1.2. Von der objektiven Welt zu subjektiven Weltbildern

Ich schreibe dieses Online-Buch, weil dahinter eine Hoffnung steht, die mir heute von kaum zu überschätzender Bedeutung zu sein scheint:

Intelligente und gutwillige Menschen sind von den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Glaubensbekenntnissen – im weitesten Sinne – überzeugt; für die einen gibt es dieses, und für die anderen jenes; Regentänze, Higgs-Teilchen, Determinismus, Gynoide, Verschwörungstheorien, Teufel, andere Welten, Unfehlbarkeit, zehn Dimensionen, Götter, Evolution, Seelenreisen, Dogmen, Wahrsager, ein drittes Geschlecht, Dharma, Freiheit, Voodoozauber, Urknall, Dialektik usw.

Wäre das überhaupt alles möglich, wenn die eine wirkliche Welt mit ihren Seienden existieren würde? Müßten sich dann nicht sehr viele dieser schwerlich miteinander zu vereinbarenden Überzeugungen von selbst ad absurdum führen – einfach weil sie mit der Welt kollidieren?

 

Mit anderen Worten:

Wir – das heißt, die erwachsenen und angeblich gesunden Abendländer um die zweite Jahrtausendwende – glauben zumeist, vom physikalischen Kosmos als einer solchen wirklichen Welt zu sprechen, während alle anderen Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart aus unserer Sicht nur über bloße Weltbilder verfügen.

Das sind Vorstellungen im Bewußtsein, die irrtümlich als Abbilder der Welt geglaubt werden – wovon aber bei vielen, besonders exotischen Weltbildern kaum die Rede sein kann. Unser Weltbild ist dagegen weitgehend adäquat, und die anderen Varianten stellen bestenfalls Vorstufen dar oder sollten eher unter „Mythen“ geführt werden.

Dahinter steckt selbstredend der Fortschrittsmythos als die große moderne „Metaerzählung“ (Jean-François Lyotard), die – wie könnte es auch anders sein – geradewegs zu uns als der absoluten Krone der Schöpfung – pardon: Evolution – führt und die wir deshalb nur allzugerne glauben.

 

Ich bin dagegen fest überzeugt, daß wir nicht die herr(scher)liche Ausnahmekultur sind und unsere angeblich objektiv-reale Welt ebenfalls nur einem Weltbild entspricht – wie bei allen anderen Weltbildern auch. Jedes von ihnen hat seine Vor- und Nachteile; weder sind sie alle gleichwertig im Sinne von Paul Feyerabends „anything goes“, noch befindet sich ein wahres Weltbild darunter, . . .

 . . weil es keine objektive Welt gibt.

Mit unserem Verzicht auf letztere stehen wir in der Nachfolge beispielsweise von David Hume, George Berkeley, Arthur Schopenhauer, Ernst Mach oder Johannes Volkelt, folgen aber nicht ihnen, sondern recht weitgehend der „Radikalen Lebensphänomenologie“ von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir.

Vor gut zehn Jahren habe ich mit dem Buch „Ursprüngliche Wirklichkeit“ eine Hinführung zu diesem sehr avantgardistischen, das traditionelle Denken total sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere (exakt-)wissenschaftsgläubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys „Philosophie des Johannesevangeliums“ besser zu verstehen. Die ersten 100 Seiten könnte ich Ihnen heute noch gutens Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.

Nach einigen tastenden Ausbruchsversuchen in der Zwischenzeit bin ich also „reumütig“ zu meinen früheren Wurzeln zurückgekehrt. 

 

Veranschaulichen wir uns die gewaltige Differenz zwischen dem traditionellen und unserem Denken einstweilen nur an einer zwar sehr einfachen, aber deutlichen Konsequenz:

Wenn ein Subjekt stirbt, gibt es traditionell einen Körper weniger in der objektiv-realen Welt, was darin freilich auch nicht die geringste Rolle spielt. Selbst wenn wir Menschen ausstürben, hätte dies für den physikalischen Kosmos praktisch keine Konsequenzen, würde von ihm gar nicht bemerkt und noch weniger betrauert.

Ohne Welt – in unserem Ansatz also – kann in ihr auch kein Körper verschwinden; er entzieht sich aber trotzdem; wo?

Natürlich dort, wo er sich zuvor befunden hat, nämlich allein im Bewußtsein der dem verstorbenen Subjekt nahestehenden zurückbleibenden Subjekte.

Wir sehen absolut noch nicht, wie sich das – ohne Welt – konsistent denken lassen soll, können aber bereits hoffen, daß bei einer solchen Konzeption der Subjekte und ihres Lebens eine positive Antwort auf die „Frage nach dem Wozu“ (Robert Spaemann und Reinhard Löw), Warum oder Sinn unseres Lebens möglich wird; auf der Basis einer objektiv-realen Welt halte ich das für nahezu ausgeschlossen.

 

Damit kann ich auch bereits ein wenig andeuten, was der Titel unseres Buches meint.

„Explikationismus“ soll zum Ausdruck bringen, daß keinerlei Seiende existieren – weder geschaffene noch evolvierte –, sondern alles erst von uns Subjektivitäten zeitlich im Bewußtsein expliziert oder generiert werden muß.

Wir benötigen aber noch ein erklärendes Prädikat, denn wesentliche Teile von Hegels recht anderer Philosophie kursieren unter der Überschrift „Erkenntnistheoretischer Explikationismus“. Da die Ontologie die Lehre von den – meines Erachtens inexistenten – Seienden ist, kommt „ontologisch“ als Erklärung nicht infrage, und so ergab sich relativ zwingend die Bezeichnung „Metaphysischer Explikationismus“.

„Philosophie der Orientierung“ hätte ebenfalls sehr gut gepaßt, aber diesen Namen nutzt bereits Werner Stegmaier für seinen eigenen, dem unsrigen aber teilweise recht nahestehenden Ansatz.