1.4. Philosophischer Hintergrund

Mir liegt sehr daran, daß dieses Buch allen Lesern zugänglich ist, die meine Intention annähernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen möglichst großen Bogen um ihre Geschichte. Das entspricht zudem meiner Überzeugung, daß es Philosophie als Lehrfach ohnehin nicht gibt, sondern nur (eigenständiges) Philosophieren im Sinne des Selbst-Denkens.

Gelegentliche Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenhänge oder Möglichkeiten zu einer gründlicheren Auseinandersetzung hinweisen. 

Bemerkungen der Form „man weiß, daß . . .“ oder „im Sinne von X. Y.“ sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenhänge; jede diesbezügliche Angabe halbiert die Begeisterung – also minimieren wir derartige Floskeln.

Ich schreibe das Buch außerhalb des Elfenbeinturms für Nachdenkliche und Suchende, weder für Ignoranten noch für Alles- oder Besserwisser. Als sein Motto wäre auch dasjenige Michel Foucaults möglich: „Ich denke gern!“ Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.

 

„Experten“ werden sicherlich viele Einwände, Lücken, Unsauberkeiten, Fehler, Wiederholungen usw. finden können; wegen der intendierten Spannweite meiner Überlegungen halte ich das jedoch nicht für kritisch, sondern für selbstverständlich.

Historisch habe ich im Detail gewiß häufig Unrecht; aber mir geht es nur holzschnittartig um die große Linie, weil mehr als sie für die 99,9% philosophischer Laien unter uns weder zumutbar noch notwendig ist.

Thematisch bemühe mich jedoch sehr stark um eine möglichst stringente Gedankenführung. Da ich das analytische oder strukturierte Denken letztlich auch als meine Stärke betrachte, würden mich Fehler in diesem Zusammenhang ernstlich grämen.

 

„Jede philosophische Abhandlung muß in gewissem Sinne eine ‚Einführung in die Philosophie‘ sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, bloße Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren“ (Leo Dümpelmann und Rafael Hüntelmann). 

Ich versuche das und stelle dazu nochmals zwei mir sehr wichtige und für unseren Ansatz charakteristische Punkte heraus:

Auf der einen Seite steht bei all unseren Überlegungen die Frage nach der Wirklichkeit bzw. Wahrheit im MIttelpunkt. Hier habe ich trotz ausführlichem Suchens – wie oben bereits angedeutet – nichts Besseres gefunden als die Lebensphänomenologie von Michel Henry, Renaud Barbaras und Marc Richir. Es gibt meines Erachtens nur eine Wirklichkeit, und das ist Gott bzw. das Leben, weil sich dieses von jenem nicht trennen läßt.

Auf der anderen Seite scheinen mir die drei genannten Autoren nicht ganz konsequent oder ein wenig „feige“ zu sein, wenn sie die Welt beibehalten. Auf den Schultern von Riesen stehend hoffe ich, diesbezüglich ein wenig weiterzukommen.

 

Weitere mir wichtige Autoren sind unter anderem Kurt Appel, Kwame Anthony Appiah, Michel Bitpol, Stanley Cavell, Ernst Cassirer, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Meister Eckhart, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Wolfgang Giegerich, René Girard, Michael Hampe, Martin Heidegger, Tony Judt, Carl Gustav Jung, Alain Juranville, Immanuel Kant, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Jean-Luc Marion, Josef Mitterer, A. M. Klaus Müller, Thomas Nagel, Julian Nida-Rümelin, Friedrich Nietzsche, Mario Perniola, Georg Picht, Thomas Pröpper, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Hermann Schmitz, Josef Simon, Georg Spencer-Brown, Werner Stegmaier, Peter Strasser, Magnus Striet, Charles Taylor, László Tengelyi, Shizuteru Ueda, Gianni Vattimo, Andreas Weber, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizsäcker und Ludwig Wittgenstein.

 

Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.

Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zurücknehme; auf der anderen Seite können wir jedoch nur hoffen, daß die Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen, einer möglichst großen Tradition entsprechen und sich als deren – weitere – Interpretation verstehen lassen.

Denn wäre dies nicht der Fall und wir würden ohne alle Berührungspunkte etwas völlig Neues finden, blieben dafür doch nur zwei Erklärungsvarianten:  

Theoretisch könnten wir götterähnliche Genies sein; praktisch liegt aber die Vermutung wesentlich näher, daß unsere in der Geschichte erstmaligen „Denkergebnisse“ nur Unsinn darstellen, der so absurd ist, daß kein Mensch vor uns jemals darauf gekommen ist

 

Damit läßt sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:

Erst im Nachhinein ist feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das heißt, welche wir – weiter – interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, daß mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen oder atheistischen Ansätzen – im Sinne eines „anderen Atheismus“ (Gregor Maria Hoff) – teilweise sehr nahesteht. 

Aber das wissen wir natürlich erst, nachdem wir selbst gedacht haben, und steht nicht in unserer Taufurkunde, die zumeist vor allem eigenen Denken ausgestellt wurde, dieses aber zum Glück nicht festlegt.