1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach (wie Mathematik oder Ökonomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. Bemerkungen der Form „wie man weiß . . .“, „es ist allgemein bekannt, daß . . .“ oder „. . . im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). (Sorry; die beiden heißen wirklich so . . .)

Ich versuche, das zu beherzigen, und schreibe das Buch für Nachdenkliche oder Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

Es hilft wohl niemanden, wenn ich aufzähle, welche Denker mir besonders viel gegeben haben, wenn Sie mit ihnen nichts anfangen können. Wesentlich aussagekräftiger dürften dagegen einige bekannte Namen sein, mit denen Sie vielleicht charakteristische Intentionen verbinden können.

Aufseiten der Subjekte und ihres Lebens verdanke ich Michel Henry, François Jullien, Emmanuel Levinas, Guido Rappe und Paul Ricœur sehr viele Gedanken, für deren Formulierung mir allein häufig sowohl die Einsicht als auch der Mut gefehlt hätten.

Bezüglich der Objekte greife ich aus dem gleichen Grund insbesondere auf Gotthard Günther, Jacques Lacan, Charles Sander Peirce und George Spencer-Brown zurück.

Im Zusammenspiel beider Seiten scheint es mir möglich, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung – zumindest – ein wenig abzufedern. Bei den entsprechenden Überlegungen haben mir Kurt Appel, Stanley Cavell, Martin Heidegger, Josef Mitterer, Georg Picht, Josef Simon und (der späte) Ludwig Wittgenstein vielleicht am meisten geholfen.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme. Auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen. Sie sollen diese freilich nicht einfach wiederholen, sich jedoch als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch, theologisch oder psychologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, jüdischen oder atheistischen Ansätzen teilweise sehr nahesteht. Bei letzteren habe ich freilich einen „anderen, das heißt, durchdachten Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) vor mir, wie wir ihn möglicherweise von Albert Camus, Martin Heidegger, Bruno Latour, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk oder Martin Walser kennen.

Aber das wird natürlich erst deutlich, indem wir selbst denken, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Glück nicht festlegt.