1.4.1. Weltbilder ohne Welt

Die großen Theologen sind sich nahezu unisono darin einig, daß Gott seine Schöpfung nicht gebraucht, sondern in absoluter Freiheit hervorgebracht hat. Nur von ihr her läßt sich auch unsere Gottesebenbildlichkeit verstehen; Gott wollte freie Gegenüber, um sich ihnen schenken und sie damit vergöttlichen zu können.

Dazu „mußte“ uns Gott seine Freiheit vermitteln; ob wir sie tatsächllich besitzen, ist eine ganz andere Frage, die wir (im siebenten Teil) an uns selbst stellen müssen und die erst einmal nichts mit Gott zu tun hat; er wollte eine maximale Freiheit für seine Geschöpfe.

Dann durfte er freilich keine Welt schaffen, denn eine solche objektiv-reale Vorgabe ließe sich hinsichtlich der Freiheit nur als Grenze verstehen. Unser Freiheits-Spielraum wäre – völlig unnötig – auf das begrenzt, was die Welt gestattet, und wir könnten uns hinter ihr verstecken oder mit ihr entschuldigen: „Dafür bin ich nicht verantwortlich; das warst Du.“

Ohne Welt sind wir für „alles“ verantwortlich und bestimmen auch über unser Glauben, Wissen und Denken, das sich nicht unfrei einer angeblich vorgegebenen Welt anpassen muß; entweder größtmögliche Freiheit oder Welt.

 

„Hätten Sie vielleicht ein konkretes Beispiel dafür?“

Nehmen wir an, Gott hätte eine Welt geschaffenen, zu der die Erde gehören würde und sie sei eine Kugel.

Sind diese Fakten einmal bekannt, besteht natürlich theoretisch trotzdem die „Freiheit“ zu denken, sagen oder tun, was wir wollen; aber ganz abgesehen davon, daß das nicht lebensdienlich wäre, müßten wir lügen, Tatsachen ignorieren, mathematisch umdeuten – zum Beispiel die Voll- in eine Hohlkugel – oder dergleichen. Um zu überleben, würden wir uns letztlich irgendwie mit der Erdkugel arrangieren, wie es die modernen Wissenschaften gegenwärtig zu tun glauben.  

„Und Sie behaupten dagegen, daß ohne Welt auch keine Erde existiert und sich die Frage nach deren Gestalt somit erübrigt?“

Nein; natürlich nicht.

 

Zu jeder Subjektivität – dem traditionellen Subjekt – gehört bei uns ein bestimmtes Weltbild, und dieses besteht in der Gesamtheit der dieser Subjektivität bekannten Vorstellungen; einige davon glaubt sie, die anderen lehnt si ab.

Könnten Sie da mitgehen?

„Ja; ich sehe keinen Widerspruch, würde lediglich etwas konkreter werden und nicht von ‚einem bestimmten Weltbild‘ sprechen, weil dies den Anschein erweckt, es könnte sich bei jeder Subjektivität um ein anderes handeln.“

Und woher wissen Sie, daß es sich nicht tatsächlich so verhält?

„Ich kann das natürlich umöglich kontrollieren, weil mir nur mein eigenes Weltbild bekannt und damit jeder Vergleich ausgeschlossen ist. Aber es wissen doch alle, daß nur eine Welt existiert und somit ein einziges Weltbild richtig ist.“

Damit sind wir bei meiner Antwort.

 

Unsere wesentlichste Korrektur am traditionellen Denken besteht darin, das prinzipiell Unerkennbare auch nicht zu behaupten – selbst wenn es „alle wissen“.

Jede Subjektivität besitzt ihr Weltbild.

Es besteht in einer Gesamtheit von „Begriffen“.

(Da wir Begriffe erst später definieren, können Sie diese zunächst durch Vorstellungen ersetzen; das führt einstweilen kaum in die Irre, aber ich wollte nichts Falsches schreiben.)

Die Anführungsstriche sind wichtig; im Weltbild gibt es keine Begriffe, denn jenes ist ungewußt und wird lediglich in diesen gewußt. Die „Begriffe“ sind potentielle Begriffe; jeder von ihnen kann gewußt oder aktual(isiert) werden, aber natürlich nicht alle zugleich. 

Die Verfügbarkeit der Begriffe bildet also den Vordergrund des Weltbilds, das stets im Hintergund bleibt. Solange es konstant ist, sind uns seine „Begiffe“ als Begriffe zugänglich, können sie ständig wiederholt – aus dem Weltbild wieder geholt – werden.

 

Das ist bei den Wahrnehmungen ganz anders; sie sind nicht in dem Sinne verfügbar wie die Begriffe; die Wahrnehmung Eiffelturm läßt sich in München nicht realisieren.

Den Wahrnehmungen fehlt der Hintergrund, den die Begriffe besitzen; aber dieser Hintergrund wäre die Welt – und deswegen entfällt sie für uns.

„Da würde ich Ihnen widersprechen; der Hintergrund der Wahrnehmungen existiert; wir müssen dafür eben nicht nur denken, sondern – in diesem Fall – auch nach Paris fahren.“

Das Argument zieht nicht, weil es zirkulär ist, denn unausgesprochen meinen Sie:

Wir müssen uns in der Welt bewegen, um den Hintergund der Wahrnehmungen, das heißt, die (Existenz der) Welt zu beweisen.

 

„Dagegen kann ich im Moment nicht viel einwenden, aber drei kritische Fragen drängen sich mir schon auf:

Woher kommen die Weltbilder, wenn sie keine Bilder von einer Welt sein können?

Was nehmen wir in den Wahrnehmungen wahr, wenn es gar nichts zum Wahrnehmen gibt?

Ohne Welt können unsere Weltbilder nicht wahr sein; was bewahrt uns vor ihrer Beliebigkeit?“

 

Bei der ersten Frage können wir uns kurzfassen.

Die Weltbilder werden uns gelehrt; in Elternhaus, Schule, Freundeskreis usw. Wir haben sie, mit anderen Worten, nicht einer Welt abgeschaut, sondern erzählt bekommen oder erlesen.

 

Daraus ergibt sich unmittelbar meine zweite Antwort.

Denken wir mit der Tradition von der Welt her, hat es keinen Einfluß auf unsere Wahrnehmungen, ob wir bestimmte Vorstellungen glauben oder nicht; die Seienden werden abgebildet; Punkt.

Setzen wir jedoch bei den Subjektivitäten an, wird unser eigenes Für-wahr-halten entscheidend. Wer glaubt, daß es Hexen gibt, sieht sie vielleicht auch wirklich oder kann sie gar angreifen – „Gott bewahre“ – und verbrennen. Die Anhänger von Verschwörungstheorien legen subjektive „Beweise“ für ihre Vorstellungen vor, und Millionen von Menschen haben schon UFO’s beobachtet.

Wie bei den Transzendentalien entsprechen unsere Begriffe den Formen, in denen wir wahrnehmen; das wäre wieder die traditionelle Essenz, das Wesen oder Was.

Die Unbestreitbarkeit der Wahrnehmungen – ihre Existenz, ihr Sein oder Daß –, kennen wir noch nicht.

 

Zu Ihrer letzten Frage:

Es liegt nur bei uns, ob wir in unserer „grenzenlosen“ Freiheit beispielsweise die Erde als Kugel, Hohlkugel oder Scheibe betrachten; letzteres wie etwa die Mitglieder der Flat Earth Society. Ohne Welt kann nichts unrichtig sein, höchstens nutzlos, unpraktisch, umständlich, häßlich, ungeschickt und dergleichen; die traditionelle Wahrheit – nämlich diejenige der Objekte – verliert sich im Pragmatischen.

Und das soll sie ruhig tun; mir geht es um eine subjektive Wahrheit. Sie ist jedoch nicht nur subjektiv im Sinne einer relativierten traditionellen Wahrheit – wie dies zumeist irrtümlich verstanden, teilweise aber auch unterstellt wird –, sondern eine Wahrheit der Subjektivität und damit eine völlig andere – nicht-relative.

Mit ihr wird unser Weltbild – zwar niemals wahr, aber – überaus wichtig, denn es bildet die einzige Grundlage für unsere Orientierung – zu einem wahren Leben. Deswegen hatte ich oben geschrieben, „Philosophie der Orientierung“ wäre auch eine geeignete Bezeichnung für unseren Ansatz.