1.3.4. Transzendentalien – Ursprung und Leben

„Das wäre natürlich unfaßbar! Der Inhalt des christlichen Glaubens soll im Kern darin bestehen, daß Gott alles selbst übernimmt und wir uns nur nicht dagegen wehren sollten, von ihm vergöttlicht zu werden? Wer das glauben kann, ist tatsächlich beneidenswert . . .“

Allein dadurch ist der Name „Frohe Botschaft“ gerechtfertigt; aber um das denkerisch nachvollziehen zu können – und nicht einfach „glauben“ zu müssen –, haben wir bei (dem wahren) Gott zu beginnen, und dürfen nicht von unserer – wenn auch noch so großartigen – Gottes-Vorstellung im gegenwärtigen Weltbild ausgehen.

„Damit stehen wir natürlich vor dem nächsten Problem:

Wie wollen Sie denkerisch bei (dem wahren) Gott ansetzen, wenn Ihnen diesbezüglich nur die unwirkliche  Gottes-Vorstellung Ihres Weltbilds zur Verfügung steht – die mit Gott aber auch gar nichts zu tun haben muß? Wieso soll unsere „Vorstellung von Gott“ eine Vorstellung von Gott sein, nur weil wir sie „Vorstellung von Gott“ nennen?

 

Damit haben Sie den springenden Punkt sehr sauber herausgearbeitet.

Auf der einen Seite haben wir (den wahren) Gott, der meines Erachtens die einzige Wirklichkeit darstellt und der sich alles weitere verdankt.

Auf der anderen Seite steht unser Weltbild; es ist rein geistig und somit unwirklich, weil nur gewußt, gedacht oder vorgestellt; zu ihm gehören (eventuell) auch unsere Gottes-Vorstellungen.

Diese beiden Seiten schließen einander aus oder sind (im Sinne der Mengenlehre) überlappungsfrei (disjunkt). Aber daraus dürfen wir nicht den Schluß ziehen, das eine könne mit dem anderen nichts zu tun haben; er wäre definitiv falsch.

 

Wir könnten beispielsweise – mittelalterlich-traditionell gedacht – die transzendente Transzendenz als Himmel (über den Wolken) und die immanente als unsterbliche Seele deuten. 

Die Menschen des Mittelalters hätten mich wahrscheinlich nicht verstanden, aber Sie können problemlos nachvollziehen:

Natürlich ist die transzendente Transzendenz nicht der Himmel und die immanente auch keine unsterbliche Seele. Vielmehr wird hier die Transzendenz im Rahmen eines speziellen Weltbilds interpretiert oder durch dessen Brille gesehen. Die Transzenenz und deren weltbildliche Kategorisierung sind vollkommen unabhängig voneinander. Wer den Himmel und die unsterbliche Seele ablehnt, meint möglicherweise nur diese Interpretationen und muß keinerlei Schwierigkeiten mit der Transzendenz haben.

 

Mit anderen Worten ersetzen wir die Identitäten

transzendente Transzendenz ist gleich Himmel bzw.

immanente Transzendenz ist gleich unsterbliche Seele

durch eine weltbild-abhängige Auslegung

der transzendenten Transzendenz als Himmel bzw.

der immanenten Transzendenz als unsterbliche Seele.

 

Dieses mittelalterliche Beispiel habe ich gewählt, weil es leicht verständlich ist. Aber sein Prinzip bleibt völlig erhalten, wenn wir im weiteren die transzendente Transzendenz als Ursprung und die immanente als unser Leben verstehen wollen. Beides können keine Identitäten sein, denn in dieser Form wären sie widersprüchlich; etwas Wirkliches – Transzendenz – ist nicht unwirklich – Vorstellung.

Die Transzendenz läßt sich nicht in unser Weltbild einordnen, aber wir können sie – in einer ganz speziellen Weise – „auf den Begriff bringen“.

 

 

Transzendentalien      
transzendente Transzendenz immanente Transzendenz      
interpretiert als interpretiert als      
Ursprung Leben                                                                
     
transzendente Transzendenz immanente Transzendenz
Begriffe  
Daß(t) Daß(t)   Was  
wirklich wirklich   unwirklich  

 

Abbildung 1.3.4.

 

Die wirkliche Transzendenz (gelber Hintergrund) und die unwirklichen Begriffe (grüner Hintergrund) schließen einander aus, aber wir betrachten jene als einen von diesen. Beispielsweise kann (der wahre) Gott in der Bibel als zornig oder barmherzig, eifersüchtig oder verzeihend, verhärtet oder mitleidsvoll usw. gedeutet werden. Das hat nichts mit Gott zu tun und ist auch nicht wichtig für ihn – jedoch für uns.

 

Die Tradition bietet uns ein Denkwerkzeug an, mit dem wir das Gemeinte sehr gut darstellen können.

Ihr zufolge bestehen alle Seienden in der Einheit von Daß, Existenz oder Sein auf der einen Seite und Was, Essenz bzw. Wesen auf der anderen. Wir übernehmen diese Unterscheidung, wenden sie aber nicht auf die Seienden an – die ja bereits gecancelt sind –, sondern auf unsere Transzendentalien.

Auch diesen Begriff habe ich von der Tradition übernommen, wo er für das Eine, Wahre, Gute und Schöne steht. Wir wechseln die Seiten – von den Seienden, zu denen auch der gesuchte Gott gehört, zum sich hingebenden Gott – und können damit zwar weiterhin sinnvoll von Transzendentalien sprechen, aber es sind natürlich andere.

 

Die transzendente Transzendenz denken, verstehen, interpretieren oder deuten wir als Ursprung, und die immanente als Leben.

Das bedeutet zunächst, daß sich bei unserem Übergang von der Transzendenz zu den Transzendentalien an der Wirklichkeit nichts andert; diese sind ebenso wirklich, wie jene es ist.

Wir fügen nur etwas hinzu und sagen sinngemäß:

Weder als transzendente noch als immanente läßt sich die Transzendenz für uns denken; deshalb fassen wir sie als Ursprung bzw. Leben auf. Wir behaupten absolut nicht, daß sie das sind, und weisen den Gedanken einer Identität weit von uns. Aber wir müssen denkerisch mit der Transzendenz umgehen (können), und bessere Kategorien als Ursprung resp. Leben stehen uns dafür gegenwärtig nicht zur Verfügung – also müssen wir sie vorerst so hinnehmen.

Da sich an der Transzendenz durch unsere Denkwerkzeuge nichts andert, sondern wir letztere nur additiv hinzufügen, entsteht natürlich auch keine Einheit von beiden, wie dies bei den traditionellen Seienden der Fall ist. Die Transzendentalien sind wirklich; aber was sie sind, sind sie nicht; ihr Was kommt lediglich von uns.

 

Die transzendente Transzendenz ist weder der Himmel noch der Ursprung und die immanente weder die Seele noch das Leben; auch hat Gott keine Eigenschaften wie zornig oder barmherzig, eifersüchtig oder verzeihend bzw. verhärtet oder mitleidsvoll usw. 

„Also doch Negative Theologie?“

Jein; nur bezüglich (des wahren) Gottes – Daß(t) –, aber positive Theologie hinsichtlich unserer Gottes-Begriffe oder -Bilder – Was. Das ist wichtig, denn dadurch vermeiden wir jegliches „analoge Denken“, das unmöglich als Denken im Sinne der Logik verstanden werden kann.