2.4.2. Signifikanten bewirken Verstehungen

Für uns gibt es – außerhalb der Wissungen – kein Gewußtes und damit insbesondere nichts Verstandenes.

Die Tradition sieht das freilich anders und geht vom Verstandenen bzw. Erst-noch-zu-Verstehenden aus, das ihr zufolge in den Zeichen besteht. Konsequenterweise versucht sie also, auch die Sprache von den Zeichen her zu erklären, und betrachtet letztere als Einheiten aus einem bezeichnenden Wort (im einfachsten Falle) sowie der von ihm bezeichneten Wissung; dem Wort „Sonne“ zum Beispiel entspricht die Wissung Sonne.

Wir bestreiten diesen Zeichenbegriff in keiner Weise, sehr wohl aber, daß sich auf seiner Basis die Sprache verstehen läßt.

 

Unsere Begründung ist einfach:

Nicht nur das Bezeichnete, sondern auch das Bezeichnende sind notwendigerweise Wissungen; ein „Wort“, das wir nicht wissen, ist kein Wort.

Wissungen existieren jedoch ausschließlich in unserem Bewußtsein. Verstehen wir Sprache als das, was erst zu Verstehungen führt oder diese bewirkt, können darin also Bezeichnende und somit auch vollständige Zeichen nicht auftreten.

Ungewußte „Bezeichnende“ sind keine Bezeichnenden; wir definieren sie als Signifikanten, und schließen uns damit unter anderem Ferdinand de Saussure sowie Jacques Lacan an.

 

AD: „Die Bezeichnung tut nichts zur Sache; Ihre „ungewußten Signifikanten“ sind per definitionem unverständlich und können uns somit auch nicht weiterhelfen.“

Doch; diesen Punkt hatten wir schon des öfteren: Signifikanten ist ein Sammelbegriff; würden wir ihn nicht verstehen, hätten Sie damit Recht, daß er vollkommen sinnlos wäre und verlustlos durch „blablabla“ ersetzt werden könnte.

Wir müssen ihn also kennen, aber das gilt nicht für die einzelnen Signifikanten, die unter diesen Sammelbegriff fallen.  

 

Um ihn zu verstehen, stellen wir uns bitte zunächst vor, angestrengt und erfolgreich einem schwierigen Vortrag zu lauschen oder beim Lesen eines spannenden Buches völlig fasziniert zu sein. Unsere ganze Konzentration gilt dann dem Inhalt, und solange sie anhält, bewegen wir uns von Verstehung zu Verstehung, das heißt, von Wissung zu Wissung.

Etwas anderes existiert für uns gar nicht; es gibt kein Verstandenes im Sinne von dem, was der Referent sagen bzw. der Autor schreiben wollte; weder Worte noch Sätze; nicht einmal Stimmen oder Geräusche bzw. Texte und Druckerschwärze. All das tritt nur in dem Maße in Erscheinung, wie wir unkonzentriert vom Thema abschweifen – oder das Aufgezählte selbst zum Thema wird..

Obwohl also allein Verstehungen bzw. Wissungen bei uns ankommen, wird wohl niemand bestreiten wollen, daß sie irgendwie vom Vortragenden bzw. Autor provoziert sind.

Aber wie macht er das?

 

Als zweites Beispiel skypen wir miteinander. Ich will Ihnen etwas sagen, und bei mir existieren nur diese mitzuteilenden Vorstellungen; Sie haben dagegen lediglich ihre Verstehungen.

Welche Verbindung besteht zwischen diesen beiden Seiten? Was führt von meinen Vorstellungen zu Ihren Verstehungen? Von meinen Wissungen zu den Ihrigen?

AD: „Alles was ich höre oder sehe; Ihre Worte, Gesten, Mimik, Erregung usw.“

Das wäre die traditionelle Antwort; sie bezieht sich aber auf eine Frage, die keiner gestellt hat:

Uns interessiert nicht, wie die einen Wissungen in der „Zeit“ kausal die anderen hervorbringen, vielmehr wollten wir erkennen, wie Wissungen überhaupt – notwendigerweise aus Nicht-Wissungen – entstehen. Diese Frage ist primär; erst wenn wir die Wissungen verstehen, können wir uns um deren Mit- oder Nacheinander bemühen. 

 

Es gibt, mit anderen Worten, auf der einen Seite ein beliebig komplexes Zusammenspiel der Wissungen, das nicht zuletzt von den Einzelwissenschaften untersucht wird; hierzu habe ich (leider) nichts beizusteuern.

Auf der – ganz – anderen Seite und völlig unabhängig davon müssen wir erklären, wie die Vorstellungen des Autors oder Vortragenden, die sich nur in dessen Bewußtsein befinden, zu – möglicherweise sehr differenten – Verstehungen im Bewußtsein der Leser bzw. Zuhörer führen (können).

 

Der Autor schreibt und der Vortragende spricht; wie bei allen Subjekten reichen auch deren Handlungen in ihren Auswirkungen nicht nur über das subjektive Bewußtsein, sondern auch über die eigene Gegenwart hinaus und in fremde Gegenwarten hinein. Das scheint mir unbestreitbar zu sein; wir kennen möglicherweise – eo ipso im subjektiven Bewußtsein – sehr genau die von uns beabsichtigten Wirkungen; aber die Auswirkungen im eigenen Bewußtsein können ganz anders und die in fremden Bewußtseinen gar nicht bekannt sein

Wir können also nicht ausschließen, daß möglicherweise jedes Subjekt in die Gegenwart jedes anderen Subjekts hineinwirkt und das Zusammenspiel all dieser Einflüsse sich sowohl im Unbewußten als auch im Bewußtsein des jeweils betrachteten Subjekts auswirkt.

 

In unserem Beispiel erzeugt der Autor bzw. Vortragende im Unbewußten des Lesenden resp. Zuhörenden die (oben eingeführten) Signifikanten, und diese bewirken – in Abhängigkeit vom jeweiligen Weltbild – im Bewußtsein bestimmte Verstehungen.

So wird nicht zuletzt auch verständlich, daß das gleiche Buch bzw. der gleiche Vortrag zu den unterschiedlichsten Verstehungen führen kann; mit Recht, denn alle haben gut zugehört.

 

Relativ häufig wird sehr anschaulich erklärt, worin Signifikanten angeblich bestehen; aber das stimmt nicht, wenn hierbei Wissungen geschildert werden. „Gewußte Signifikanten“ sind keine Signifikanten, sondern Wissungen, so daß ich Ihnen auch kein Beispiel für Signifikanten nennen kann. Das war doch soeben mein Problem; ich wollte Ihnen etwas nahebringen, was mir als zwingend notwendig erscheint, sich aber als prinzipiell Unwißbares trotzdem nicht greifen läßt.

Alles Be-greifbare kommt immer schon oder ursprünglich zu spät, weil es bereits kein Bewirken mehr, sondern schon Bewirktes ist.

Unrichtig ist dann natürlich auch die ebenfalls des öfteren anzutreffende, auf Ferdinand de Saussure zurückgehende Behauptung, Zeichen beständen in der Einheit von Signifikant und Signifikat; ein Lautbild oder Wort ist kein Signifikant, sondern eine Wissung.