1.2.5. Realismus

„Ihr Metaphysischer Explikationismus ist doch ein Idealismus oder Spiritualismus; ohne Welt jedenfalls ein Anti-Realismus; ich habe damit ehrlich gesagt Schwierigkeiten und dachte bisher, ein solches Denken sei längst überholt.

Ohne Welt gibt es keinen Unterschied zwischen Fakten und ‚alternativen Fakten‘ oder sind ‚fake news‘ eben auch news. Dann lügt Donald Trump nicht, sondern interpretiert einfach anders; und überhaupt: Was soll ‚lügen‘ eigentlich noch bedeuten?“

Nichts von Ihren schlimmen Befürchtungen ist gerechtfertigt; versuchen wir die Gründe für unser Mißverstehen ein wenig aus dem Weg zu räumen.

 

Was kann zum einen realistischer sein, als hinter unseren Wahrnehmungen nicht noch etwas anderes – Nicht-Wahrgenommenes – anzunehmen?

Und was hat zum anderen der Glaube, daß eine Welt vorhanden sei, mit Realismus zu tun, wenn wir nicht wissen oder verstehen, worin dieses Vorhanden-Sein besteht?

Unser Metaphysischer Explikationismus ist ein 100%-iger Realismus, weil wir nicht behaupten, von Fakten oder Tatsachen zu wissen, sondern Wissungen besitzen die von Fakten oder Tatsachen der Realität eingeholt, widerlegt oder falsifiziert werden können.

Nur Realisten, die ihre Erfahrungen ernstnehmen, können sich irren.

 

Ein gegenwärtiger Irrtum ist ein Widerspruch in sich; wir können nicht von etwas überzeugt sein und zugleich wissen, daß es nicht stimmt. Unsere Fehler werden erst rückblickend erkannt, nachdem uns die Realität eines Besseren belehrt hat.

Dieses Einsichtig-Sein zeichnet einen Realisten aus; besonders bei Überzeugungen, deren er sich ganz sicher oder in die er gar verliebt war.

Wenn die Realität das ist, was unsere Wissungen auf die Probe stellt und möglicherweise über den Haufen wirft, kann sie keiner Wissung entsprechen. Einge gewußte Realität ist ein widersprüchlicher Wunschtraum

 

„Sie glauben (an) eine Realität; die Annahme sie wissen zu können, ist widersprüchlich. Daraus ergeben sich für mch zwei Fragen.

Es ist dann natürlich konsequent, das Wort „Welt“ abzulehnen, weil das uns allen sehr viel sagt – dies aber nicht dürfte, weil es keine gewußte Welt geben kann. Gibt es ein nichtssagendes Wort, das in eine geeignetere Richtung zeigt?

Und des weiteren frage ich mich, weshalb ich die Wissung A annehmen und die Wissung B ablehnen sollte – ohne jeden Kontakt zur Realität.“

 

Ihrer Bitte um eine geeignete „Erklärung“ für die Realität können wir sehr leicht nachkommen; sie besteht in der Zukunft, da diese

– unabweisbar vor uns steht und kein Entkommen kennt,

– völlig unbekannt ist oder einem großen Fragezeichen entspricht

   (– denn alles, was wir diesbezüglich wissen können, gehört dem Später an –) und

– zeigen wird, was von unserem Wissen übrigbleibt, wenn es ernst wird.

 

Auch Ihre zweite Frage läßt sich relativ leicht beantworten: Wir entscheiden nach Gründen.

Diese haben nichts mit Ursachen oder Kausalität, sondern mit Einsicht zu tun. „Ich bin für die Wissung A, weil das besser zu B paßt“, „weil non-A widersprüchlich wäre“, „weil ich bei C ganz ähnlich denke“, „weil dadurch auch D verständlich wird“ usw.

So versuchen wir, ein möglichst kohärentes Weltbild zu erzielen, in dem jeder Grund von anderen Gründen gestützt wird, so daß das gesamte Weltbild sich selbst trägt und nicht mit einer Realität abgeglichen werden muß – oder auch nur könnte.