1.3.1. Gott denken

Beachten Sie bitte, daß ich vom Verstehen gesprochen und nicht gesagt habe, wir könnten nur glauben, was wir sehen. Ein solcher Standpunkt wäre an Ignoranz oder Naivität kaum zu überbieten, denn wir sehen fast nichts von dem, dessen Existenz wir wohl alle glauben: Sprachen, Zahlen, Erinnerungen, Liebe, Raum und Zeit oder den Erdmittelpunkt.

Daraus folgt wieder eine wichtige Unterscheidung:

Daß in der Eucharistiefeier angeblich die Hostie zum Leib Christi gewandelt wird, kann ich natürlich nicht sehen; das ist jedoch völlig belanglos und stellt unmöglich ein Gegenargument dar.

Aber es gibt ein anderes: Was Substanzen sein sollen, ist heute unverständlich; darauf kommen wir im dritten Teil ausführlich zurück. Weiß ich aber nicht, was eine Substanz ist, kann ich die Wandlung unmöglich als Transsubstantiation verstehen.

Möchte ich dennoch glauben – können –, daß es sich bei der Hostie nach der Wandlung um den Leib Christi handelt, muß ich mich also um eine andere Variante bemühen, dies intellektuell redlich nachzuvollziehen.    

 

„Das ist Hochmut! Sie können doch Gott weder denken noch verstehen!“

Entschuldigung, aber diesen Satz verstehe ich nicht; er scheint mir auf zweifache Weise interpretierbar, jedoch in beiden Fällen nichtssagend zu sein:

Entweder Sie kennen die Bedeutung des Wortes „Gott“; dann wissen Sie also, wer Gott ist, denken oder verstehen somit notwendigerweise etwas von ihm und widersprechen sich folglich selbst.

Oder „Gott“ stellt für Sie ein sinnleeres Wort dar; in diesem Fall wissen wir nicht, wen oder was wir „weder denken noch verstehen“ können. Sie haben also gar nichts gesagt und könnten „Gott“ ebenso durch andere Buchstabenkombinationen wie „Teufel“ oder „Lefuet“ ersetzen.

 

Zusammengefaßt:

Den völlig unbekannten Gott, von dem wir nichts wissen und den wir nicht verstehen, können wir weder glauben noch vertrauen und er kann unmöglich der Träger unserer Hoffnungen sein, denn daß er vielleicht ein Teufel ist, läßt sich dann auch nicht ausschließen – das weiß doch keiner.

Gott ist also theologisch nur in dem Maße und in der Form relevant, wie er unserem Weltbild angehört, wir ihn also wissen, denken, verstehen oder vorstellen können.

 

„Vorstellungen sind aber Bilder, und wir sollen uns kein Bild von Gott machen!“

Ich verstehe diese Bibelstelle etwas nuancierter.

Können Sie ein Verhältnis zu Gott haben oder zu ihm beten, ohne ein – positives – Gottes-Bild zu besitzen?

Das Gebot kann also nur meinen, daß wir unser nicht nur unvermeidliches, sondern – zumindest für Gläubige – sogar notwendiges Gottes-Bild nicht verabsolutieren sollen.

 

Aber auch diese Forderung ist wieder zweideutig:

Traditionell wird sie so verstanden, daß wir unser Gottes-Bild nicht mit dem wahren Gott verwechseln dürfen. Diese Interpretation ist jedoch so sinnleer wie die Worte „wahrer Gott“, was soeben deutlich werden sollte. Wir müßten „Gott“ in unserer Argumentation lediglich durch „wahrer Gott“ ersetzen.

Dann sehe ich jedoch nur noch eine nachvollziehbare Verständnismöglichkeit:

Wir sollen unser gegenwärtiges Gottes-Bild nicht verabsolutieren, sondern lediglich als den Status quo seiner Genese betrachten. Diese ist nicht abschließbar, offen für die Zukunft und führt niemals zum „wahren Gott“, ist aber trotzdem – wie das gesamte Weltbild – überaus wichtig für unser Leben.

 

Ich hätte mich viel kürzer fassen können:

Es ist tautologisch, daß wir nur über die Wissungen des eigenen Weltbilds sprechen können, über unsere Selbstverständlichkeiten, Annehmungen oder Ablehnungen.

Wenn wir also (an) eine Transzendenz glauben und verstehen möchten, was wir selbst sagen, kann diese nicht das ganz Andere sein, sondern muß notwendigerweise unserem Weltbild angehören. Höchstens innerhalb desselben läßt sich also sinnvoll zwischen Immanenz und Transzendenz unterscheiden.

 

Wir können nur in der Form, auf die Weise und in dem Maße (an) Gott glauben, wie wir ihn verstehen. Alles andere ist „kultisches Gerede“ (Gotthold Hasenhüttl) und bezeugt weder einen tiefen Glauben noch achtenswerte Demut, sondern vielleicht nur Desinteresse. Bei dem, was uns tatsächlich wichtig ist, nehmen wir uns auch die Zeit, um intensiv darüber nachzudenken. 

Wenn für Albert Einstein, der dies getan hat, beispielsweise Gott derjenige ist, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“, und nicht ein „Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, dann kann er auch nur an diesen Gott glauben bzw. nicht-glauben; er hat doch gar keinen anderen in seinem Weltbild, und vom „wahren Gott“ versteht auch Einstein nichts.

 

„Stimmt; aber glauben könnte er (an) ihn – ich tue es jedenfalls!“

Jeder Christ kann natürlich einfach glauben, demütig, fromm, zufrieden, dankbar sowie voller Hoffnung sein und versuchen, ein gottgefälliges Leben zu führen; aber das vermag natürlich ein Jude, Atheist, Hindu, Buddhist oder Muslim ebenso.

Das „unterscheidend Christliche“ kann dagegen nur in dem Maße auftreten, wie es verstanden wird, denn Unterscheiden setzt Wissen voraus. Wer nicht weiß, worin A besteht, kann es nicht von non-A unterscheiden. Von kultischem Gerede abgesehen existiert der Unterschied zwischen dem christlichen und beispielsweise buddhistischen Glauben also nur in dem Maße, wie er verstanden wird.

„Letzterer kennt keinen Gott.“

Ja; aber was kennen die Christen, wenn sie nicht wissen, wer oder was Gott ist?

 

Damit sind wir wieder bei meinem Anliegen:

Würde das „unterscheidend Christliche“ hinreichend gut verstanden, kämen wir hoffentlich zu der Einsicht, daß es gar kein unterscheidend Christliches, sondern das entscheidend Menschliche ist. Das entspräche dann Ihrem wahren Gott sowie meiner total intersubjektiven Wirklichkeit, und wir wären uns weitgehend einig.

 

„Jetzt geben Sie den wahren Gott also zu . . . Soeben klang es noch, als würden Sie ausschließlich den Status quo der Genese des eigenen Gottes-Bilds im subjektiven Weltbild anerkennen?“

Ich bestreite die Wirklichkeit des wahren Gottes nicht nur nicht, sondern betrachte sie sogar als die einzige überhaupt. Wogegen ich mich oben gewandt habe, ist lediglich der traditionelle „wahre Gott“; er ist sinnleer oder widersprüchlich – wie ich hoffe, deutlich gezeigt zu haben.

 

Der entscheidende Unterschied besteht meines Erachtens in Folgendem:

Traditionell gibt es einen Weg von uns zum „wahren Gott“; dazu zählen nicht nur gute Taten, sondern auch das Bemühen um ein Wissen oder Verstehen Gottes. Unsere Genese des Gottes-Bilds würde dann auf ihn zielen, und ob sie ihn erreichen kann oder – in einer Negativen Theologie – verfehlen muß, spielt keine Rolle; entscheidend bleibt allein die Wegrichtung.

Meines Erachtens beginnt dieser Weg jedoch allein beim wahren Gott; er kommt zu uns. Wir wollen nichts über ihn herausbekommen und können somit dabei weder erfolgreich sein noch scheitern; unsere Weltbild- und Gottes-Bild-Genese bewegt sich nicht auf den wahren Gott zu, sondern er ermöglicht sie „nur“

Der wahre Gott schenkt uns das Leben und steht damit niemals hinter unseren Wissungen, sondern kommt ihnen stets zuvor. Wir versuchen also nicht, den wahren Gott zu denken, sondern verdanken ihm „nur“ – auch – unser Denken.

Mein Ziel besteht darin zu verstehen, wie ein solches Leben gegen den traditionellen Strich vorgestellt werden kann.