1.6.1. Radikaler Konstruktivismus

Unser Ansatz stimmt mit dem Radikalen Konstruktivismus darin überein, daß in beiden Fällen keine objektiv Welt existiert; damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Es sind vor allem zwei Probleme, die der Radikale Konstruktivismus meines Erachtens nicht lösen kann und wegen derer ich ihn ablehne.

 

Der erste Punkt betrifft die Stellung oder Rolle des Gehirns.

Wenn alles nur eine Konstruktion darstellt, fehlt der Konstrukteur, denn er kann nicht seiner eigenen Konstruktion angehören; das wäre widersprüchlich. 

Der Radikale Konstruktivismus „löst“ dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er – entsprechend der „neurophilosophischen“ „Erkenntnis“ Ich ist gleich Gehirn – letzteres zum Konstrukteur erklärt. Abgesehen von der fundamentalen Frage, woher seine Vertreter das wissen wollen, wenn alles andere eine bloße Konstruktion ist und auch das Gehirn kein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Konstrukteur“ trägt, entstehen natürlich zahllose weitere Probleme.

Eines davon resultiert ganz simpel daraus, daß es sehr viele Gehirne gibt. Als Konstrukteur benötige ich natürlich nur mein eigenes; sind die fremden Gehirne ebenfalls wirklich oder nur von mir konstruiert? 

Schwierig gestaltet sich offensichtlich auch die Grenzziehung. Wo endet der Konstrukteur, und beginnt die Konstruktion? Wie gehen die beiden ineinander über? Wohin gehören das Zentralnervensystem, die Sinnesorgane und die Gliedmaßen?

 

Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, nicht radikal genug, weil er das Gehirn ganz traditionell als Seiendes denkt und auch denken muß, um einen Konstrukteur – für die gesamte restliche subjektive Welt – zu gewinnen. Bei seiner Sichtweise reduziert sich die traditionelle Welt also auf das eigene (?) Gehirn.

Unser Ansatz ist radikaler; darin spielt das Gehirn keine Sonderrolle, auch die subjektiven Welten verschwinden vollständig, und sämtliche Gehirne gehören ganz normal den weltbild-abhängigen Wissungen an.

 

Die zweite Schwierigkeit, die ich – und seine Vertreter selbst – mit dem Radikalen Konstruktivismus haben, besteht darin, daß der Übergang von der angeblich objektiv-realen Welt zu einer bloß subjektiv-konstruierten den gewaltigen Unterschied zwischen wirklichen Wahrnehmungen und unwirklichen Vorstellungen nicht einfach ignorieren kann. Vor der Wahrnehmung „Krokodil im Swimmingpool“ erschrecken wir – mit Recht –; die entsprechende Vorstellung ruft bestenfalls ein wohliges Gruseln hervor.

Im Radikalen Konstruktivismus habe ich – sehr interessiert, aber – leider vergebens nach einer befriedigenden Aufarbeitung dieses Problems gesucht. Wir haben bereits damit begonnen, es schrittweise mittels der Anschauungen zu lösen, die bei keinem der drei anderen Ansätze eine Rolle spielen.