1.3.3. Einheit von Schöpfung und Erlösung als Selbst-Hingabe Gottes

Die Schöpfungs- entspricht der Weihnachtsgeschichte; beide sind sehr schön und vielleicht sogar unüberbietbar – für Kinder. Aber als verbindliche Glaubensvorgabe infantilisierend und damit für einen mündigen Christen beleidigend. Die Alternative, die ein aufgeklärter Erwachsener guten Gewissens und intellektuell redlich glauben kann, besteht jedoch auch nicht in der meines Erachtens ebenso unzumutbaren Evolution.

Ich versuche, die exakten Wissenschaften ernstzunehmen, sehe in ihnen aber nicht den Königsweg zur Wahrheit, sondern versuche sie so in mein Weltbild zu integrieren wie andere Denkweisen auch; nicht nur geisteswissenschaftliche, sondern beispielsweise religiöse, mythische oder künstlerische.

Wir müssen uns meines Erachtens beim Verständnis der Schöpfung vollkommen von jedem Handeln, Machen oder Schaffen (des wahren) Gottes trennen, weil alle derartigen verbalen Vorstellungen notwendigerweise an die „Zeit“ gebunden sind, aber diese selbst zur Schöpfung gehören muß.

Gott schafft nicht in der „Zeit“, sondern ermöglicht auch sie erst.

Das wußte bereits Martin Luther; auf die Frage, was Gott vor der Schöpfung getan habe, soll er unwirsch geantwortet haben: „Er hat sich die Hölle ausgedacht für diejenigen, die so dumme Fragen stellen.“

(Bei wichtigen Begriffen, die traditionell eine ganz andere Bedeutung besitzen als bei uns, versehe ich ihre dortigen Bezeichnungen mit Anführungstrichen; Großbuchstaben integrieren beide Varianten. Zeit ist also die ZEIT im metaphysischen Explikationismus, und „Zeit“ die traditionelle ZEIT.)

 

Als Alternative gehen wir besser von dem grund-legenden Versuch aus zu verstehen, „warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts“ (Martin Heidegger).

Eine Theologie ohne Philosophie war immer problematisch; zumindest heute ist sie völlig ausgeschlossen, weil unser Leben nicht (mehr) in getrennte Ressorts zerfällt, denen dann die einzelnen Wissenschaften zugeordnet werden könnten. Wie sollten wir insbesondere Gott am Menschen vorbei verstehen? Theologie ist ohne Anthropologie ausgeschlossen.

Unser diesbezügliches Konzept für das vorliegende Buch besteht darin, Gottes Erschaffen der Welt durch die „Hingabe seiner selbst für unser Leben“ (Jean-Luc Marion)  zu ersetzen.

 

Meine „Hingabe“ ist unüblich; zumeist steht dafür „Offenbarung“; Gott offenbart sich selbst. Wir wollen also mit Reinhard Hoeps die „Schöpfung als Offenbarung“ verstehen. Aber aus wenigstens zwei Gründen finde ich meine Wortwahl besser:

Zum einen assoziieren wir bei „Offenbarung“ sehr schnell, daß uns etwas von oder über Gott mitgeteilt wurde. Aber das wäre vollkommen daneben und führt nicht zuletzt zu der katastrophalen Irrlehre, die Offenbarung sei ein Wissensschatz, den die  Kirche unberührt durch die – Wirren der – Zeit zu bewahren habe. Wohin ein solches Mißverständnis führen kann, erleben wir zur Zeit an einer Kirche, die  nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und damit ihren Auftrag verrät.

Zum anderen verweist die Hingabe zugeich auf Gabe und damit einen Begriff, der in unserem Ansatz von fundamentaler Bedeutung ist. Nicht zuletzt steht er für die oben betonte Umkehr unserer Denkrichtung vom wahren Gott zu uns; wir können ihn unmöglich suchen, sondern er hat sich (für) uns hingegeben.

 

„Würden Sie sagen, die Erlösung entspräche als Menschwerung Gottes einer Selbst-Hingabe, könnte ich das spontan nachempfinden; aber bei der Schöpfung wird das schon schwieriger. Wieso soll Gott sich dabei etwas vergeben?“

Bitte begnügen Sie sich vorerst mit einer lediglich anschaulichen und deshalb noch unbefriedigenden Antwort:

Gott ist allgegenwärtig, das heißt, es gibt keinen leeren Platz neben ihm und damit auch keinen für eine eventuelle Schöpfung. Die jüdische Mystik löst das Problem in ihrer Kabbala durch einen Selbstverzicht Gottes, den Zimzum. Gott schafft in sich Platz für seine Schöpfung; ohne eine solche Selbstbeschränkung, -verleugnung oder -hingabe wäre die Schöpfung nicht möglich.

Da zu letzterer für uns keine Welt gehört, drängt sich der Gedanke auf, Schöpfung sowie Erlösung als Einheit – anstelle einer nachträglichen Fehlerkorrektur durch Gott – zu denken und diese Einheit mit seiner Selbst-Hingabe zu identifizieren.

 

 

(wahrer) Gott               
Transzendenz  
Sich-selbst-Hingeben oder -Offenbaren
 
noch nicht angenommene Selbst-Hingabe           bereits angenommene Selbst-Hingabe   
 
transzendente Transzendenz      → immanente Transzendenz
 
aktual unendlich       potentiell unendlich  

 

Abbildung 1.3.3.

 

Wir leben nicht in der Welt – das ist ausgeschlossen, weil es keine gibt –, sondern in Gott.

Wir leben nicht, weil er uns einmal erschaffen hat, sondern weil wir ständig oder gegenwärtig durch ihn, mit und aus ihm leben.

 

Wollen wir Gott als Sich-Hingeben verstehen, so setzt dies freie Subjekte voraus, denn eine Gabe muß in Freiheit angenommen werden, um eine Gabe sein zu können; eine Zwangs-„Gabe“ ist keine Gabe, sondern eine Vergewaltigung. Natürlich läßt sich auch die Freiheit wiederum nur als Gabe – der Gottesebenbildlichkeit – verstehen; auf diesen Zirkel kommen wir im siebenten Teil zurück (Kurt Wolf, „Philosophie der Gabe“).

Gott kann sich uns also nur in dem Maße schenken, wie wir ihn in Freiheit annehmen; er hält sich nicht partiell zurück, sondern wir lehnen ihn größtenteils ab.

 

Damit entsteht – durch uns – eine Grenze innerhalb (des wahren) Gottes oder der Transzendenz.

Auf ihrer Außenseite haben wir die (noch) transzendente Transzendenz; nicht weil Gott sich verbirgt, unbegreiflich ist, uns überstrahlt oder was alles so in diesem Zusammenhang gesagt wird, sondern ganz einfach, weil wir ihn nicht weiter wollen.

Die immanente Transzendenz ist derjenige Bruchteil des sich vollkommen verschenken wollenden Gottes, den wir ihm einräumen . . .

„. . . wodurch auch nochmals einsichtig wird, daß wir auf Gott weder zugehen können – zum Beispiel mit dem Versuch, ihn zu erkennen – noch brauchen; wir dürften ihm nur den Zutritt nicht verweigern.“

 

Die Grenze innerhalb Gottes ist also verschiebbar; wir allein bestimmen darüber, wo sie sich befindet, und die Frohe Botschaft besteht meines Erachtens in der Zusage, daß sie von Gott aus völlig verschwinden kann – und soll.

„Dann sind wir Gott?“

Nein; aber daß die Menschwerdung Gottes einer Vergöttlichung des Menschen entspricht, ist ein uraltes scholastisches Topos. Dabei wird jedoch die Differenz nicht eingeebnet, denn es existiert – ganz einseitig – nur ein Geber, von dem alles ausgeht; er gibt sich hin, um uns zu vergöttlichen. Wollten wir werden wie Gott, wäre dies kontraproduktiv und würde zum glatten Gegenteil führen.

Im Bild kommt diese Asymmetrie in der Unterscheidung zwischen dem aktualen und potentiellen Unendlich zum Ausdruck; sobald die beiden Begriffe konkret benötigt werden, kommen wir darauf zurück.