtkommen, muß ich Sie enttäuschen; die ist auch nicht so ohne:

Die Signale, die beispielsweise vom Seh- oder Hörnerv übertragen werden, sind völlig identisch. Sie bestehen – nicht in kleinen Bildchen bzw. Tönchen, sondern – in übereinstimmenden Impulsfolgen, deren Frequenz sich mit der Erregungsstärke erhöht, die aber weder mit den Augen noch mit den Ohren etwas zu tun haben; sie sind sinnesunspezifisch.

Allein diese Erkenntnis der Sinnesphysiologie läßt das sinnliche Abbilden der Tradition kaum noch als Selbstverständlichkeit erscheinen.