1.6.2. Neuer Realismus

Der – sich als Gegenentwurf zum traditionellen Denken (1) und Radikalen Konstruktivismus (2) verstehende – Neue Realismus (4) geht zumindest in Deutschland wesentlich auf Markus Gabriel zurück, der durch zahlreiche populär(wissenschaftlich)e Bücher auch breiteren Leserkreisen bekannt wurde. Bezüglich der Tatsache, daß es „die Welt nicht gibt“, stimme ich natürlich mit Gabriel überein, aber seine Begründung ist eine ganz andere. 

 

Das traditionelle Denken (1) interessiert sich nur für die Welt ohne zuschauende Subjekte; deswegen ist dort der Nous erforderlich. Damit es mit rechten Dingen zugehen kann, müssen die Subjekte wirklich zuschauen, das heißt, nicht nur behaupten, – durch den Nous – über Abbilder zu verfügen, sondern die traditionelle Welt auch tatsächlich abbilden.

Gabriel ergänzt die traditionelle Welt also um dieses Abbilden. Das ist das Neue an seinem Realismus (4), der um 1912 in den USA aufkam, aber danach schnell wieder vergessen wurde.

Die Subjekte sind bei ihm nicht nur potentielle Zuschauer (1), die lediglich wissen – ohne zu verstehen, wie das überhaupt möglich sein kann –, sondern auch wirklich abbilden (4), so daß Gabriels Welt die traditionelle integriert und durch das Zuschauen der Subjekte ergänzt:

Gabriels Welt   =   { traditionelle Welt + Erkennen der traditionellen Welt }

(Die geschwungenen Klammern bedeuten bei mir stets die Einheit der darin enthaltenen „Bestandteile“.)

 

Nochmals in anderen Worten:

Gabriels Welt umfaßt die Seienden mit all ihren Wechselwirkungen, und zu letzteren gehört insbesondere das Abbilden der Welt. Es wird also nicht – wie traditionell üblich – aus der Welt herausgenommen und damit zur Zauberei, sondern allen anderen Wechselwirkungsarten gleichgestellt, die doch ganz selbstverständlich zur Welt gehören:     

Niemand wird beispielsweise bestreiten, daß Massen sich anziehen (oder etwas Äquivalentes tun), und diese Wirkung ist natürlich ebenso wirklich wie die Massen selbst.

Und ganz analog ist Gabriel überzeugt, daß das Abbilden der Objekte durch die Subjekte ebenso wirklich ist wie die Seienden selbst und folglich auch zur Welt gehören muß

 

„Eine geniale Idee!“

Ja; das war auch mein erster Gedanke; aber nach einigen Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, daß sie nicht genial, sondern ganz einfach falsch ist.

„Was soll oder kann daran überhaupt falsch sein?“

Der Ausganspunkt oder Beginn dieser Überlegungen!

Daß ein Subjekt ein Objekt wahrnimmt, kann nur eine sinnvolle Aussage darstellen, wenn beide Seiende verständlich sind. Worin besteht die Bedeutung von Subjekt und Objekt? 

„Das weiß doch jeder; soll ich Ihnen das jetzt tatsächlich erklären?“

Nein; so meine ich das nicht; wir haben ein bestimmtes WELTBILD, und auf dessen Grundlage können wir natürlich alle zugehörigen Begriffe erläutern.

 

Mir geht es jedoch um etwas anderes, nämlich um die traditionelle Vorstellung der Seienden in der objektiven Welt. Das Subjekt(A) nimmt dort das Objekt(B) wahr, und dies führt zu der Wahrnehmung(AB). Ersteres kann sich natürlich auch selbst wahrnehmen, beispielsweise im Spiegel; das Resultat wäre dann die Wahrnehmung(AA).

Nun sollte deutlich werden, wo ich hin will:

Wie gelangen wir zu Gabriels Ausgangspunkt, dem Subjekt(A) und Objekt(B)? Einerlei ob wir vom Wahrnehmen, Verstehen, Denken oder Vorstellen ausgehen – stets müssen die Ergebnisse zweipolig sein, das heißt, die Form AB bzw. AA besitzen.  

Das war der Sinn meiner Frage nach der Bedeutung von Subjekt und Objekt. Alle einpoligen Entitäten – das Subjekt(A) ebenso wie das Objekt(B) – sind uns unzugänglich. Weil wir nicht von außen und damit direkt oder unmiittelbar schauen, können wir nicht wissen, worin jene bestehen. Wir müssen uns und das Objekt erst erkennen; aber das führt niemals zu A oder B, sondern notwendigerweise zu A-erkennt-A bzw. A-erkennt-B.

Beim Nous ist das anders, weil er nicht nur unsere perspektivisch-subjektiv-mittelbare Wahrnehmung besitzt, sondern das Subjekt(A) resp. Objekt(B) perspektivlos-objektiv-unmittelbar schaut.

 

Darin besteht das Problem des Beobachters, das uns durch die Kybernetik zumindest seit den 1940-er Jahren bekannt ist, aber von der Tradition weitestgehend übersehen oder ignoriert wird. Sie schiebt diese Rolle – mehr oder weniger reflektiert – dem Nous zu. Er gehört nicht zur Welt, kann sie dadurch von außen oder – als Gott – sogar von oben schauen, völlig problemlos sowohl das Subjekt(A) als auch das Objekt(B) identifizieren und feststellen, wie dieses von jenem wahrgenommen wird.

Damit sollte einleuchten, inwiefern das traditionelle Denken ohne den Nous nicht möglich ist:

Es beginnt mit den Seienden, die allein er wissen kann.

 

Wenn also Gabriel sagt, das Abbilden der Objekte durch die Subjekte sei ebenso wirklich wie die Seienden selbst und müsse folglich auch zur Welt gehören, sieht er tatsächlich etwas Richtiges, jedoch auf der Grundlage einer Voraussetzung, die nur für den Nous, aber nicht für uns erfüllt ist.

Das Abbilden der „Objekte“ durch die „Subjekte“ ist in der Tat ebenso wirklich wie die „Seienden“ selbst; aber dabei handelt es sich nicht um Seiende, weder um Objekte noch um Subjekte.

Wer den Nous vermeiden will, kann nicht bei Seienden beginnen, weil er ohne ihn nicht weiß, wovon er spricht.

 

Das ist meines Erachtens ein sehr schönes Beispiel für Wittgensteins Leiter.

Die Tradition (1) hat das Abbilden vergessen; der Neue Realismus (4) fügt es hinzu, steigt die Leiter hinauf – und müßte dann merken:

Wenn wir das Abbilden berücksichtigen, gibt es keine Seienden (mehr), weil alles mit allem zusammenhängt. Die Leiter, die uns zu dieser Einsicht verholfen hat, war also sehr wichtig, wird aber nun nutzlos; wir werfen sie weg und beginnen von vorn; ganz anders – mit dem metaphysischen Explikationismus (3).