1.1. „Methode“

Meine „Methode“ ist denkbar einfach:

Sie besteht zum einen im Versuch, Kants „sapere aude“ zu befolgen: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und dabei auch gegen scheinbare Selbstverständlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffshülsen nach, nur weil man – in Deiner Kommunität – so redet, sondern „versuche zu verstehen, was Du selbst sagst“. In diesem Bemühen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.

 

Ich glaube nicht an die eine objektive (Welt-)Vernunft, die der Tradition zufolge für alle Menschen die gleiche – und womöglich noch „bestverteilte Sache der Welt“ (René Descartes) – ist.

Es gibt jedoch unsere subjektive Vernunft, die auf den eigenen Lebenserfahrungen basiert. Ein objektiverer oder „höherer“ Maßstab ist uns nicht zugänglich, denn wir sind Menschen, die stets an ihr singuläres Hier und Jetzt gebunden bleiben.

Gesunde Erwachsene sind nicht nur für das verantwortlich, was sie tun und sagen, sondern auch für ihr Denken, Glauben und Wissen. Wer die Bestimmung hierüber anderen überläßt, entmündigt sich an dieser Stelle selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gesprächspartner aus.

Reinhard Kreissl fragt uns spitz: „Wo lassen Sie denken?“

Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.

 

Ich wiederhole mich bewußt:

Über einen höheren Maßstab als unsere subjektive Vernunft verfügen wir tatsächlich nicht, so daß es mir auch nicht um eine aus uns selbst kommende Autonomie gehen kann. Wir stehen – nur optisch, aber – nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen Überzeugung wie oben setze ich Kants Zitat also fort:

Ignorare aude; habe ebenfalls den Mut, Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen. Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht – und bist damit abhängig; Selbstbestimmung ist etwas anderes als Autonomie:

 

Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein – mit sich selbst – identisches Selbst möglich. Kein Gott kann das schaffen; das können wir nur selbst – aber nicht autonom, aus eigener Kraft oder uns selbst heraus, sondern allein, weil uns die Möglichkeit dazu geschenkt wird.

Wir können nur mit dem identisch sein, wozu wir uns selbst bestimmt haben; ein von Gott „geschaffenes Selbst“ wäre als fremd- und nicht selbstbestimmtes kein Selbst – sondern ein hinterwäldlerisches Urbild.

 

Beide Aussagen zusammengenommen bedeuten, daß uns als Subjekte eine Freiheit auszeichnet, die wir einem oder einer Anderen verdanken.

Viele „Atheisten“ lehnen dieses Andere mit Recht ab, weil sie eine Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls nur „nein“ sagen könnte.

Manche „Rechtgläubige“ kennen das Andere angeblich sehr gut und können uns viel darüber erzählen; völlig unabhängig von den entsprechenden Inhalten glaube ich das ebenfalls nicht.

Wir bemühen uns dagegen um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der in dem Bemühen besteht, das Andere als Geheimnis deutlich werden oder aufleuchten zu lassen.

 

Natürlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, bei speziellen Fragen bestimmte Autoritäten anzuerkennen, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet – unseres Erachtens – deutlich nachgewiesen haben. Aber weder kann eine Autorität diesen Anspruch von sich aus erheben, noch delegieren wir damit unsere Verantwortung an sie; es war doch gegebenenfalls unsere Entscheidung, die jeweilige Autorität für uns denken, glauben oder wissen zu lassen.

Diese unübertragbare Verantwortung bildet gemeinsam mit der subjektiven Vernunft meines Erachtens den Kern der Menschenwürde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen – durch Indoktrination – seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner Würde und machen ihn zu einer Marionette an den Fäden unserer Macht.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen oder anderem zu verstecken. Es gibt nach der Aufklärung – über die „Aufklärung“ – keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, daß wir „zur Freiheit verdammt“ seien; aber richtig bleibt hieran, daß auch das „Nicht-Entscheiden-Wollen“ – im Sinne davon, andere für uns denken, glauben oder wissen zu lassen – ein freies Entscheiden darstellt.

 

Und zum anderen nimmt meine „Methode“ die Selbstverständlichkeit ernst, daß wir über Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen können. Natürlich läßt sich alles Mögliche vorstellen bzw. behaupten; aber Meinungen bezüglich eines Bereichs, der uns grundsätzlich verborgen bleiben muß, erweisen sich als unkontrolierbar und damit stets als willkürlich oder beliebig.

Das bedeutet freilich nicht, daß ein derartiges Gedöns belanglos sei oder keine Konsequenzen hätte. Wäre dem so, könnten wir es generös auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religiösen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, daß zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann

 

Mit dem für uns Unerreichbaren meine ich natürlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen „Experten“ zu Geheimnissen erklärte Bereiche. Soetwas gibt es für mündige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, Lügner, Karrieristen oder Despoten benötigen dergleichen.

Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist ambig und voller Geheimnisse. Aber worin diese bestehen, vermag uns niemand zu sagen, sondern das können wir nur selbst erfahren, indem wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bemühen.

Tun wir das nicht, liegen keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten bloße Worte; „Gott“, „Transzendenz“, „Dreifaltigkeit“, „Subjekt“, „Leben“ und „Tod“ beispielsweise. Wer sagt, sie würden Geheimnisse bezeichnen, mag für sich persönlich Recht haben, kann dies aber nicht auf andere übertragen:

Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich. Was uns gar nicht interessiert, ist kein Geheimnis, sondern Peanuts.

 

Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig sowohl von Geheimlehren als auch von Rätseln.

Erstere bilden Märchen für Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verflüchtigen sie sich zumeist sehr schnell.

Geheimnisse sind dagegen um so größer, phantastischer, umwerfender – eben geheimnisvoller –, je intensiver wir uns mit ihnen beschäftigen; sie werden niemals gelöst, und das unterscheidet sie von Rätseln.

Die exakten Wissenschaften lösen lediglich Rätsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie – sowohl die Wissenschaften als auch die Rätsel – sind nur (von uns) konstruiert.

Geheimnisse gehören jedoch zur Wirklichkeit und sind keine bloßen Konstruktionen. Das Leben stellt für mich persönlich ein Geheimnis dar, und wir dürfen die – lediglich rätsellösende – Biologie nicht als Wissenschaft vom Leben betrachten.

Die Hüter wirklicher Geheimnisse müssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie ihn präsentieren, desto mehr werden sie ihrer Aufgabe gerecht, das Geheimnis als solches zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskrämerei verkommen zu lassen.

 

Nun haben wir lediglich gesagt, worin die Dinge, die uns prinzipiell unzugänglich sind, nicht bestehen; und worin bestehen sie?

Diese Frage sollte unser Exkurs bereits beantwortet haben; sein Ergebnis können wir folgendermaßen zusammenfassen:

1. Es gibt keine objektive Realität.

2. Sowohl im Alltag als auch im Glaubensleben, in den exakten Wissenschaften und der Theologie wird sie jedoch ständig vorausgesetzt.

3. Was wir „objektive Realität“ nennen, ist somit lediglich eine erfundene Hinterwelt.

4. Dieses Inexistente bzw. Hinterwäldlerische ist natürlich prinzipiell unkontrollierbar, so daß an seiner Stelle ausnahmslos alles willkürlich behauptet werden kann, was in sich widerspruchsfrei ist.

5. An einem derartigen x-beliebigen Blablabla wollen wir uns und darf sich ein Denken, das als solches ernstgenommen werden möchte, nicht beteiligen.