0.3. Markus Gabriel als Naiver Realist

Dieser Abschnitt enthält einen Artikel, den ich spontan-verärgert für die „Neue Züricher Zeitung“ geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinschätzung der Aktant-Netzwerk-Theorie durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin beleidigend ausdrücken, bitte ich um Entschuldigung – obwohl Markus Gabriel es Bruno Latour gegenüber auch getan hat; ich weiß, daß dies keine Rechtfertigung darstellt.

Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, daß sie Ihrem Verständnis dienen könnte, und zum anderen um den Exkurs passenderweise mit einem gegenwärtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.

 

Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:

„. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern zählt der französische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. könne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdität, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:

Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte. . .“

 

An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat völlig Recht, und die „metaphysische Absurdität“ liegt allein bei Gabriel, weil er scheinbar keinerlei Verständnis für eine ihm fremde Sichtweise aufbringt!

Sein „Neuer Realismus“ ist so neu nicht; er kam um 1912 in den USA auf, wurde aber danach – mit Recht – schnell wieder vergessen, weil der Glaube an eine objektive Realität mindestens seit Kant philosophisch unhaltbar geworden ist und unter ernstzunehmenden Fachleuten bereits im 20 Jahrhundert kaum noch ein Rolle spielte.

Wir haben Überzeugungen, denn wir glauben, was zu glauben wir für richtig halten; mehr kann niemand leisten – aber weniger, nämlich Denkfehler begehen und leere Behauptungen aufstellen.

Um zu verdeutlichen, daß dies bei Gabriel der Fall ist, wähle ich ein möglichst einfaches Modell. Wir benötigen dazu nur zwei Personen, Patient sowie Arzt, und erinnern an einen mittelalterlichen Priester.

 

Ersterer fühlt sich miserabel.

„Hätten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, hätte die Krankheit sich gemäß Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert hätte.“

Ich kann Latour nur beipflichten; was im Weltbild oder Dnken gar nicht vorkommt, kann sich natürlich auch nicht verbreiten.

Latour behauptet doch keineswegs, daß es dem Patienten dann gut gegangen wäre – was Gabriel unausgesprochen vorauszusetzen scheint –; natürlich nicht. Aber niemand kann haben, was keiner kennt. Der Patient würde sich miserabel fühlen; wir wüßten nicht warum, und es begänne möglicherweise ein fieberhaftes Suchen.

Dieses Sich-miserabel-Fühlen hängt nicht vom Weltbild ab, aber sämtliche Erklärungen tun dies. In jedem Weltbild werden andere gegeben, und „Erklärungen“, die wir nicht verstehen oder akzeptieren, sind für uns keine Erklärungen; inexistente natürlich „noch weniger“.

 

Der Arzt hat eine Idee: Covid-19.

Dieser Virus bildet ein Objekt in unserem Weltbild, das nur mittels der anderen Objekte erklärt werden kann und mit ihnen in einem integralen Zusammenhang – eben unserem Weltbild – steht. Es ist hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei; deswegen hält der Arzt es für richtig, die Corona-Theorie zu glauben.     

 

Ich bin einerseits – mit Gabriel – 100%-ig einverstanden und würde mich als Arzt heute ganz bestimmt ebenso verhalten.

Andererseits hat – entgegen Gabriel – Latour Recht, daß wir eine Erklärung natürlich nur nutzen können, wenn sie in unserem Weltbild vorhanden ist, das heißt, wenn wir sie kennen.  

Zwischen diesen beiden Aussagen besteht auch nicht der geringste Widerspruch. Den konstruiert lediglich Gabriel durch seine naive „metaphysische Absurdität“, daß es Tuberkulose-Erreger und Covid-Viren an sich oder objektiv gibt.

 

Nochmals der Deutlichkeit halber:

Ich kann nicht einschätzen, inwieweit unsere Ärzte, Betreuer, Virologen und Politiker richtig handeln, finde aber, daß sie sich sehr viel Mühe geben und versuchen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden; ich habe sehr viel Achtung vor ihrem Engagement und insbesondere keinerlei Verbesserungsvorschläge. Es wäre einfach lächerlich, wollte ich mir letzteres anmaßen.

Mir geht es nur sehr gegen den Strich, daß Gabriel die Corona-Krise als Werbung für seinen metaphysischen Aberglauben an eine Hinterwelt mißbraucht, ihn als Wissenschaft darstellt und kritische Denker wie Latour eines „heillosen Relativismus“ bezichtigt, nur weil sie seine Naivität nicht teilen.

 

Im Mittelalter hätte ein Priester angesichts unseres sich miserabel fühlenden Patienten vielleicht von dämonischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich heute mit Recht völlig sicher, daß diese Diagnose natürlich nichts mit objektiver Realität zu tun hat; und in unser Weltbild passen bei den meisten auch weder Dämonen noch Besessene.

In unser Weltbild; das war noch im Mittelalter eben ein ganz anderes. Damals erwies sich die Erklärung des Priesters wahrscheinlich als hinreichend rund, stimmig und widerspruchsfrei – wie heute die medizinische Corona-Interpretation.

Aus der dämonischen Besessenheit von damals wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen; was es wirklich ist – die Frage nach dem Urbild –, stellt ein Scheinproblem dar. Im Mittelalter befriedigen jene Antworten und in der Moderne diese; ewige Wahrheiten sind uns Menschen nicht zugänglich.  

 

Als Priester hätte ich damals sicherlich auch versucht, den Patienten durch eine Austreibung des Dämons zu heilen. Die meisten Zeitgenossen werden geglaubt haben, daß Patienten wirklich – im Sinne von objektiv-real – besessen seien und Dämonen in ihnen ihr Unwesen treiben würden, obwohl das „nur“ ihrem Weltbild entsprach.

Das ist für uns kaum nachvollziehbar. Aber Gabriel müßte sich schon fragen lassen, ob er nicht auch im Mittelalter, das Denken, das damals – berechtigterweise – en vogue war, als Abbildung „seiner neuen Realität“ verstanden hätte.

Wenn nicht, warum tut er es dann heute?

 

Das  Argument, es gäbe doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir können die Viren unter dem Mikroskop sehen, sticht nicht, denn im Mittelalter hat man die dämonische Besessenheit bei geschultem Blick ebenfalls gesehen. Das gelingt uns heute nicht mehr – so wie im MIttelalter auch keiner Corona sah.

Und da hätten auch die tollsten Mikroskope nicht helfen können. Es gehört zum „Mythos des Gegebenen“ (Wilfrid Sellars), daß objektive Covid-Viren existieren würden, die von uns nur noch einen – und vielleicht sogar den „richtigen“ – Namen bekomen müßten; wie in der Schöpfungsgeschichte. Aber Namen sind völlig inhaltsleer; was ein Covid-Virus ist, läßt sich weder zeigen noch benennen, sondern folgt einzig und allein aus dem jeweiligen Weltbild – sofern es ihn enthält.

Wer Corona oder Tuberkolose für objekiv-real hält, soll uns bitte erklären, warum er dies bei der Besessenheit nicht tut.