2.3.1. Ontologie der Präsenz

Das Außerhalb des Bewußtseins haben wir uns bisher – wie ich annehme – immer zeitgleich mit letzterem und folglich räumlich vorgestellt; aber das ist nicht zwingend.

Die Gegenwart, hatten wir oben gesehen, umfaßt das Bewußtsein sowie das Unbewußte. Dann befinden sich Vergangenheit und Zukunft zwangsläufig nicht im Bewußtsein, sondern gehören zu seinem Außerhalb und bilden dessen zeitliche Komponente.

 

Wissen läßt sich weder ein räumliches noch ein zeitliches Außerhalb.

Damit der Nous bzw. das transzendentale Subjekt mit seiner Vernunft – und damit letztlich natürlich wir – alles wissen können, muß die Tradition also die Vergangenheit sowie Zukunft unterdrücken und die gesamte Zeit als scheinbare Gegenwart darstellen; anders bekommt man die Zeit nicht in das Bewußtsein.

Darin besteht der Grundgedanke von Jacques Derrida, wenn er die traditionelle Philosophie als eine „Ontologie der Präsenz“ bezeichnet.

Eine „gegenwärtige oder präsente Vergangenheit“ ist jedoch keine Vergangenheit sondern das Früher, und analog dazu bildet eine „gegenwärtige oder präsente Zukunft“ keine Zukunft, sondern das Später.

Die Tradition muß somit – um alles wissen zu können – die wirkliche Zeit mit ihren Modi durch eine gegenwärtige „Zeit“ ersetzen, die lediglich die Tempi enthält und folglich zeitlos-präsent ist.

 

Der gewaltige Unterschied zwischen den beiden ZEITEN läßt sich leicht veranschaulichen.

Wir leben in der Zeit, und das bedeutet, daß die Zukunft als absolut offener oder unverfügbarer Adventus auf uns zukommt. Wir haben zwar Mittel und Wege gefunden, um die Brutalität dieses Widerfahrens für eine geraume Zeit im allgemeinen ein wenig abzumildern, aber das bleibt letztlich zeitlich begrenzte Kosmetik.

Die „Zeit“ entspricht dagegen dem Anschauen einem bereits völlig fertiggestellten Films; es ist alles schon entschieden, das Spätere wissen wir nur noch nicht.. Die gerade aktuale Szene ist das Jetzt, der Teil davor entspricht dem Früher und derjenige, der erst noch in den Projektor hineinlaufen muß, stellt das Später dar.

Damit wird verständlich, daß wir zwar immer nur das Jetzt sehen, der Nous aber die gesamte Filmrolle schauen kann – nachdem die Tradition in ihrer Ontologie der Präsenz die Zeit zur Gegenwart und damit zeitlos gemacht hat.

Eine „zeitlose Zeit“ (A. M. Klaus Müller) setzt – gemssen am Nous – dumme Subjekte voraus.

 

Das traditionelle Denken enthält Michel Foucault zufolge einen „Willen zum Wissen“, der scheinheilig als „Wille zur Wahrheit“ schöngeredet und verharmlost wird, in Wirklichkeit aber Nietzsches „Willen zur Macht“ darstellt.

Das wird spätestens in der Moderne überdeutlich, weil sich nun endgültig herausstellt, daß die Objekte des Wissens keine Seienden, sondern Handlungsanleitungen sind. Wer letztere beherrscht, kann unendlich viel machen – und was soll Macht anderes sein?

Reden wir hier noch von Wahrheit, so ist das entweder naiv oder bösartig.

 

Viele glauben, mit oder in der Moderne hätten wir das traditionelle Denken überwunden, weil kaum noch von Seienden, Gott oder dem Sein die Rede ist. Wir haben jedoch nur die Worte ausgewechselt, ohne das Denken wesentlich zu andern. Deswegen scheint mir Heideggers Diagnose, daß sich das traditionelle Denken in der Moderne erst vollendet, schwerlich von der Hand zu weisen zu sein.

Dieses Denken sowie der mit ihm verbundene Wahrheitsanspruch seiner Vertreter – und eben gerade nicht die Abkehr von Tradition und Glauben – führte zu den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege wurden in erster Linie von den traditionell-philosophisch gebildetsten christlichen Völkern geführt.