1.2.4. Traditioneller Dualismus von Außen und Innen

Ganz tief in unserem Denken wurzelt eine so fundamentale Grundentscheidung, daß wir sie kaum noch als solche erkennen:

Es gibt traditionell eine äußere Wirklichkeit – die Welt –, die aus irgendwelchen Seienden besteht – Sonne, Mond und Sternen beispielsweise –, unabhängig von uns ist und es auch sein muß, denn sie existierte – der Evolutionstheorie zufolge – schon lange vor uns. An den Seienden unterscheiden wir Subjekte und Objekte. Diese entsprechen bloßen Körpern, und jene besitzen zusätzlich noch ein Innen.

Letzteres durchlief im Abendland unter den verschiedensten Namen – als Seele, Geist., Psyche, res cogitans usw. – eine wechselvolle Geschichte. Sie muß uns zunächst nur dahingehend interessieren, daß diesem Innen – zumindest in der Moderne – insbesondere die Aufgabe zukommt, die Wirklichkeit der äußeren Welt zu repräsentieren, darzustellen oder abzubilden.

Damit ergibt sich ein „lupenreiner Außen-Innen-Dualismus“, wie wir ihn wohl alle von René Descartes her mit res existensa und – allein beim Menschen – res cogitans kennen. Alles außer diesen Innen gehört zur ausgedehnten Wirklichkeit der Welt; natürlich auch die menschlichen Körper.

 

 

Außen                            
Welt  
Seiende  
Objekte   Subjekte  
     Dinge oder Körper im weiteren Sinne        (menschliche) Körper im engeren Sinne
 
ausgedehnt oder räumlich   ausgedehnt oder räumlich  
wirklich   wirklich  
                                                          Innen            
      unausgedehnt oder unräumlich    
      unwirklich    
         
      Abbilder der Seienden    
       

 

Abbildung 1.2.4.

 

Aber so lupenrein wie soeben dargestellt ist dieser Dualismus doch nicht; das zeigt sich leicht bei einem etwas gründlicherem Nachdenken:

Vor 10 Jahrmilliarden gab es der Evolutionstheorie zufolge noch kein Innen. Gehen wir einmal von dieser Annahme aus, so ist es jedoch nicht gerechtfertigt, später irgendwann das Innen einfach hinzuzufügen. Denn es handelt sich hierbei keineswegs um eine rein additive Ergänzung, weil mit den Abbildern notwendigerweise auch das Abbilden zur Welt hinzukommen muß.

Daß wir letzteres nicht einfach in der Welt integrieren können, läßt sich sehr anschaulich verdeutlichen, wenn wir die Welt ohne Innen als nullte Näherung betrachten und sukzessive oder iterativ zu verbessern versuchen.

 

                                                     Wirklichkeit°   =   „Welt“ ohne Innen

                                                     Wirklichkeit¹   =   Wirklichkeit°   +   Erkennen der Wirklichkeit°

                                                     Wirklichkeit²   =   Wirklichkeit¹   +   Erkennen der Wirklichkeit¹

                                                     Wirklichkeit³   =   Wirklichkeit²   +   Erkennen der Wirklichkeit²

. . . . . . .

 

„Und das hört nie auf?“

Natürlich nicht; wir holen die Wirklichkeit nicht ein, sondern kommen „immer schon“ oder „ursprünglich zu spät“ (Jacques Derrida), weil auch das Erkennen der Wirklichkeit wirklich erfolgen muß, um tatsächlich ein Erkennen zu sein.

Zugleich können wir an dieser mathematischen Spielerei – Spielerei „ja“, Humbug „nein“ – ein wenig erahnen, weshalb der Glaube, irgendwann durch „Super-Hyper-Quanten-Computer“ einmal alles wissen zu können, unglaublich naiv ist: