2.4.1. Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis

Unsere Wissungen gehören dem Bewußtsein an, sofern sie – aber das ist tautologisch – aktualisiert sind.

Andenfalls befinden sich die Wissungen in Form – einer Einheit – der Begriffe innerhalb des Unbewußten oder Weltbilds.

AD: „Aber wo ist das Unbewußte bzw Weltbild?“

In der Sprache; um das zu verstehen, wenden wir uns kurz Wittgenstein zu.

 

Wohl eines seiner populärsten philosophischen Ergebnisse besteht in der Erkenntnis, daß es „keine Privatsprachen geben kann“. Weshalb?

Weil sie widersprüchlich wären.

Woher will ich morgen noch wissen, was ich heute wie bezeichnet hatte?

AD: „Indem ich es aufschreibe.“

Das hätten wohl die meisten von uns geantwortet, stimmt aber trotzdem nicht.

 

Sie notieren sich, heute den Eimer mit „Eimer“ und den Remie mit „Remie“ bezeichnet zu haben. Dann stehen morgen auf  Ihrem Zettel diese beiden Worte; aber was sie damit heute bezeichnet hatten – den Eimer bzw. Remie selbst – müssen Sie im Bewußtsein haben, denn das steht nicht auf Ihrem Zettel und kann es auch unmöglich.  

Bei dem Eimer merken wir das nicht, weil er (bereits) der intersubjektiven Sprache angehört; bei dem noch „privatsprachlichen“ Remi aber sehr wohl: „Was war das doch gleich?“

Jetzt müßte deutlich werden: Was Sie gestern mit „Remie“ bezeichnet hatten, befindet sich möglicherweise heute noch in ihrem Bewußtsein, ist aber unkontrollierbar; wie wollen Sie das nachprüfen? Sie können nur glauben, daß Ihre Erinnerung adäquat ist – denn es gibt kein Erinnertes.

 

Das können und sollten wir verallgemeinern:

Die Bezeichnungen haben zwar Bestand und sind kontrollierbar – aber leider völlig uninteressant; es geht allein um das Bezeichnete oder Verstandene und eventuell auch Geglaubte. Somit ist eine „ewige Wahrheit“ höchstwahrscheinlich keine ewige Wahrheit, und demzufolge kann auch es keine Heiligen Schriften geben, sondern bestenfalls Heilige Verstehungen sowie Reaktionen.

Aber das wußten wir bereits, denn deswegen ist das Wort Fleisch geworden.

Die angeblichen Heiligen Schriften dürfen uns also nicht zur Buchstabentreue verführen, die sich nicht traut, „auch nur ein Jota hiervon“ zu korrigieren. Wer so „denkt“, denkt nicht und verfehlt massiv die Wahrheit, die er zu haben glaubt; er hat sie im Buch – denn nur dort kann man sie haben –, lebt sie aber nicht.

Und wer völlig „unheilige Schriften“ studiert – etwa so, wie es Albert Schweitzer mit dem Werk Nietzsches getan hat –, kann dabei zu sehr tiefen Einsichten gelangen; jedoch nur, weil das Wort tatsächlich Fleisch geworden ist

 

Völlig unabhängig davon, ob die Bezeichnungen nun in Büchern stehen oder nicht, gehören ihre Bedeutungen allein unserem Bewußtsein an. Wir sprechen miteinander und korrigieren sie dabei wechselseitig, so daß sich die Bedeutungen, die für die einzelnen Subjekte bestehen, aneinander abschleifen und „Mittelwerte“ entstehen, die sich in der Zeit mehr oder weniger schnell und unmerklich andern.

Das führt weder zur „richtigen Sprache“ noch zur „wahren Bedeutung“, sondern lediglich zu einer intersubjektiven Einigung; mehr haben, aber brauchen wir auch nicht. Wer dieses „Sprachspiel“ nicht  mitspielt, kommt nicht der Wahrheit näher, sondern wird unverständlich.

Georg Picht meint unter anderem exakt dies, wenn er die Sprache als das „kollektive Gedächtnis der Menschheit“ betrachtet; ich würde gerne übersetzen das „intersubjektive Gedächtnis der Subjekte„.

 

So weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist der Gedanke nicht:

Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war Ihnen die Vorstellung Sirius nicht aktual gegeben.

Das ist jetzt der Fall; ich konnte sie ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich zuvor bereits an einem anderen, Ihnen zwar unbekannten jedoch zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Wenn aber das absichtliche Auslösen von Vorstellungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgen kann, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein

 

AD: „Bisher war mir sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speicherprozessen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie diese für mich anschaulich-verständliche Vorstellung und ersetzen sie durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist freilich traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Seiende, die es einfach so gibt, auch ohne gesehen zu werden.

Wir müßten also etwas vorsichtiger übersetzen, daß am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa eine Wahrnehmung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein soll.

 

Diese Voraussage vertrauen wir der Sprache an, und jeder, der einen Zugang zu letzterer besitzt, kann die Antizipation am 22. 2. 2222 überprüfen. Die Zeit bis dahin wird also von der Sprache überbrückt; die Physiker, die die Voraussage getroffen haben, sind dann schon lange tot.

AD: „Wobei sich Ihr letzter Halbsatz als völlig belanglos erweist, wenn das Speicherorgan ohnehin in der Sprache und nicht im Gehirn besteht.“

Sehr schön; aber letzteres ist trotzdem unbedingt erforderlich, weil wir – in unserem Weltbild – ohne Gehirn keinen Zugang zur Sprache hätten. 

 

AD: „Einverstanden; aber damit haben Sie meine obige Frage noch nicht befriedigend beantwortet.

Die – nicht-aktual(isiert)en – Wissungen befinden sich im Weltbild, dieses gehört der Sprache an, und die Sprache ist . . .“

. . . nirgends, denn als Sprache gibt es sie gar nicht.

 

Die Sprache ist nur „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie existiert lediglich in dem oder durch das zeitliche Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr nutzen, wäre sie einfach weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen und Verstehen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; das Vokabeln-Lernen stellt in diesem Zusammenhang ein unglückliches Modell dar.

Primär erhalten wir die Sprache, indem wir sie nutzen und weitergeben, das heißt, unseren Kindern einen Zugang zu ihr bzw. zum intersubjektiven Gedächtnis in Form ihres ersten kleinen Weltbilds vermitteln.

Letzteres ist natürlich subjektiv, weil jedes Subjekt seinen eigenen Zugang zur intersubjektiven Sprache besitzt.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“