1.2.2. Drei Arten von Subjektivität

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjektivitäten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als alle Differenzen. Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden.

Mit „medial“ meine ich, daß unsere Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene allen Subjektivitäten gemeinsame – und damit total intersubjektive – Wirklichkeit würde von keinem einzigen Weltbild adäquat beschrieben werden und wäre somit natürlich insbesondere nicht unser physikalischer Kosmos.

 

Die traditionelle Welt ist nicht total intersubjektiv, sondern objektiv, weil sie gar keine Welt für uns, sondern eine Welt an sich darstellt, die keine Zuschauer oder Betrachter benötigt. Schaut sie einer an, so ist das völlig belanglos und berührt sie gar nicht; die Welt wäre ohne Beobachter die gleiche.

In unserem Ansatz ist dagegen (zumindest vorerst) ausnahmslos alles subjektiv, aber wir müssen drei Arten von Subjektivität unterscheiden.

Die Weltbilder sind rein subjektiv;  jede Subjektivität besitzt (möglicherweise) das ihrige.

Unser Zusammenleben beweist, daß Wissungen – das substantivische Wissen – partiell intersubjektiv sein können.

Und die fragliche Wirklichkeit „hinter“ allen Weltbildern betrachten wir als total intersubjektiv.

 

„Nein; ohne Objektivität geht es nicht; stände dort nicht objektiv dieser Baum, könnten wir ihn nicht beide wahrnehmen.“

Nein; daß wir ihn beide wahrnehmen, beweist – nicht die Objektivität eines angeblichen Baumes, sondern – lediglich die partielle Intersubjektivität unserer Baum-Wahrnehmungen, des Einzig-Gegebenen also.

Daraus als Erklärung einen zwar nicht-gegebenen, aber objektiven Baum abzuleiten, ist die traditionelle Schlußfolgerung, die ich für falsch halte.

 

Somit läßt sich bereits ein wichtiger Grundgedanke unseres Ansatzes formulieren:

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjektivitäten verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der Welt. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an letztere aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, nach einer solchen alle Subjektivitäten tragenden und verbindenden Wirklichkeit zu suchen.

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahre Sprache. Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ausdehnen oder weiterführen:

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse können nicht wahr sein, denn selbst sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit noch zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu der erhofften total intersubjektiven Wirklichkeit –, um alle nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht; sie möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder offenbaren, sind sie aber nicht selbst.

 

Die Wahrheit – um die wir uns bemühen – ist absolut und nicht relativ; sehr wohl gilt letzteres aber für all das, was von den verschiedensten Seite in Geschichte und Gegenwart als Wahrheit behauptet wurde, wird oder werden kann; jeder, der sie bereits zu haben glaubt, ist Relativist – und vom glatten Gegenteil überzeugt.

Speziell Christen müssen hierüber nicht erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: „Das Wort ist Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.