1.6.3. Metaphysischer Explikationismus

Wir verstehen unseren Ansatz (3) als Gegenposition zum Radikalen Konstruktivismus (2) sowie zum Alten (1) und Neuen Realismus (4).

Dem Radikalen Konstruktivismus fehlt der für ihn notwendige Konstrukteur, und er kann nicht erklären, was Wahrnehmungen von Vorstellungen unerscheidet.

Der Alte und Neue Realismus gehen von den Seienden der Welt sowie eventuell eines Gottes als Neben-Welt aus und benötigen daher die Nous-Zauberei..

Wir versuchen, allen diesen Mankos zu begegnen, lassen dafür als einzige den Außen-Innen-Dualismus hinter uns und führen die Anschauungen ein.

 

Das traditionelle Denken beginnt „zu früh“; es glaubt, von Seienden ausgehen und daraus die Wahrnehmungen ableiten zu können. Aber in Wirklichkeit ist das nicht nur unmöglich, sondern auch unnötig, denn die Wahrnehmungen sind das – erste – uns Gegebene.

Wir sind keine Götter und verstehen daher nicht, was Seiende sind. Damit fehlt uns aber nichts, denn ein Vor-aller-Wahrnehmung kann uns unmöglich begegnen; was uns widerfährt, sind – niemals Seiende, sondern – „immer schon“ Wahrnehmungen; weder A noch B, aber eben dadurch auch nicht  AA oder AB.

Der alte (1) und neue Realismus (4) behaupten somit die Existenz von etwas, das wir nicht nur prinzipiell nicht finden, sondern nicht einmal suchen können, das somit einer Hinterwelt angehören muß und wir zum Glück auch nicht brauchen.

Die Wahrnehmungen bilden das Primäre, und das können sie nur, weil sie sich nicht aus der Wechselwirkung von Seienden ergeben. Worin sollen Seiende eigentlich bestehen? Wir wissen es nicht und können dies auch niemals; wer dennoch von ihnen spricht, beschreibt seine Hinterwelt.

 

Unsere Anschauungen bilden das Daß der Wahrnehmungen; jede Subjektivität interpretiert sie entsprechend ihres Weltbilds (automatisch) – zumindest ein ganz klein wenig – anders; als Beispiel hatten wir die Sonne bzw. den Re angeführt.

Die aufklärerische Überzeugung, die Ägypter seien naiv gewesen, denn es ist tatsächlich die Sonne und nicht der Re, bildet in Wirklichkeit das Naive, weil man bei jeder Überzeugung (an) Seiende glauben muß, denn ohne letztere gibt es keine Wahrheit der Objekte. Wir können nur sagen, was wir bzw. die Ägypter wahrnehmen; für Seiende wäre der Nous zuständig.

Schicken wir eine Rakete zur Sonne resp. zum Re um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug würde die Rakete unserer Interpretation zufolge zerschmelzen und verglühen. Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf einen Gott. Das hätten sie niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

Ich bestreite nicht die Kontrollierbarkeit des Rechts, sondern dieses selbst; ohne Seiende kann keiner Recht haben.

 

Daß sich die Wahrnehmungen dennoch (relativ) zwingend ergeben, läßt sich vielleicht am besten verstehen, wenn wir sie als ableitbar beschreiben: So wie die Rechenregeln eineindeutig aus den mathematischen Axiomen folgen, resultieren unsere Wahrnehmungen relativ stringent aus dem jeweiligen Weltbild.

Es versteht sich von selbst, daß andere Prämissen zu differenten Ergebnissen führen.

 

Schaut Hasso zur richtigen Stelle, sieht er weder die Sonne noch den Re, sondern lediglich eine – andere – Anschauung.

Wir bringen sie – so oder so – auf den Begriff und konstruieren damit unsere Wahrnehmung, während die Tradition letztere als Abbildung eines – so oder so – Seienden mißversteht. Irgendwie müssen die Anschauungen also – nicht der objektiven Realität, aber doch – einem unbestreitbaren Realen entsprechen.