1.6. Vier Ansätze – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Gegenwärtig sind – mit dem Radikalen Konstruktivismus (2) sowie dem Neuen Realismus (4) – zwei philosophische Strömungen en vogue, die wie unsere eigenen Gedanken (3) aus der Überzeugung resultieren, daß der traditionelle Ansatz (1) inkonsistent und unhaltbar – zumindest: geworden – ist.

Sein Außen-Innen-Dualismus trennt sauber zwischen den Seienden und ihren Abbildern – aber gerade dieses saubere Trennen bildet einen offensichtlichen Fehler, weil damit das Abbilden als Tätigkeit, das heißt, der Übergang von Außen nach Innen vollkommen fehlen muß; dafür ist weder außen noch innen Platz..

Sprechen wir von Abbildern, deren Entstehung völlig ignoriert wird – sie sind ebenso einfach vorhanden wie die Seienden selbst –, kann es beim traditionellen Denken nicht mit rechten Dingen zugehen:

Die Welt schwebt im Nichts, ihr Abbilden kommt nicht vor – und trotzdem befinden sich innen die Wissungen als Abbilder von der Welt. Woher kommen sie? Wie, durch wen, wann und wo erfolgt das doch notwendige Procedere des Übergehens? Keine von diesen Fragen kann das traditionelle Denken auch nur sinnvoll stellen, weil es nur ein Entweder-Innen-oder-Außen kennt.

 

Es ist also ein Zauberer erforderlich, und diese Rolle übernimmt in der Tradition der Nous; das ist der erkenntnistheoretische Gott der Philosophen. Wir werden recht ausführlich auf ihn und seine Funktion zurückkommen (müssen), behalten aber bitte schon einmal im Hinterkopf, daß das traditionelle Modell (1) ohne ihn prinzipiell nicht möglich ist:

Wer diesem Ansatz entsprechend denkt, setzt den Nous voraus; dabei spielt es keine Rolle, ob er das weiß oder will bzw. auch nicht; er tut es, denn anders – ohne zauberhaften göttlichen Beistand – läßt sich sein Wissen nicht erklären. 

Markus Gabriel spricht deshalb von einem Ansatz „ohne Zuschauer“. Die traditionellen Subjekte existieren nur als Seiende mit den Wissungen in ihrem Innen, schauen aber nicht zu – sprich: bilden nicht ab –, sondern erhalten diese Wissungen – auf welchen Wegen auch immer –  vom Nous.

 

Im mataphysischen Explikationismus (3) befinden sich die Subjektivitäten jeweils im eigenen Bewußtsein; andernfalls gäbe es uns – für uns selbst – gar nicht.

Die traditionellen Subjekte leben dagegen alle außen in der Welt, und die Wissungen in ihrem subjektiven Innen werden als angebliche Abbilder von dieser Welt behauptet. Begründen ließe sich eine solche Annahme jedoch nur, wenn uns die Seienden sowohl als Ur- wie auch als Abbilder vorliegen würden und wir sie auf ihre Übereinstimmung hin prüfen könnten

Das ist offensichtlich nicht der Fall; wir „sehen nicht doppelt“, was dafür aber erforderlich wäre.   

Die Tradition ignoriert dieses Dilemma nahezu vollständig, indem sie

– die Existenz der Seienden sowohl als innere Ab- wie auch als äußere Urbilder,

– das Abbilden als Übergang von diesen zu jenen sowie

– die angeblich daraus resultierende Übereinstimmung beider

einfach postuliert und damit die eine Wahrnehmung, die wir tatsächlich jeweils haben, wahlweise

– das eine Mal als Urbild der Welt und

– das andere Mal als Abbild im Innen deklariert.

 

Uns muß ganz deutlich werden, was hier abläuft:

1. Wir haben eine Wahrnehmung; beispielsweise eine Baum-Sehung.

2. Das ist eine spezielle Wissung.

3. Wissungen besitzen bei uns keine Referenten, sondern bilden selbst die Gewußten.

4. Die Tradition sieht das anders und behauptet die Seienden als Referenten.

5. Die Seienden bilden bei ihr also die Gewußten; im Beispiel sind Bäume vorhanden.

6. Die können sich unmöglich in unserem Innen befinden.

7. Folglich existieren dort nur Abbilder; Baum-Sehungen.

8. Die ursprüngliche Identität von Wissung und Gewußtem in unserem Bewußtsein wird von der Tradition also

– aufgespalten in Ur- und Abbild,

– durch ein behauptetes Abbilden angeblich wieder zusammengefügt,

– als bloße Übereinstimmung – der ursprünglichen Identität – ausgegeben und auch noch

– stolz als erkannte Wahrheit gefeiert.

Unglaublich!

 

„Und damit wird auch verständlich, welcher Weg vom traditionellen Denken zu dem unsrigen führt:

Wir belassen es bei der Wahrnehmung – der Baum-Sehung zum Beispiel –, verdoppeln sie nicht in Ur- sowie Abbild, müssen dann natürlich auch keine Übereinstimmung willkürlich behaupten, und auf die traditionelle Wahrheit der Objekte verzichten wir ohnehin bereits.

Die ursprüngliche Wahrnehmung befindet sich weder außen noch innen – denn diese Unterscheidung existiert nicht mehr –, sondern im Bewußtsein. Damit haben wir meiner obigen Skepsis zum Trotz doch noch eine Definition für das Bewußtsein gefunden:

Es besteht in der Aufhebung oder Einheit der traditionellen Innen und Außen.“

 

Bis auf Ihren Definitionsvorschlag gehe ich vollkommen mit; er ist aber sehr fragwürdig. Wir können das Bewußtsein nicht mit Hilfe von zwei Un-Begriffen erklären, und ich habe auch keinerlei Schwierigkeiten damit, es so undefiniert zu belassen.

Wir verstehen jeden Begriff anhand der anderen; dabei gibt es natürlich auch Grundbegriffe, die sich nicht mehr auf fundamentalere oder allgemeinere zurückführen lassen. Das gilt sogar in der Mathematik für die axiomatisch definierten Begriffe. Zu unseren Basiskategorien zählen für mich nicht zuletzt auch das Bewußtsein sowie unsere Transzendentalien Gott, Ursprung und Leben.

 

Der Radikale Konstruktivismus (2) streicht mit uns die objektive Welt und benötigt somit ebenfalls keinen Nous.

Aber im Gegensatz zu uns behält er formal den traditionellen Dualismus bei, so daß davon nur die Innen-Seite übrigbleibt. Da sich die Welt als Wirklichkeit jedoch nicht ersatzlos streichen läßt – bei uns tritt das Leben an deren Stelle –, müssen die ehemaligen Seienden – „die Welt als Wirklichkeit“ – dem Innen angehören und somit eine reine Konstruktion darstellen; deswegen „radikaler Konstruktivismus“.

Ein solcher Ansatz, innerhalb des traditionellen Dualismus die Außenseite zu canceln, führt natürlich zu ernstlichen Problemen:

Dem Radikalen Konstruktivismus fehlt der Konstrukteur, denn dieser kann unmöglich der von ihm selbst konstruierten „Welt als Wirklichkeit“ angehören. Das entspräche dem Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht.

Wir haben diese Schwierigkeit nicht, denn unsere Konstrukteure sind die Subjektivitäten, die in Gott leben und somit keine Welt benötigen.