1.2.1. Abbilden oder Konstruieren

„Das scheint ja ziemlich mystisch zu werden bei Ihnen; wenn es keine Welt geben soll, wüßte ich ganz gerne, wo wir – angeblich – leben“, könnten Sie jetzt einwenden wollen.

„Was Sie soeben angedeutet hatten, war nur ein billiger Trick, den Ihnen hoffentlich die wenigsten Leser abnehmen:

Wir können unmöglich allein im Bewußtsein unserer Mit-Subjekte leben, weil dann alle Subjekte zusammen im Nichts schweben oder gemeinsam einem einzigen Baron Münchhausen entsprechen müßten.“

 

Auf dieses Schweben im Nichts kommen wir bald zurück, und es wird überhaupt nicht mystisch, sondern sogar stringenter als viele der angeblichen wissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten. Ihr Einwand wirkt auf den ersten Blick wie ein Totschlag-Argument – aber nur, weil Sie unausgesprochen voraussetzen, wir seien unser Körper, vielleicht insbesondere unser Gehirn.

In diesem Falle würde ich Ihnen natürlich Recht geben; dann wäre die Welt sein bzw. unser Lebensraum.

 

Rein formal ist das freilich unsinnig: Wenn ich selbst „mein“ Körper bin, kann er keinen Besitzer haben, der von seinem Körper spricht, denn dieser „Besitzer“ ist ja der Körper. Entweder handelt es sich um meinen Körper – dann kann ich nicht er sein –, oder ich bin „mein“ Körper – dann kann es nicht mein Körper sein.

Das ist natürlich kein Argument für meine Position und soll auch nicht so ankommen, sondern uns nur helfen zu verstehen, was wir selbst sagen. 

 

Der Körper gehört traditionell zur Welt in Raum und Zeit; nichts liegt mir ferner, als das zu bestreiten.

Sind wir nicht unser Körper, so wäre die Annahme, wir würden in der Welt leben, jedoch eine willkürliche Behauptung. Wieso müssen wir dort leben, wo sich unser Körper befindet, wenn wir nicht dieser Körper sind?

Sollen wir dagegen „unser“ Körper sein, so wäre dies erst aufzuzeigen; evident oder selbstverständlich ist es nicht.

Vorerst kennen wir also keinerlei Argumente für die traditionelle Annahme, in der Welt zu leben.

 

Bei der häufig anzutreffenden und auch von mir mitunter benutzten Formulierung, unsere Weltbilder seien Konstruktionen, bitte ich, Folgendes zu beachten:

Viele von uns werden sagen „Ich habe nie eine Wahl gehabt“ (Friedrich Nietzsche) oder „irgendetwas konstruiert“; das behaupte ich auch nicht.

Konstruktion bildet für uns einfach den Gegenbegriff zu Abbildung und soll lediglich zum Ausdruck bringen:

Jedes subjektive Weltbild stellt zum einen ein Original dar, das irgendwie hergestellt, erschlossen oder ausgedacht – eben konstruiert – worden sein muß.

Zum anderen benötigt jedes Weltbild – im Gegensatz zur Welt – einen Besitzer, der es hat. Ob er persönlich an der Genese beteiligt war, also mit-konstruiert hat, können wir dabei auf sich beruhen lassen; das spielt keine Rolle und behaupte ich auch nicht.    

 

Traditionell Denkende könnten etwa formulieren:

1. Andere Kulturen haben die objektive Welt schlecht abgebildet.

2. Dadurch sind sie zu einem falschen Weltbild gelangt.

3. Nur wir bilden die Welt adäquat ab.

4. Allein unser Weltbild gibt somit Wissen von der Welt wieder.

5. Es kann nur ein wahres Weltbild geben, das somit intersubjektiv sein muß.

 

Wir würden etwa folgendermaßen korrigieren:

1. Worin unterscheiden sich Konstruieren und (hinreichend) schlechtes Abbilden?

2. Ohne objektive Welt gibt es weder wahre noch falsche Weltbilder.

3. Wir vermeiden den überheblichen Bruch unserer Tradition; alle Kulturen konstruieren.

4. Kein Weltbild stellt Wissen von einer Welt dar – weil es keine gibt.

5. Alle Weltbilder sind subjektiv; das schließt zufällige Intersubjektivität natürlich nicht aus.