1.4.2. Wozu benötigt der religiöse Glaube Philosophie?

„Das ist vielleicht der rechte Ort für eine Frage, die mir schon lange am Herzen liegt:

Wollen Sie noch mehr erreichen oder geht es Ihnen tatsächlich nur um den religiösen Glauben? Seinetwegen wäre doch sicherlich kein so großer philosophischer Aufwand nötig.“

Es geht mir allein um den religiösen Glauben, denn ein wirkliches Mehr kann es – wenn wir ihn recht verstehen – meines Erachtens gar nicht geben, aber dafür ist heute wohl ein gewaltiger philosophischer Aufwand erforderlich.

 

Wer es vermag, einfach nur so zu glauben, kann dies natürlich bei jedem beliebigen Weltbild tun; andere mögen das von außen als schizophren erleben, er selbst vielleicht nicht. 

Aber es gibt Weltbilder – zu denen insbesondere die heute üblichen Spielarten des Materialismus zählen –, die so rund, perfekt oder abgeschlossen zu sein scheinen, daß Gott sowie der Glaube an ihn – vielleicht nicht unmöglich, aber – mit Sicherheit völlig unnötig sind. Natürlich bestehen auch hier noch ungezählte offene Fragen – die vielleicht nach und nach noch beantwortet werden können –, aber keine prinzipielle Fraglich- oder Fragwürdigkeit.

In den Worten von Charles Taylor:

„. . . daß das Aufkommen des neuzeitlichen Säkularismus . . . mit der Entwicklung einer Gesellschaft zusammenfällt, in der ein völlig selbstgenügsamer Humanismus zum erstenmal in der Geschichte zu einer in vielen Kreisen wählbaren Option wird. Unter Humanismus verstehe ich in diesem Zusammenhang eine Einstellung, die weder letzte Ziele, die über das menschliche Gedeihen hinausgehen, noch Loyalität gegenüber irgendeiner Instanz jenseits dieses Geschehens akzeptiert.

Diese Beschreibung trifft auf keine frühere Gesellschaft zu.“

 

Die Brights – „Lichtgestalten der Aufklärung“ – wie beispielsweise Richard Dawkins, Daniel Dennett, Michel Onfray, Michael Schmidt-Salomon oder Gerhard Vollmer engagieren sich vehement für ein solches in sich geschlossenes transzendenzfreies Denken, obwohl es meines Erachtens dem wissenschaftlichen Stand(ard) des ausgehenden 19. Jahrhunderts entspricht.

In unseren Kirchen dagegen interessieren prinzipielle Fragen leider kaum noch. Sie sind zum einen mit ihren organisatorischen Problemen ausgelastet, und zum anderen haben sich die Kirchen nach einem jahrhundertelangen weltanschaulichen Rückzugsgefecht, bei dem sie scheinbar stets auf eindeutig verlorenem Posten standen, philosophisch so weit zurückgezogen, daß sie unangreifbar geworden sind.

Natürlich haben sie dann auch nichts Wesentliches mehr zu sagen; das ist lediglich die unvermeidliche Kehrseite der Unangreifbarkeit. Die Kirchen haben sich in einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander eingerichtet, vermeiden jede weltanschauliche Auseinandersetzung und erheben lediglich den Anspruch, durch die Offenbarung noch etwas Zusätzliches zu wissen und damit dem im wesentlichen akzeptierten exakt-wissenschaftlichen Gesamtbau – der Brights – eine schöne Krone aufsetzen zu können.

 

Die einzig vernünftige Reaktion darauf kann eigentlich nur so lauten

Dieses schmückende Beiwerk erfüllt zwar auch nicht den geringsten Sinn, aber wer will, mag es halt glauben.

Das „Ockhamsche Rasiermesser“ – ein heuristisches Forschungsprinzip, das immerhin der Scholastik entstammt – muß Gott bei unserem materialistischen Weltbild als völlig unnötig wegschneiden, denn es verlangt „höchstmögliche Sparsamkeit bei der Benutzung von erklärenden Theorien“.

Schon Pierre-Simon Laplace konnte Napoleon Bonaparte bestätigen, daß er „die Hypothese Gott nicht benötige“. Verinnerlichen wir uns das bittte: Laplace hat weder gelogen noch sich getäuscht; bereits vor 200 Jahren brauchte er keinen Gott für seinen Ansatz.

Daran hat sich bis heute nichts geandert, und dabei wird es auch bleiben, bis wir die gegenwärtig bestimmenden Weltbilder überwunden haben. 

 

Solange wir also nicht zeigen, daß

unser traditionell-moderner philosophischer Ansatz völlig unbegründet ist,

– er sowohl Fehler als auch ungerechtfertigte Voraussetzungen enthält, 

dieses Denken mit der heutigen Wissenschaft – insbesondere der Relativitäts- sowie Quantentheorie – unvereinbar ist und

– dafür sinnvolle weitaus bessere Alternativen zur Verfügung stehen,

beantworten wir in unserer Verkündigung lediglich Fragen, die kaum noch jemand stellt, stellen will oder gar müßte.

(Auch) deswegen werden die Kirchen leer und nicht, weil „es den Menschen zu gut geht“.

 

Ich kenne zahllose intelligente Atheisten, denen in ihrem Weltbild nichts fehlt.

Und wer darauf mit dem Hinweis reagiert „ja, solange es ihnen gut geht; warte nur ab, wenn sie einmal schwer krank sind oder im Sterben liegen“, wirbt meines Erachtens nicht gerade für den Glauben. Was ist denn das für ein Glaube, der erst attraktiv wird, wenn wir leiden? Kann er dann mehr als pure Jenseitsvertröstung sein?

Der Glaube soll natürlich auch Trost spendenauch –, und das tut er en passant, wenn der Glaube das gesamte Leben aufwertet, weil letzteres durch ihn insgesamt als tiefer und reicher – nicht schöngeredet, sondern – erfahren wird.